durch Wochen hin geblieben , bis endlich in den großen und kleinen Vorbereitungen zum Feste der ganze Vorfall vergessen worden war . Und nun war das Fest selber da , der Heilige Abend , zu dem auch diesmal Rubehns jüngerer Bruder und der alte Prokurist , die sich zur Rückkehr nach Frankfurt nicht hatten entschließen können , geladen waren . Auch Anastasia . Melanie , die noch , vor Eintreffen ihres Besuchs , allerlei Wirtschaftliches anzuordnen hatte , war ganz Aufregung und erschrak ordentlich , als sie gleich nach Dunkelwerden und lange vor der festgesetzten Stunde die Klingel gehen hörte . Wenn das schon die Gäste wären ! Oder auch nur einer von ihnen . Aber ihre Besorgnis währte nicht lange , denn sie hörte draußen ein Fragen und Parlamentieren , und gleich darauf erschien das Vrenel und trug eine mittelgroße Kiste herein , auf der , ohne weitere Adresse , bloß das eine Wort » Julklapp « zu lesen war . » Ist es denn für uns , Vreni ? « fragte Melanie . » I denk schon . I hab ihm g ' sagt : ' s isch der Herr Rubehn , der hier wohnt . Un die Frau Rubehn . Un do hat er g ' sagt : ' s isch schon recht ; des isch der Nam ' . Un do hab i ' s g ' nomme . « Melanie schüttelte den Kopf und ging in Rubehns Stube , wo man sich nun gemeinschaftlich an das Öffnen der Kiste machte . Nichts fehlte von den gewöhnlichen Julklappszutaten , und erst als man , unten am Boden , eines großen Gravensteiner Apfels gewahr wurde , sagte Melanie : » Gib acht . Hierin steckt es . « Aber es ließ sich nichts erkennen , und schon wollte sie den Gravensteiner , wie alles andere , beiseite legen , als sich durch eine zufällige Bewegung ihrer Hand die geschickt zusammengepaßten Hälften des Apfels auseinanderschoben . » Ah , voilà . « Und wirklich , an Stelle des Kernhauses , das herausgeschnitten war , lag ein in Seidenpapier gewickeltes Päckchen . Sie nahm es , entfernte langsam und erwartungsvoll eine Hülle nach der andern und hielt zuletzt ein kleines Medaillon in Händen , einfach , ohne Prunk und Zierat . Und nun drückte sie ' s an der Feder auf und sah ein Bildchen und erkannt es , und es entfiel ihrer Hand . Es war , en miniature , der Tintoretto , den sie damals so lachend und übermütig betrachtet und für dessen Hauptfigur sie nur die Worte gehabt hatte : » Sieh , Ezel , sie hat geweint . Aber ist es nicht , als begriffe sie kaum ihre Schuld ? « Ach , sie fühlte jetzt , daß das alles auch für sie selbst gesprochen war , und sie nahm das ihrer Hand entfallene Bildchen wieder auf und gab es an Rubehn und errötete . Dieser spielte damit hin und her und sagte dann , während er die Feder wieder zuknipste : » King Ezel in all his glories ! Immer derselbe . Wohlwollend und ungeschickt . Ich werd es tragen . Als Uhrgehäng , als Berloque . « » Nein , ich . Ach , du weißt nicht , wieviel es mir bedeutet . Und es soll mich erinnern und mahnen ... jede Stunde ... « » Meinetwegen . Aber nimm es nicht tragischer als nötig und grüble nicht zuviel über das alte leidige Thema von Schuld und Sühne . « » Du bist hochmütig , Ruben . « » Nein . « » Nun gut . Dann bist du stolz . « » Ja , das bin ich , meine süße Melanie . Das bin ich . Aber auf was ? Auf wen ? « Und sie umarmten sich und küßten sich , und eine Stunde später brannten ihnen die Weihnachtslichter in einem ungetrübten Glanz .