hätte . Von der Gemeinde wurden die Schloßbewohner nur vom Tale aus bemerkt , sobald sie sich auf den Terrassen bewegten . Selbst Ein- und Ausgang nahmen sie nicht durch den Wirtschaftshof , sondern unterhalb durch den Garten . Diese Ein- und Ausgänge beschränkten sich indessen auf einen fast täglichen Samariterweg die arme Frönerschlucht hinan und allezeit auf den Vater und die älteste Tochter . Was aber auf diesen Wegen erbaulich und hülfreich gespendet und allmählich auch gebessert worden ist , das schätzte und dankte Pastor Blümel als einen persönlich empfangenen Segen . Wie freudig würde er Hand in Hand mit diesem Paar die Schäden in seiner Gemeinde ausgeheilt haben ! Schon vor den Schloßbewohnern war der neue Pächter eingezogen , mit welchem sich indessen , da er nicht eine mildherzige Rosine , sondern eine handfeste Großmagd zu seiner Eheliebsten erkoren hatte , keine Pfarrfreundschaft hegen ließ . Den Wirtschaftsbetrieb änderte er insofern , als er die Hofprodukte in die entferntere nördliche Nachbarstadt absetzte , weil er mit dem Besitzer des Talgutes und des reichen Bielitz , welcher die seinen nach wie vor in die nahe Kreisstadt tragen ließ , nicht Konkurrenz zu halten vermochte . In der Morgenfrühe jedes Mittwoch und Sonnabend fuhr daher ein schwer beladener Pächterkarren nach X. , und mehr als einmal saß in Ferienzeiten Dezimus , nicht im neuen Schülerrock , aber im alten Leinenkittel hinter dem Knecht auf einem Butterkübel , um für seinen Vater in der alten Dombibliothek ein seltenes Bücherexemplar zu entlehnen oder bei dem Schloßgärtner ein seltenes Blumenexemplar zu erhandeln , bei Wege auch wohl für die Mutter diese oder jene wirtschaftliche Besorgung abzumachen . An einem des Predigtstudiums halber lektionsfreien Sonnabend während der Ernteferien des nächsten Jahres machte er wieder einmal diese Marktfahrt mit . Ein werter Amts- und Blumenbruder Vater Blümels hatte von einem ausländischen lieblich duftenden Gewächs berichtet , das der Schloßgärtner heuer in besonderer Üppigkeit zum Blühen gebracht habe . Vater Blümel schmachtete nach dem Duft der unbekannten Gardenia , und sein Dezem freute sich , ihm zu dem Genuß verhelfen zu dürfen . Doch war es ein Fleischergang ; die Spezies bereits ausverkauft . Der Abgesandte wurde an den Gärtner Reichart in der Universitätsstadt , der noch Vorrat habe , verwiesen . In der Universitätsstadt ! Den Knaben durchzuckte ein Blitz : das Ziel seiner Sehnsucht seit Jahr und Tag ! So oft hatte er die Hälfte des Weges zu diesem Ziele zurückgelegt , ohne daß ihm der Einfall gekommen wäre , auch die zweite Hälfte zurückzulegen . Heute kam ihm der Einfall . » Ich hole meinem Vater die Gardenia auf der Universität ! « rief er entschlossen . Würde er sie ihm geholt haben , würde er zwei Meilen in das Blaue hinein gerannt sein , wenn » auf der Universität « nicht die Warte mit den in den Himmel dringenden Rohren gestanden hätte ? Weiß schon ein Kind , was ein Vorwand - nun ja ! aber auch , was ein Selbstbetrug ist ? Gleichviel : ob die Mutter der Weisheit oder Kindesliebe , ein Genius war es , welcher Held Dezem in sein erstes Abenteuer hetzte . Zunächst in die vorstädtische Ausspännerei , wo dem Knecht die erklärende Bestellung in das Pfarrhaus übertragen wurde ; dann spornstreichs voran auf der schnurgeraden , pappelgesäumten Chaussee . Den Weg verfehlen konnte er nicht , und weitere Skrupel sparte er sich . » Erst hole ich die Gardenia , dann gucke ich fix einmal durch das große Rohr und laufe in der Nacht nach Hause zurück . « So sein Programm . Daß das Gucken durch das große Rohr mehr Schwierigkeit machen könne als etwa das Wasserschöpfen an einem Born , daran dachte er nicht . Nach den Sternen gucken kann jeder , so gut wie Wasser schöpfen . Daß er hungrig und müde werden könne , daran dachte er noch viel weniger ; so satt war er von Erwartung und so rege von Lust . Und noch satt und rege erreichte er am Nachmittag das städtische Tor . Er hatte sich eine Universität anders vorgestellt . Nichts als ganz gewöhnliche Häuser , längs ganz gewöhnlicher Gassen in einer ganz gewöhnlichen Stadt , wie er schon ihrer zwei hatte kennen lernen . Die Gassen liefen geradeaus , nach dieser , nach jener Seite , liefen kreuz und quer . Wohin sollte er sich nun wenden ? Er fragte eine Heringshökerin - nach der Sternwarte ? - o nein ! welcher Jüngling wird den Namen seiner ersten Geliebten vor einer Heringshökerin entweihn ? Er fragte nach dem Gärtner Reichart . » Da mußt du erst geradeaus gehen , dann links , dann wieder rechts , und wenn du ans Wasser kommst , mußt du weiter fragen , « belehrte recht anschaulich die Hökerfrau . Und Dezimus lief geradeaus und links und wieder rechts , fragte auch diesen und jenen und schaute sich zwischendurch nach allen Seiten um , ob nicht irgendwo die hohe Warte in den Himmel rage . Aber bis zum Gärtner Reichart sollte es immer noch weit sein , und ein paar Türme sah er wohl über die kleineren Häuser sich erheben , aber einen Bau , so majestätisch , so ganz absonderlich , auf dessen Dache statt der Feueressen goldglänzende Rohre gen Himmel gerichtet waren , solch ein ragendes Wunderwerk erblickte er nirgends . Endlich gelangte er an den Fluß , und weil nicht alsobald ein Mensch zum Weiterfragen bei der Hand war , schritt er eine Weile auf einem schmalen Pfade zwischen dem schilfbewachsenen Ufer und umzäunten Gärten voran . Über einer von diesen Gartentüren konnte ja leicht das Schild des Gärtners Reichart angebracht sein . Bei der Wendung um eine vorspringende Gartenmauer stand er jählings wie in den Boden gewurzelt . Sein Atem stockte , die Augen starrten in die Höhe . Auf steilem Felsen , zwischen Bäumen und wirrem Strauchgeschlinge ragte ein Turm , ragten Mauern und Pfeiler , wie er noch keine gesehen . So grau und anscheinend wandelbar