ich keinen Wert darauf legte und viel zu beschaulich war . Meine jetzigen Schulgenossen hingegen bis auf den kleinsten herab schwammen alle wie die Fische im See herum , sprangen und kletterten wie Katzen , und es war hauptsächlich ihr Spott , welcher mich zwang , mir einige Haltung und Gewandtheit zu erwerben , da sonst wohl mein Eifer bald erkaltet wäre . Denn es ist nicht zu leugnen , daß das allzu pedantische Betreiben solcher Dinge nicht nur gedankenreichen Erwachsenen , sondern auch einem Kinde , dessen Phantasie öfters spazierengeht , unbequem werden kann . Aber noch viel tiefer sollten die Veränderungen in mein Leben einschneiden . Ich war nun in eine Umgebung geraten , welche sämtlich mit einem mehr oder minder genugsamen Taschengelde versehen war , teils infolge häuslicher Wohlhabenheit , teils auch nur infolge herkömmlichen städtischen Wohllebens und sorgloser Prahlerei der Eltern . An reichlicher Gelegenheit , Ausgaben zu machen , fehlte es noch weniger , da nicht nur bei den gewöhnlichen Übungen und Spielen auf den entlegenen Plätzen Obst und Backwerk zu kaufen üblich war , sondern auch bei größeren Turnfahrten und militärischen Ausflügen mit klingendem Spiel es für männlich galt , sich in den entfernten Dörfern hinter Wurst und Wein zu setzen . Dazu kamen noch die Ausgaben für allerhand Spielereien , welche in der Schule abwechselnd Mode wurden unter dem Vorwande nützlicher Beschäftigung , ferner der lehrreiche Besuch aller fremden Sehenswürdigkeiten , von welchem allem sich regelmäßig entfernt halten zu müssen einen unerträglichen Anstrich von Dürftigkeit und Verlassenheit verlieh . Meine Mutter bestritt mit gewissenhaftem Eifer alle die ungewohnten Ausgaben für Lehrmittel , Instrumente und Material und gab mir hierin sogar für eine gewisse Verschwendung Raum . Mit den feinen Zirkeln des Vaters durchstach ich das schönste Papier in der Klasse ; jede Gelegenheit nahm ich wahr , ein neues Heft zu errichten , und meine Bücher waren immer am elegantesten gebunden . Allein für alles andere , was im geringsten des Überflusses verdächtig schien , beharrte sie unerbittlich auf dem Grundsatze , daß kein Pfennig unnütz dürfe ausgegeben werden und daß ich dies frühzeitig lernen müsse . Nur für die allgemeinsten Ausflüge und Unternehmungen , von denen zurückzubleiben ein zu großer Schmerz für mich gewesen wäre , gab sie mir ein kärgliches Geld , welches jedesmal schon in der Mitte des frohen Tages aufgezehrt war . Dabei hielt sie mich in weiblicher Unkenntnis der Welt nicht etwa in der Abgeschiedenheit zurück , wie es sich zu ihrer strengen Sparsamkeit geschickt hätte , sondern ließ mich meine ganze Zeit in der Gemeinschaft der anderen zubringen , mich nur unter lauter wohlgezogenen Knaben und unter der Aufsicht des großen , angesehenen Lehrerpersonales wähnend , während gerade dadurch das Mitmachen und Vergleichen unvermeidlich wurde und ich in tausend Verlegenheiten und schiefe Stellungen geriet . In der Einfachheit und Unschuld ihres Gemütes und ihres Lebenslaufes hatte sie keine Ahnung von dem unheilvollen Giftkraute , welches falsche Scham genannt wird und in den frühesten Tagen des männlichen Lebens um so mehr zu wuchern beginnt , als es von der Insolenz der alten Menschen eher gehätschelt und gepflegt als unterschieden und ausgereutet wird . Unter tausend Jugendfreunden und Mitgliedern von Pestalozzi-Stiftungen gibt es vielleicht keine zwölf , welche aus ihren eigenen Erinnerungen sich noch auf das Abc des kindlichen Gemütes besinnen und wissen , wie sich daraus die verhängnisvollen Worte bilden , und man darf sie eigentlich nicht einmal darauf aufmerksam machen , sonst werfen sie sich sogleich auf dieses Gebiet und errichten darüber ein Statut . Auf Pfingsten ward einst ein großer jugendlicher Feldzug verabredet ; sämtliche kleine Mannschaft , einige Hundert an der Zahl , sollte mit klingendem Spiel ausrücken und , über Berg und Tal marschierend , die bewaffnete Jugend einer benachbarten Stadt besuchen , um mit derselben gemeinschaftliche Paraden und Übungen abzuhalten . Es herrschte eine allgemeine Aufregung , gemischt aus der Freude der Erwartung und aus der Lust der Vorbereitung . Kleine Tornister wurden vorschriftsmäßig bepackt , Patronen wurden so viele als möglich über die bestimmte Zahl angefertigt , unsere Zweipfünderkanonen sowie die Fahnen bekränzt , und überdies ging unterderhand das Gerede , wie unsere Nachbaren nicht nur propere und gedrillte Soldaten , sondern auch aufgeweckte und lustige Zecher und Kameraden wären , daß es also nicht nur gelte , sich möglichst blank und strack zu halten , sondern jeder sich gut mit Taschengeld zu versehen hätte , um den berühmten Nachbaren auf jede Weise die Stange zu halten . Dazu wußten wir , daß dort die weibliche Jugend ebenfalls teilnehmen , festlich gekleidet und bekränzt uns beim Einmarsche begrüßen und daß nach dem gemeinschaftlichen Mahle getanzt würde . Auch in dieser Hinsicht ware wir nicht gesonnen , uns etwas zu vergeben ; es hieß , jeder solle sich weiße Handschuhe verschaffen , um beim Balle ebenso galant als militärisch zu erscheinen , und alle diese Dinge wurden hinter dem Rücken der Aufseher mit solcher Wichtigkeit verhandelt , daß es mir angst und bange ward , allem zu genügen . Zwar war ich einer der ersten , welcher Handschuhe aufzuweisen hatte , indem meine Mutter auf meine Klage aus den begrabenen Vorräten ihrer Jugend ein Paar lange Handschuhe von feinem weißem Leder hervorzog und unbedenklich die Hände vorn abschnitt , welche mir vortrefflich paßten . Hingegen in betreff des Geldes lebte ich der betrübten Aussicht , jedenfalls eine gedrückte und enthaltsame Rolle spielen zu müssen . In solchen Betrachtungen saß ich am Vorabend der Freudentage in einem Winkel , als mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf fuhr , ich das Hinausgehen der Mutter abwartete und dann zu dem Schranke eilte , in welchem mein Schatzkästchen lag . Ich öffnete es zur Hälfte und nahm unbesehen ein großes Geldstück heraus , das zuoberst lag ; die anderen rückten alle ein klein wenig von der Stelle und machten ein leises Silbergeräusch , in dessen klangvoller Reinheit jedoch eine gewisse Gewalt lag , die mich schauern machte . Schnell brachte ich meine Beute zur Seite ,