die Tote begraben konnte . Er fing an zu zählen und zu rechnen , aber er konnte zu keinem Abschlusse kommen . » Es ist das erstemal , daß sie für ihre Person etwas braucht , « sagte er leise vor sich hin und gedachte des verschossenen Kleides , das sie jahraus , jahrein getragen hatte . Er rechnete alles zusammen , was er an Außenständen in Eile wohl eintreiben konnte , aber die Summe war klein und bei weitem nicht genügend , die Begräbniskosten zu bestreiten . Auch die drei Fuder Torf , die er morgen und übermorgen allenfalls nach der Stadt schicken konnte , vermochten daran nichts zu ändern . Darauf nahm er ein Blatt Papier vor und fing an , die Kosten zusammenzuzählen : Ein Sarg 15 Taler Der Platz auf dem Kirchhof 10 Taler Dem Küster 5 Taler Das Linnen zum Totenhemde 2 Taler Dann die Kosten des Begräbnisses , das der Vater wahrscheinlich so großartig wie möglich hergerichtet wissen wollte : 10 Flaschen Portwein 10 Taler 1 Kiste Zigarren 2 Taler 2 Achtel Bier 2 Taler Zutaten für den Kuchen ... das Weizenmehl war zwar im Hause , aber Zucker , Rosinen , Mandel , Rosenwasser usw. mußten neu beschafft werden . Wieviel würde das wohl ausmachen ? Er rechnete eifrig , aber die Taxe wollte nicht stimmen . » Die Mutter wird ' s schon wissen , « dachte er , und eben wollte er sie um Rat fragen , da - sah er , daß sie tot war . Er erschrak heftig . Erst jetzt , da seine Phantasie sie wieder lebendig gemacht hatte , begriff er , daß er sie verloren . - Er wollte laut aufschreien , aber er bezwang sich , denn er mußte weiterrechnen . » Verzeih mir , Mütterchen , « sagte er , mit der Rechten ihre kalten Wangen streichelnd , » ich kann noch nicht um dich trauern , ich muß dich erst unter die Erde bringen . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Drei Tage später sollte das Begräbnis stattfinden . Wie Paul vorausgesehen , hatte der Vater es sich nicht nehmen lassen , eine große Festivität zu veranstalten . An alle seine Freunde in der Stadt hatte er Einladungen gesandt , auf schönem Glanzpapier mit fingerbreitem Trauerrande . - Seinem Schmerze hatte er darin in schönen , wohlgewählten Worten Ausdruck gegeben , auch nirgends versäumt , seinen Namenszug mit einem weitausgreifenden Schnörkel zu versehen . Am Wachtabend , als die Leiche eben aufgebahrt worden , trafen die beiden Brüder ein . Sie waren seit vielen Jahren nicht daheim gewesen , und Paul hätte sie beinahe nicht wiedererkannt . Gottfried , der Gymnasiallehrer , ein würdiger Mann mit strengem Gesichtsausdruck und dem Ansatz zu einem Bäuchlein , führte eine junge , schwarzbeflorte Dame am Arm , seine Braut , die mit verwundertem Blicke die niedrigen , ärmlichen Räume maß und sich bemühte , eine ebenso freundliche wie schmerzbewegte Miene zu zeigen , da ihre Lage beides von ihr verlangte ... Max , der Kaufmann , kam hintendrein . Er sah ein wenig locker aus , sein kecker Schnurrbart wollte sich vergebens in die Gemütsverfassung eines frischverwaisten Sohnes hineinzwängen , und seine Trauer äußerte sich weniger in Schmerz als in Unbehagen . Beide Brüder umarmten den Vater feierlich , und die fremde junge Dame neigte sich hernieder und küßte ihm erst die Hand und dann die Stirne . - Alsdann begrüßten sie die Zwillinge , die in ihren Trauerkleidern frischer und lieblicher dreinschauten denn je . - Paul , der an der Türe stand und verlegen seine Mütze drehte , hatten sie übersehen . Endlich fragte Gottfried : » Wo ist unser Bruder ? « Da trat er schüchtern vor und reichte ihm die Hand ... Drei Augenpaare maßen ihn prüfend ... » Wär ' ich doch erst draußen ! « dachte er , und sobald es anging , machte er sich in dem Stalle zu schaffen . Gottfried folgte ihm dorthin . Paul erschrak , als er ihn kommen sah , denn er wußte nicht , was er mit dem vornehmen Mann reden sollte . » Lieber Bruder , « sagte jener , » ich habe eine Bitte an dich . Kannst du meiner Braut nicht ein freundlicheres Logis verschaffen ? Sie fühlt sich ein wenig beengt in der Kammer der Mädchen . « » Ich werde ihr mein Giebelzimmer einräumen , « sagte Paul . » Du würdest mich zu Dank verpflichten , wenn du es tätest . « Dann richtete er noch etliche Fragen an ihn über die Leiden der Mutter , über den Viehstand und über die Hypotheken , die auf dem Grundstück lasteten . » Ihr Armen , « sagte er , » habt wohl manche Sorgen gehabt . Aber hast du es dir auch angelegen sein lassen , die letzten Tage unserer seligen Mutter so viel als möglich zu erleichtern ? « Paul versicherte , er hätte getan , was in seinen Kräften gestanden . » Das freut mich , « erwiderte der Bruder in strengem Tone , » es wäre eine schwere Pflichtversäumnis gewesen , wenn du es unterlassen hättest . - Und nun komm , laß uns gemeinsam vor die Leiche der Verklärten treten , damit sie vom Himmel herab die Ihren all beieinander schaue . « Er bot Paul die Hand und zog ihn in das Zimmer , in dem die Mutter friedlich zwischen Blumen und Lichtern ruhte und wo die andern schon versammelt waren . Paul blieb beklommen in der Tür stehn . Er hätte viel darum gegeben , hätte er für einen Augenblick mit der Toten allein sein können , da es aber nicht anging , schlich er sich leise hinaus und schaute von draußen durch das Fenster , wo die fremden Gaffer aus dem Dorfe standen , als wäre er einer