und auch der Wind hatte sich gelegt . Der Himmel war fast noch grauer als gestern , aber kein Lüftchen regte sich mehr . Es war doch ein wunderliches Zusammentreffen ! Hätte ich den Herrn Leutnant doch noch einmal gesehen ... Und die Last auf meinen Schultern ist schon so schwer ! O was gäbe ich darum , wenn ich die Adresse des Moses wüßte ! Der Posthalter fühlte die Verpflichtung , seinen Gast zu erheitern , und erzählte die merkwürdigen , lustigen und traurigen Vorkommnisse des Fleckens ; aber Hans konnte nur halben Ohres darauf hören ; - - - sie waren fort , und er hielt es zuletzt auch nicht mehr aus in der dumpfen Wirtsstube . Er mußte ebenfalls fort , er mußte frische Luft schöpfen . Er bezahlte also seine Rechnung und ging ab , begleitet von den besten Segenswünschen des Posthornes ! Er durchschritt den verschlafenen Flecken , ohne nach rechts und links zu blicken ; erst als er sich wieder auf der Landstraße befand , sah er auf und umher und hätte fast den Wind von gestern zurückgewünscht . Gestern war doch noch wenigstens Leben , wenn auch ein unheimliches ; aber heute rief jede kahle Furche : Der große Pan ist tot ! - und die Wolken senkten sich trauernd auf die gestorbene Erde herab . Es war ein Glück für den Wanderer , daß der Weg hinter dem nächsten Dorf in einen weiten Tannenwald führte . War ' s darin auch noch dunkler als zwischen den freien Feldern , so wirkte doch der frische Duft des Harzes kräftigend auf Sinn und Seele . In diesem Tannenwald ließ Hans Unwirrsch wenigstens die beunruhigenden Gedanken an den Jugendgenossen zurück , denn als er wieder aus der Dämmerung des Forstes hervortrat , erhoben sich am Horizont jene Höhen , hinter welchen die Heimatstadt lag , und vor dem Bild der kranken Mutter mußte nunmehr alles andere zurückweichen , selbst das Bild der lieben jungen Dame , die ihm gestern abend gegenübergesessen hatte . Ununterbrochen wanderte Hans Unwirrsch fort ; er gönnte sich keine Rast mehr . Mit unwiderstehlicher Gewalt trieb es ihn vorwärts ; um die zweite Stunde des Nachmittags stand er am Rande jenes Waldes , von welchem man Neustadt zu seinen Füßen liegen sieht . » O Mutter ! Mutter ! « seufzte Hans , die Hände der Stadt zustreckend . » Ich komme , ich komme . Ich bin ausgezogen in großer Hoffnung , und ich komme heim in großem Schmerz und mit vielem Zweifel . O liebe , liebe Mutter , willst du dein Kind auch verlassen ? Du kannst das nicht . Weh mir , daß ich nicht dort unten geblieben bin , weh über die falsche Sehnsucht , die mich über diesen Berg und Wald so trügerisch hinausgelockt hat ! Was bringe ich heim , was mir und dir Ersatz bereiten könnte für das aufgegebene , verlorene , ruhige , friedliche Glück , in welchem meinem Vater die Tage verflossen sind ? « Nun kam ihm der schreckliche Gedanke , die Mutter sterbe , während er hier oben zögere , und er lief die Höhe hinunter , bis ihm der Atem ausging und er sich im gemäßigten Gang ein wenig faßte . Nun schritt er durch das alte Tor und nun durch die Gassen der Stadt . Aus manchem Fenster blickte man ihm nach , manch ein Bekannter begegnete ihm und grüßte ihn ; er aber konnte auf niemand achten . Er befand sich in der Kröppelstraße , er stand vor dem väterlichen Hause ; er kniete am Bett der Mutter und wußte nicht , ob seit dem Augenblick , wo er am Rand des Gehölzes stand , eine Minute oder ein Jahrhundert vergangen sei . Auch über das , was in den ersten Momenten nach dieser Heimkehr gesprochen wurde , konnte er keine Rechenschaft ablegen . Es wurde auch vielleicht nichts gesprochen . Jetzt las er von dem Gesichte , in den zerstörten Zügen die furchtbaren Leiden der Mutter und weinte bitter . Jetzt flüsterte er ihr zu , daß er da sei , daß er niemals wieder fortgehen wolle , daß auch sie ihn nicht verlassen dürfe . Und dann bemühte sich die Kranke mit matter Stimme , ihn zu beruhigen , und er fühlte eine Hand auf seiner Schulter und richtete sich endlich empor . Die Base Schlotterbeck stand hinter ihm ; an ihr hatte sich nichts verändert , und leise ermahnte sie ihn , sich zu fassen und die Kranke nicht zu sehr aufzuregen . Da war auch der Oheim Nikolaus Grünebaum , sehr weich und scheu ; der Oheim Grünebaum , ein Mann , der da wußte , daß alles seine Zeit hat und daß alles auf die gehörige Weise betrachtet und behandelt und besprochen werden muß . Nun reichte Hans sowohl der Base als auch dem Oheim die Hand , und beide sprachen ihm tröstend und beruhigend zu . Er sah sich wieder einmal um in dem ärmlichen , niedern , dunkeln Zimmer , und trotz aller Trauer , trotz alles Schmerzes , zu welchem er gerufen war , fühlte er eine Beruhigung , eine Sicherung in sich , die er während der qualvollen Wanderung für immer glaubte verloren zu haben . Jetzt machte der Oheim Anstalt , seine Gefühle in wohlerwogener Rede kundzugeben ; aber die Base legte sich nach dem ersten bedenklichen Räuspern ins Mittel und führte ihn halb durch Überredung , halb mit Zwang aus der Tür , wobei et wenigstens noch über die Schulter zurückrief : » Rege ihr nicht auf , Hans . Geh human mit ihr um ; betrage dir als ein filialer Sohn und ein gefaßtes Gemüte , der Doktor hat es uns streng verordnet . « Als Mutter und Sohn allein waren , sagte die Mutter : » Du mußt es mir vergeben , Hans , daß ich dich von deiner Arbeit hab abrufen lassen ; aber ich hatte solch ein groß Sehnen nach dir