nach der Begegnung mit Franz II. sich nach Mainz begab , sah er noch hinlänglich Weile , bis jener sich mit der Armee jenseits des Rheins vereint haben werde . Mein Vater schüttelte den Kopf zu dieser plötzlichen Lässigkeit . » Da sieht mans , « so meinte er , » welch ein eigen Ding es für einen Sachsen ist , und wäre es zum stolzesten Fluge , sich unter die preußischen Adlerfänge zu bequemen . « Ich schwieg , denn ich verstand den Kampf zwischen Epos und Roman in diesem jungen Herzen , fühlte ihn tief im eigenen . Dorothee war völlig sorglos . Einmal fragte sie mich ängstlich , ob die sächsische Armee auch mit in den Krieg ziehe ? Und als ich die Frage verneinte , lächelte sie seelenvergnügt . Ein Siegmund Faber , welcher der Gefahr täglich näher entgegenrückte , schien für sie nicht auf der Welt zu sein . Es war am Nachmittage des 2. August , daß der Prinz , stürmisch aufgeregt , bei uns eintrat ; er brachte Braunschweigs Manifest aus dem Hauptquartiere Koblenz . All seine Begeisterung war wieder angefacht ; er bat dem bewährten Feldherrn seine Zweifel ab . » Der Himmel sei gepriesen , « so rief er , » des Königs ritterlicher Geist hat über die schnöde Eigensucht gesiegt . Das ist der Tenor , der die entfesselte Bestie in den Käfig zurücktreibt . Nun rasch nur geharnischte Taten auf das geharnischte Wort , und am Tage des heiligen Ludwig setzen wir seine gefährdete Krone frisch erglänzend auf des Enkels Haupt . « Er weilte nur wenige Minuten , umarmte den Vater , drückte uns Frauen die Hand und stürmte von dannen . Er hatte nicht Lebewohl gesagt , aber wir wußten , daß es ein Abschied war - vielleicht fürs Leben . - Bis tief in den Abend hinein saßen wir schweigend beieinander . Ob die Eltern ahnten , was sich in mir bewegte ? Ob sie heimliche Hoffnungen gehegt hatten , mehr als ich selbst ? Zu wiederholten Malen begegnete ich ihren sorgenvoll auf mich gerichteten Blicken . Als ich die Treppe zu meiner Kammer hinaufstieg , erinnerte ich mich einer , welche diese Trennung unvorbereiteter und niederschlagender treffen mußte als mich selbst . Ich klinkte an Dorothees Tür , fand sie aber verschlossen . Sie pflegte früherhin niemals so spät in ihres Vaters Hause zu weilen , und entfernte sich niemals am Abend zu einem anderen Besuche . Wo mochte sie sein ? Ich war nicht ruhig genug , dieser Frage nachzuhängen . Es mußte aufgeräumt werden im inneren Revier , und so saß ich denn lange , es mochten Stunden sein , unbeweglich in meiner Kammer . Monate lagen hinter mir , bei aller Entsagung die reichsten meines Lebens . Was von losen Hoffnungen und Träumen nicht zu bannen gewesen war , jetzt mußte es verschwinden , verschwinden mit dem , welcher die Einbildung angefacht , verschwinden für alle Zeit . Es war ein Mann , rasch zum Lieben und Wiederlieben , nicht einer , der nach dem Aufbrausen der Leidenschaft Ruhe erträgt und gewährt . Fort denn mit den Schimären der Reckenburg , fort auf Nimmerwiederkehr . Ich wollte das , wollte es ernsthaft , und ohne Erfolg war meine Anstrengung selber in diesen ersten Stunden nicht . Ich sah zwei von uns richtig gestellt wieder auf den Platz , von welchem sich ihre Wünsche einen Moment verirrt hatten : den Prinzen im Kampfe gegen die Feinde altgeheiligter Ordnung ; mich in der Werkstatt von Reckenburg . Schwer war es allein , das zum Leben erwachte Kind in seiner bräutlichen Witwenkammer still wieder einzurichten . Aber wo blieb Dorothee ? Hatte ich ihren leisen Schritt überhört ? Ein Wort der Aufklärung und des Trostes sollte nicht bis morgen verzögert werden . Tränen rinnen am stillsten in der Nacht , und Kinder schlummern sanft , nachdem sie sich ausgeweint haben . So klinkte ich denn noch einmal an der Tür und fand sie noch immer verschlossen . Sie mochte wohl früh zur Ruhe gegangen sein und von innen verriegelt haben . Es war eine stillschwüle Hochsommernacht ; der Mond schien von der Gartenseite hell durch die geöffnete Bodenluke . Ich bog mich hinaus und atmete in einem tiefen Zuge den Duft , der von den Nelkenbeeten in die Höhe stieg . Mir gegenüber ragte das Schloß ; ein Nachtlicht flackerte im Zimmer des Eckturms , in welchem mein junger Held zum letztenmal ruhte oder sich zur Abreise rüstete . Es wurde mir schwer , mich von dem Flämmchen loszureißen , nur zögernd senkte sich der Blick hinab auf die Terrasse , welche der Mond fast mit Tagesklarheit beleuchtete . In diesem Augenblicke - war es ein Phantom des aufgeregten Blutes , war es Wirklichkeit ? - sah ich zwei Gestalten aus der Laube gleiten , aus der Brautlaube Siegmund Fabers . Sie schmiegten sich aneinander ; fein und hell das Weib an die Seite des Mannes , dessen dunkle Umhüllung sie halb umfing . Es war ein einziger Blick , aber nein , nicht eine Täuschung , und was ich auch immer geahnt - bis zu diesem Abgrunde hatte die Einbildung sich nicht verirrt . Mir schwindelte , ich schwankte und klammerte mich an die Brüstung der Luke . Als ich zagend den Blick wieder in die Höhe schlug , sah ich eine dunkle Gestalt durch das Pförtchen verschwinden , unten aber wurde die Haustür leise geöffnet . Ich floh in meine Kammer , deren Schloß ich nicht mehr zuzudrücken wagte . Schon hörte ich Schritte auf der Treppe und hätte um die Welt nicht meine Nähe verraten mögen . Aber vielleicht , daß es eine erste nächtliche Begegnung gewesen war , eine erste und letzte zum ewigen Lebewohl . Atemlos lauschte ich an der Spalte der Tür . Nein ! dieser elastische , hüpfende Schritt , dieses freie , volle Hauchen der Brust , sie sprachen nicht von Scheiden und Meiden . So schwebt