mädchenhaft zierlichen Schriftzügen , durchwoben mit hübschen feinen Federzeichnungen . Da ist ' s. So erzählte Elise an jenem fernen Abend , als der Brunnen neben uns plätscherte : » Ich saß neulich mal des Abends ganz allein . Du warst ausgegangen , Onkel ; Gustav war am Morgen schon mit seiner großen Mappe angezogen , um Bäume und Bauerhäuser zu zeichnen ; wo die Tante war , weiß ich nicht ; kurz , ich war mutterseelenallein , und nur mein guter , dicker Kater schnurrte auf der Fußbank neben mir und putzte sich den Schnauzbart . Ich hatte eine Menge Augen an meinem Strickzeug fallen lassen und durchaus keine Lust , sie wieder aufzunehmen . So schrob ich denn die Lampe tief herunter und blickte aus dem Fenster in den Mond , der nicht ganz so voll wie heute über die Dächer und Schornsteine heraufkam . Es war ganz dämmerig in der Stube , und nur zuweilen tanzte ein Lichtschein aus den Fenstern drüben über die Wände . Da plötzlich war der Mond hoch genug gestiegen , ein glänzender , lustiger Strahl schoß wie ein weißer Blitz über meinen Topf mit Nachtviolen und ein Glas mit Waldblumen , welches neben mir stand , und - mit ihm kam mein Märchen oder mein Traum . Es war zu hübsch ! - Zuerst guckte ich eine ganze Weile in die glänzende Straße auf dem Boden , die immer weiter rückte , als - auf einmal - ihr glaubt ' s gewiß nicht - der ganze Strahl von unzähligen , kleinen , zierlichen , durchsichtigen Flügelgestalten lebte , die darin auf- und abschwebten und durch ihren Glanz selbst die Bahn bildeten . Halb erschrocken und halb erfreut sah ich diesem wundersamen Weben zu , als plötzlich das Blumenglas im Fenster einen schrillen , langanhaltenden Ton , wie er entsteht , wenn man mit dem Finger um den Rand eines Glases streicht , von sich gab . Das Wasser darin hob und senkte sich , blitzte , funkelte und bewegte die Waldrosen hin und her ; die Blüten der Nachtviolen öffneten sich , und aus jeder schwebte ebenfalls ein zierlich geflügeltes Wesen , fast noch feiner als die Lichtgeisterchen . Nach allen Seiten flatterten sie , den köstlichsten Duft verbreitend . Währenddessen tönte der schrille Ton des Glases fort , bis er mit einem Male aufhörte , gleich einem Faden durchschnitten , worauf eine tiefe Stille eintrat . - Jetzt hatte der Mondstrahl deinen Schreibtisch erreicht , Onkelchen ; das kleine Geistervolk tanzte lustig über deinen Büchern und Papieren , und so weit hatte ich mich schon von meiner Verwunderung erholt , daß ich herzlich über die sonderbaren Kapriolen einiger der winzigen Dingerchen lachen konnte , die auf alle Weise sich bemühten , in unser großes Dintenfaß zu gucken , ohne den Mut zu haben , sich in die Nähe zu wagen . Andere wieder schwebten über den Federn , und noch andere machten sich um einen recht dicken , abscheulichen Dintenklecks zu schaffen , welcher nicht trocknen wollte ; sie schienen ihm das Lebenslicht mit aller Macht ausblasen zu wollen . Ich weiß nicht , wie lange ich diesen zauberischen Wesen zugesehen hatte , als eine Menge feiner Stimmchen Folge , folge ! rief und ich , immer kleiner werdend , endlich selbst als ein solches geflügeltes Figürchen in den Tanz gezogen wurde und mit den Geistern des Mondlichts und den Duftgeistern der Waldblumen und der Nachtviolen langsam dem Fenster zuschwebte . Denn wie der Mond noch höher stieg , zog sich auch der Strahl mit seinen glänzenden Bewohnern wieder zurück und lief hinab an der Hauswand , um in die Gasse hinunterzusteigen . - Ich hatte durchaus keine Furcht , trotzdem daß es da draußen wie eine verzauberte Welt war . - Die ganze Gasse war ein Gewirr von Tönen und Licht , und nichts von dem Leben und Weben des Geistervolks war mir mehr verborgen , und von Geistervolk lebte und wehte alles ! Dabei hatte ich auch nicht die Fähigkeit verloren , die gröbere , gewöhnliche Welt zu schauen und zu vernehmen ; ich kannte und belauschte die Leute in den Haustüren , die Kinderköpfe in den Fenstern , die schlafenden Sperlinge und Schwalben in ihren Nestern ; es war wunderhübsch ! - Jetzt zog der Strahl mit seinen Bewohnern schräg über unsere Wand fort und glitt auf die Fenster unserer Nachbarn zu . Halb zehn Uhr hörte ich ' s schlagen , als der Reigen vor dem Fenster der armen Frau Nudhart , die mit ihrem kranken Kind da wohnt , ankam und zitternd über einen knospenden Rosenbusch in das kleine Zimmer glitt . Leise singend schwebten die Geisterchen des Lichts , und ich mit ihnen , über den Fußboden hin , jagten sich um den Schatten des Rosenbusches auf dem Boden , küßten das bleiche Kindergesicht auf dem Bettchen und die ebenso bleichen Züge der darüber hingebeugten , armen , sorgenvollen Mutter . Wir bringen Hoffnung , wir bringen Genesung , wir bringen Leben ! flüsterten die Geister . Das kranke Kind legte seine magern Händchen lächelnd in den zitternden Strahl auf seinem Kissen . Wir bringen Hoffnung , Genesung , wir bringen Leben , sang ich mit im Chor , und fast widerstrebend folgte ich dem zurückweichenden Strahl . Noch einen letzten Blick konnte ich zurück ins Zimmer werfen , und im nächsten Augenblick schwebte ich schon wieder in der Gasse . Die Tante aber mußte jetzt wohl nach Haus gekommen sein , denn plötzlich mischten sich die Töne ihres Flügels in den Reigen : ich hörte , wie der alte Marquart drunten vor seinem Keller die Jungen zur Ruhe ermahnte . Aber mein Abenteuer war noch nicht zu Ende . Wir waren jetzt vor dem Fenster des ersten Stockes unseres Nachbarhauses ; ein heller Lampenschein drang aus dem Zimmer hervor , und über ein Glas mit Goldfischen und das Strickzeug in den Händen der Frau Hofrätin Zehrbein schwebten wir hinein lustig und glänzend ohne eine