kommt . So ungefähr äußerte sich Martin Salander der Gattin gegenüber , als sie später neben ihm am Tische saß und bemerkte , es dünke sie , die Sänger hätten ein wenig stark falsch gesungen . » Und das Volk hat recht ! « schloß er . » Warum recht ? Früher , es ist freilich lange her , dachtest du anders , als der Wohlwend so falsch sang und deklamierte ! « » Hm ! Ja , das heißt , es ist nicht der gleiche Fall ! Dieser tat es in einer gebildeten Welt , inmitten eines Vereines wohlgeübter Leute , die er störte . Hier hätte er niemandem die Freude verdorben ! « Marie Salander ließ aber den Mann noch nicht los von dem leise geführten Zwischengespräch . » Es will mir aber doch scheinen , daß es nicht ganz recht sei , das gute Volk nicht auch darüber aufzuklären . Was brauchen sie denn so schwere Stücke zu singen , die sie nicht ausführen können ? Mich dünkt , wer in der einen Sache pfuscht , gewöhnt es sich auch in allen anderen Dingen an , und man darf ihm zuletzt nirgends mehr die Wahrheit sagen , er leidet es einfach nicht ! « Martin schwieg hiezu eine Minute und sann , in das Kelchglas blickend , das er in der Hand hielt . Dann ließ er es sanft an dem ihrigen klingen und sagte : » Trink auf deine Gesundheit , Marie ! Du sollst den ersten Toast haben an dieser Hochzeit , ganz im stillen ! Und jetzt wollen wir der Sache den Lauf lassen ! « Sie trank unverweilt einen besseren Schluck als gewöhnlich und mit ihm einen jener kurzen Sonnen-oder Silberblicke , die mit der Länge der Zeit sich immer mehr verlieren , wenn die Menschen sich in Wind und Wetter leise ändern , so daß die Klugen weniger klug , die weniger Klugen Narren und die Narren oft schnell noch Halunken werden , eh sie sterben , wie wenn sie Gott weiß was versäumten . Als die Mama Weidelich , die gegenüber saß , das verstohlene Anstoßen des Ehepaars Salander bemerkte , hielt sie ihr Glas auch herüber und rief fröhlich : » Potztausend , darf man nicht dabei sein ? « Sie stießen mit ihr an , der Weidelichsvater kam auch herbei , und von da verbreitete sich das Klingeln über den ganzen Tisch , über alle Tische wie ein Sturmgeläute , ohne daß man wußte , wie es entstand und was es bedeute ; und als man nichts Gewisses erfahren konnte , lachte alles über den blinden Lärm , der darum nicht minder vergnüglich gewesen . Da das Essen eben erst begonnen und Salander ein verfrühtes Reden befürchtete , welches die Gastgemeinde darin störte , die Ordnung des Auftragens unterbrach und die Schüsseln kalt werden ließ , so forderte er die Musik auf zu blasen und fleißig fortzufahren . Das taten die ältlichen Kriegstrompeter auf die zweckmäßigste Art. Statt der geläufigsten Soldatenmärsche führten sie eines ihrer Konzertstücke auf , mit denen sie Staat zu machen pflegten , nämlich die für eine kleinere Blechmusik arrangierte Ouvertüre zu der Oper » Wilhelm Tell « . Mit redlicher Mühe , im gemächlichsten Zeitmaße halfen sie sich so vorsichtig und Gott vertrauend über das Meer von Schwierigkeiten hinweg , daß die tafelnden Völker weder im Essen noch im gemütlichen Gemurmel der einzelnen Nachbargruppen beirrt wurden und am Ende , welches auch diese Tathandlung nahm , mit einem donnernden Bravo die gewissenhaften acht Männer lohnten . Dankbar ließen sie nach kurzer Pause eine mutig schmetternde Marschweise erschallen , und etwas später ein beliebtes Volkslied , worauf sie aber schleunig das Wasser aus den Instrumenten ablaufen machten und dicht hintereinander das Treppchen an ihrer Bühne herunterstiegen , um in die Ecke zu eilen , wo auch für sie der Tisch gedeckt war . Da soeben in Erwartung neuer Gerichte die Teller gewechselt wurden , benutzte der Herr Pfarrer den Augenblick , das erste Lebehoch auf die Brautpaare und beiderseitigen Eltern auszubringen . Er schlug mit dem Messerrücken kräftig an das Glas , blickte gebieterisch umher , bis das Tellerklappern nachließ , unterstützt durch Silentiumrufen , und erhob dann die weithin tönende Stimme . Seine Toastrede bildete die Ergänzung der gehaltenen Predigt . Erst schilderte er das Elternhaus der soeben vermählten Jünglinge , den schlichten Landmann , der im Verein mit der rastlosen Hausfrau sich zu bescheidenem Wohlstande emporgeschwungen , aber wozu ? » Nur um das blühende Knabenpaar , welches der im All waltende Gott in christlichem Ehestande ihnen aus reicher Hand geschenkt , des Segens der Schulanstalten teilhaftig werden zu lassen mit derselben unermüdlichen Opferwilligkeit , mit welcher unser Volk sie begründet hat und durch alle Stürme aufrecht hält ! Und wie hat dieser Segen angeschlagen ? Es ist ein ewig denkwürdiges Beispiel ! Nach kaum erreichtem Alter hat das Volk die Jünglinge , ja Jünglinge sage ich ! an wichtige Amtsstellen berufen , deren treue Verwaltung namentlich der landwirtschaftlichen Ökonomie so unendlich wichtig ist ! Und nicht nur das ; in unsere höchste Landesbehörde , die nur das Gesamtvolk und Gott allein über sich hat und sonst niemanden fürchtet , hat es sie gleichzeitig entsendet , eine Ehre , welche wohl kaum je einem so bescheidenen Hause widerfahren ist . Blicket hin und seht sie dort beieinander sitzen , Eltern und Söhne , in all ihrem Werte , als ob es sie nichts anginge ! « Sie schauten den Sprecher unverwandt an , als alles Volk nach ihnen sah und Beifall rief . Erst jetzt kehrte sich der Vater ab und blickte verlegen vor sich nieder ; die Mutter wischte sich die Augen , aus denen die Tränen flossen , und faltete die Hände ; die Söhne neben ihren Bräuten verneigten sich leicht gegen die Rufenden und den Redner , der weitersprach : » Treten wir hinüber in das bräutliche Haus , was sehen wir da ? Auch einen aus dem Volke hervorgegangenen Mann