ziehen ; er erzählte ihr die Geschichte vom Hinscheiden seiner Frau , auch von dem , was diesem Hinscheiden unmittelbar vorausgegangen war . Es war das Folgende . Die junge Gräfin , nach einem heftigen Hustenanfall , schien in einen Zustand tiefen Schlummers zu verfallen , auch der Graf , ermüdet von tagelangem Wachen , schlief in seinem Lehnstuhl ein . Es war spät , nur eine Schirmlampe brannte . Als er erwachte , bemerkte er , daß die Kranke aufgestanden war und sich der Tapetentür eines Wandschrankes näherte . Eine lethargische Schwere , zugleich ein dunkeles Gefühl , daß er die Kranke in ihrem Tun nicht stören dürfe , hielten ihn in seinem Lehnstuhl fest . Er sah nun , daß sie zunächst ein Kästchen aus dem Schranke , dann aus einem verborgenen Fach des Kästchens eine Anzahl Briefe nahm , die mit einer roten Schnur zusammengebunden waren . Sie schritt wieder zurück , an ihm vorbei , glaubte sich zu überzeugen , daß er schlafe , und trat dann an den Kamin . Sie berührte die Briefe mit den Lippen , löste die Schnur und warf dann jeden einzelnen Brief vorsichtig , damit die Flamme nicht zu hell aufschlüge , in das halberloschene Feuer . Als alles verglimmt war , kehrte sie an ihr Lager zurück , hüllte sich in die Decken und atmete hoch auf , wie befreit von einer bangen Last . Es war ihr letztes Tun . Ehe der Morgen kam , war sie nicht mehr . Welch ein Tag für den Überlebenden ! Er hatte sich geliebt geglaubt ; nun war alles Wahn und Traum . Wessen Hand hatte die Briefe geschrieben , die die Empfängerin bis zuletzt wie ein Allerteuerstes gehegt hatte ? Er frug es immer wieder ; aber keine Antwort . Das Geheimnis war bei der Toten und der Asche im Kamin . So hatte der Graf erzählt . Die Erzählung selbst aber , wie schon angedeutet , besiegelte die Freundschaft , die von jenem Tage an unauflöslich zwischen dem Witwergrafen und Hohen-Ziesar und der Gräfinwitwe auf Schloß Guse bestand . Schloß Guse hatte jedoch nur einen Drosselstein ; alles andere , was sich von » allerlei Freunden « daselbst versammelte , konnte so ziemlich als Revers des Grafen gelten . Ihm im Range am nächsten stand Präsident von Krach , ein Mann von Gaben und Charakter . Er galt als ein bedeutender Jurist , hatte durch hartnäckige Opposition den Zorn des großen Königs herausgefordert und seinerseits , in tiefer Verstimmung über die bei dieser Gelegenheit erfahrene Unbill , sich nach Bingenwalde zurückgezogen . Er war hager , groß , scharf , wenig leidlich . Sein hervorstechender Zug war der Geiz . Er beanstandete jede Rechnung und bezahlte sie , nach dem Grundsatze : » Zeit gewonnen , Zins gewonnen « , immer erst nach eingeleitetem prozessualischen Verfahren . Die Betroffenen spotteten , daß es aus alter Anhänglichkeit an die Gerichte geschähe , zu denen sich sein juristisches Paragraphenherz doch immer wieder hingezogen fühle . Eines besonderen Rufes genossen auch seine Diners , die , wiewohl alljährlich nur einmal wiederkehrend , ein wahres Schrecknis der gesamten Oderbruch-Aristokratie bildeten . Einzig und allein der alte Bamme - den seine Trinkgelder und Kordialequivoken zum Liebling aller als Livreediener eingekleideten Kutscher und Gärtner machten - hatte sich bisher unter Anwendung von Flascheneskamotage diesem Schrecknis zu entziehen gewußt , so daß beispielsweise Baron Pehlemann auf das ernsthafteste versicherte : » Nie , während sämtlicher Krachschen Diners , sei seitens des Generals ein Tropfen anderen Weines als aus seinem eignen , Bammeschen , Keller getrunken worden . « Bamme selbst , ohnehin von einer beinahe krankhaften Neigung erfüllt , sein Husarentum coûte que coûte zur Geltung zu bringen , ließ sich solche Huldigungen gern gefallen , ermangelte aber andererseits nie , natürlich nur zugunsten neuer Malicen gegen Krach , seinen Schlauheitstriumph über diesen entschieden in Abrede zu stellen . Krach , so schwur er , sei viel zu scharf , um getäuscht werden zu können ; er habe den Kriminal- und Inquisitorialblick einer dreißigjährigen Praxis , er sehe alles , er wisse alles ; aber freilich , er schweige auch , weil er bei kleinem Ärger die großen Vorteile der Situation sofort überblicke und in Wahrheit nur von einer Frage bestürmt werde : » Warum sind sie nicht alle Bammes ? « Die Gräfin , persönlich von großer Freigibigkeit , nahm wenig Anstoß an diesem Geiz . Sie hatte lange genug gelebt , um zu wissen , daß das gegen sich selbst und andere gleich erbarmungslose Sparen den Körper fest und zäh , den Geist scharf und schneidig mache , vor allem auch der Ausbildung von Originalen günstig sei , freilich keiner angenehmen . Aber darauf kam es ihr nicht an . Was schließlich den Ausschlag zugunsten Krachs gab , war , daß auch der Prinz einen starken Hang zum Ökonomisieren gehabt hatte . Die dritte Figur des Kreises war der schon mehrgenannte Generalmajor von Bamme oder der » General « , wie er kurzweg in Schloß Guse genannt wurde , ein kleiner , sehr häßlicher Mann mit vorstehenden Backenknochen und Beinen wie ein Rokokotisch ; die ganze Erscheinung husarenhaft , aber doch noch mehr Kalmück als Husar . Er gehörte einem alten havelländischen Geschlechte an , Haus Bamme bei Rathenow , das mit ihm erlosch . Die Wahrheit zu gestehen , erlosch nicht viel damit . Seine eigene Jugend war hingewüstet worden ; wunderbare Geschichten gingen davon um . Ein adliges Fräulein , das sich von ihm geliebt glaubte , Tochter eines Nachbars , hatte er in Unehre gebracht ; den Bruder , der auf Eheschließung drang , jagte er vom Hofe . Das Mädchen selbst , übrigens im Hause der Eltern bleibend , wurde irrsinnig . Ein Jahr später starb der alte Bamme ; Vater und Sohn waren einander wert gewesen . Sie setzten des Alten Sarg auf eine Gruftversenkung , und neben den Sarg , eine Fackel in der Hand , stellte sich