in der abgelegenen Mauerstraße nie eine verschönernde Restauration erfahren hatte ... Sie mußten alle darin wohnen , wie sie nacheinander folgten , und das Geschäftslokal , die große steingewölbte Stube mit den braunen Ledertapeten sah heute noch genau so aus , wie dazumal , wo in ihr jene kostbaren Zwiebeln verpackt wurden , aus denen , vor den entzückten Augen der fieberhaft erregten Tulpenfanatiker , die despotisch herrschende Blumenkönigin in neuem Farbenspiel emporsteigen sollte . Die alten Herren , die mit einer Hand zarte Blumengestalten pflegten und mit der anderen eiserne Ketten und Panzer um ihr nachfolgendes Geschlecht zu gürten suchten , hätten doch am besten wissen sollen , daß Abart oder Varietät bei ihrem Durchbruch nicht nach dem Gängelband der Gesetze fragt , und wenn sie weise gewesen wären , hätten sie diese Blumenerfahrung auch zu gunsten der Menschennatur gelten lassen . Eberhard Claudius , ein geistig offenbar sehr bedeutender Mensch , hatte unter den beengenden Traditionen des Hauses jedenfalls schwer leiden müssen , aber er hatte sich zu helfen gewußt . Wie man sich erzählte , war seine schöne , vornehme und leidenschaftlich geliebte Frau in den düsteren Räumen des Vorderhauses schwermütig geworden ... Da waren - ohne daß die Welt es ahnte - eines Tages fremde Arbeiter gekommen , hatten unter Anleitung eines französischen Baumeisters inmitten des umfangreichen Waldreviers , das durch weite Mauern umgrenzt zu dem Grundbesitz der Firma gehörte , eine Anzahl uralter , geschonter Bäume ausgerodet , und allmählich war im beschützenden Walddickicht ein heiteres Schlößchen voll Sonnenlicht und schwellender Seidenpolster , voll flatternder Liebesgötter und deckenhoher Spiegel , welche die Schönheit der angebeteten Frau glanzvoll zurückwarfen , in die Lüfte gestiegen . Und an dem Tage , wo die bleiche Blume zum erstenmal den märchenschnell hervorgezauberten Teich umschritt , und in der weiten sonnigen Halle dem zärtlich besorgten Mann aufjauchzend um den Hals gefallen war , hatte er das Schlößchen ihr zu Ehren » Karolinenlust « getauft . Eberhard Claudius war auch der Begründer des Antikenkabinetts und der reichhaltigen Bibliothek und Handschriftensammlung gewesen . Er hatte Italien und Frankreich durchreist und mit seltenem Kennerblick Schätze der Kunst und Wissenschaft aufgefunden und eingeheimst , die aber auf deutschem Boden , in den Räumen der Karolinenlust ebenso verborgen hausten , wie die schöne , neu aufblühende Frau . Nach ihm war Konrad , sein Sohn , Chef des Hauses geworden und in die alten Geleise zurückgekehrt . Er hatte mit puritanischer Strenge die alten Hausregeln auch im Innern wieder aufgerichtet , hatte die Karolinenlust , als ein gegen den Geist der Vorfahren verstoßendes Werk des raffiniertesten Luxus- und Weltsinnes , samt ihren Schätzen unter Schloß und Riegel gelegt , und die Varietät war erst wieder in seinem Enkel , Lothar Claudius , zum Durchbruch gekommen . Dieser hatte sich entschieden geweigert , Vertreter der Firma zu werden , als er und sein jüngerer Bruder Erich sehr früh beide Eltern verloren . Sein feuriges Temperament entschied sich für die militärische Karriere . Er avancierte schnell , wurde geadelt und Adjutant und bevorzugter Liebling des Landesfürsten . Nun wurde die Karolinenlust wieder aufgeschlossen . Sie eignete sich vortrefflich zum Wohnsitz für den hochaufstrebenden , sich abzweigenden Ast des alten Handelsgeschlechts , und , wie um gegen jegliche fernere Gemeinschaft mit dem Vorderhause zu protestieren , wurde plötzlich sogar am Brückenkopf auf Seite der Karolinenlust eine festverschlossene Thür angebracht . Da residierte nun , umgeben von einer wahren Waldeinsamkeit , der schöne , junge Offizier , während im Vorderhause der Buchhalter Eckhof das Geschäft verwaltete , bis der in einem Knabeninstitut erzogene Erich Claudius von seinen Reisen zurückkehrte und , den alten Traditionen getreu , mit eiserner Ausdauer und Arbeitskraft sein Erbe antrat . Für das Antikenkabinett hatte der verstorbene , flotte , gefeierte Offizier so wenig Verständnis gehabt wie seine Vorgänger . Die Kisten und Kasten im Souterrain waren nicht berührt worden seit langen Jahren , bis plötzlich der junge Herzog an das Ruder kam und eine wahre Leidenschaft für Archäologie an den Tag legte . Mein Vater , eine der größten Autoritäten , wurde nach K. berufen , und nun wuchsen die Antiquitätenliebhaber wie Pilze aus der Erde . - Seine Hoheit hätte Höchstseine Residenz mit ihnen pflastern können . Die Ballgespräche bei Hofe wimmelten von griechischen , römischen und etruskischen Altertümern , und schwerwiegende Wörter , wie Numismatik , Glyptik und Epigraphik , perlten nur so von den rosigen Lippen der graziösen Tänzerinnen . Die Nachricht von dem neuen Umschwung bei Hofe hatte Dagobert in das stille Geschäftshaus der Mauerstraße gebracht . Fräulein Fliedner , die noch bei Lebzeiten der letztverstorbenen Frau Claudius , Lothars und Erichs Mutter , als Stütze derselben , in das Haus gekommen und seitdem , kraft testamentlicher Verfügung , in ihrer Stellung als Kastellanin und Verwalterin verblieben war , wußte manches Halbverschollene aus der Familie zu erzählen , und so erinnerte sie sich auch der eingesargten Antiken . Dagobert hatte meinen Vater davon in Kenntnis zu setzen gewußt . Der letztere erzählte später wiederholt , daß er einen Augenblick zweifelhaft lächelnd vor dem haus mit der strengen , ehrbar bürgerlichen Physiognomie gestanden habe : aber er war doch eingetreten , um die Erlaubnis , behufs einer Nachforschung , von dem Besitzer zu erbitten . Herr Claudius hatte sie erteilt , wenn auch dem Anschein nach nicht besonders gern . Am frühen Morgen war mein Vater in das Souterrain der Karolinenlust hinabgestiegen und den ganzen Tag nicht wieder zum Vorschein gekommen ; er hatte weder gegessen , noch getrunken , er war wie toll vor Aufregung gewesen - eine ungeheure Fundgrube für die Wissenschaft hatte sich vor ihm aufgethan ... Herr Claudius gestattete das Auspacken und Aufstellen der Kunstschätze und räumte meinem Vater die Wohnung im Erdgeschoß und die unumschränkte Benutzung der Bibliothek ein . Dies alles erfuhr ich freilich nicht in den ersten Tagen meines Aufenthaltes in K. Ich war da überhaupt wenig geneigt , mich zu orientieren ; denn , nachdem sich die Flut der ersten Eindrücke einigermaßen gelegt