küßte ihr , mit ein paar freundlichen Worten sich entschuldigend , die Hand , und empfahl sich den Männern . Jenny begleitete ihn , und auch Eduard wollte mitgehen ; der Vater aber , der es bemerkte , sagte leise : Bleibe hier , laß sie allein . Tage vergingen und wurden zu Wochen . Das Frühjahr entfaltete sich immer heiterer ; man näherte sich der warmen Zeit und konnte mit neuer Hoffnung auf die schönen Tage des Maimonats blicken . Die Pfarrerin war abgereist , nicht ohne die Besorgniß , daß es vielleicht rathsamer gewesen wäre , in der Stadt zu bleiben , da ihr Sohn seit einiger Zeit manche kleine Reibungen mit seinen künftigen Schwiegereltern gehabt hatte , die nur durch ihre und Jenny ' s Vermittelung ausgeglichen worden waren . Der Vater hatte nämlich Reinhard bestimmt erklärt , daß er erst dann seine Erlaubniß zur Hochzeit geben werde , wenn Reinhard eine Stelle gefunden habe , die ihn vollkommen sorgenfrei ernähre , oder wenn er sich dazu verstände , von den Eltern seiner Braut eine Mitgift anzunehmen , hinreichend , Jenny ein bequemes , häusliches Leben zu gewähren , was er bis jetzt abgelehnt hatte . Ich will nicht , hatte er ihm den Morgen , an dem er ihn zu sich beschieden , gesagt , daß Jenny ohne allen Grund sich Entbehrungen auferlege ; und ebenso wenig , als ich von Ihnen verlangen kann , ihr jene Stellung von Ihrem Gehalte zu verschaffen , ebenso wenig können Sie von mir fordern , daß ich meine einzige Tochter in einer Hütte wohnen und sich mit ungewohnter Arbeit quälen lasse , während ich und wir Alle uns hier im Schooße des Wohllebens befinden . Wenn nun aber dies Wohlleben mit meinem Stande nicht verträglich ist ! entgegnete Reinhard . Wenn Sie wüßten , lieber Vater ! fügte er hinzu , wie sehr ich die Opfer fühle , die Jenny mir bringen muß ; wie sie mich oft drücken , Sie würden anders über mich urtheilen . Lassen Sie mich offen sein , wie ich es gegen den Vater meiner Braut zu sein verpflichtet bin . Ich habe mit aller Kraft meines Willens gegen die Liebe gekämpft , die ich für Jenny fühle , weil ich wußte , daß unsere Wege weit von einander lägen ; daß es Thorheit sei , zu wähnen , ich würde ihr jemals eine Sorgenfreiheit bereiten können , welche dem Leben gleich käme , an das sie gewöhnt ist . Meine Liebe zu Jenny , und mein Vertrauen zu ihr , waren stärker , als alle Einwendungen der Vernunft . Ich täuschte mich selbst mit dem Glauben , daß Liebe jede Entbehrung nicht nur leicht , sondern unfühlbar mache . Tadeln Sie mich deshalb nicht zu strenge . Der Vater drückte ihm die Hand und fragte : Und jetzt ? Jetzt , antwortete er , sehe ich , daß die Wirklichkeit auch gegen die tiefsten , zärtlichsten Gefühle ihre Rechte geltend macht . Ich sehe ein , daß Jenny nicht in der Lage leben kann , die meine Einnahme allein ermöglicht , und bin sehr unglücklich darüber , mich mit einem Luxus umgeben zu sollen , der für mich nicht paßlich ist . Davon ist nicht die Rede , sagte der Vater begütigend . Es kann meine Absicht nicht sein , Sie in Verhältnisse zu bringen , die unpassend für Ihren Beruf sind . Nur das sollen Sie annehmen , daß ich Jenny eine Mitgift gebe , die Ihrer Einnahme so viel hinzufügt , als nöthig ist , um sie dem besten Pfarrergehalte im Lande gleich zu machen . Dagegen können Sie nichts einwenden . Ich achte den Stolz , den Sie in sich zu bekämpfen haben ; aber zu sehr ins Ideale müssen Sie sich nicht verlieren . Sie haben mich zu Ihrem Vater angenommen , lassen Sie mich auch Ihren König sein , der Ihnen ein Gehalt gibt , wie Ihre Kenntnisse es verdienen . Reinhard erkannte mit Achtung das Ehrenwerthe in dem Betragen des vortrefflichen Mannes und dankte ihm für die Zartheit , mit welcher er ihn behandelte . Er fühlte , daß er das Anerbieten annehmen müsse , so schwer es ihm auch sei , und erklärte sich dazu bereit . Sie haben recht , mein theurer Vater , sagte er , aber es kostet mich das Opfer eines Glückes , des erhebenden Gefühles , meinem Weibe nicht nur ihr Gatte und Beschützer , sondern auch ihr Ernährer zu sein - und es wird mir schwer fallen , auf dieses Anrecht zu verzichten . Da klopfte der Vater ihm auf die Schulter und schalt ihn einen Schwärmer , der sich wohl noch bessern werde ; er hatte aber die Besorgniß , daß Dem nicht so sein möchte . Von dieser Stunde an war Reinhard mit sich selbst zerfallen . Er warf es sich vor , sich aus Liebe für seine Braut in die Lage gebracht zu haben , Unterstützungen anzunehmen , er , der es gebilligt hatte , daß seine Mutter lange Zeit sich auf das Kümmerlichste beholfen hatte , um dieser verhaßten Abhängigkeit zu entgehen . Nur gegen seine Mutter hatte er sich über seine Unterredung mit Jenny ' s Vater ausgesprochen . Sie hatte dem verständigen Manne vollkommen beigestimmt und ihrem Sohne versichert , daß keinem Andern als ihm ein Kummer daraus erwachse , mit der Hand eines geliebten , reichen Mädchens ein angemessenes Jahrgeld anzunehmen , oder wie es hier der Fall wäre , eine Mitgift , die im Verhältniß zu Jenny ' s einstigem Reichthum unbedeutend blieb . Sie machte ihn darauf aufmerksam , wie Jenny trotzdem noch Vieles entbehren würde , woran sie in ihrem väterlichen Hause gewöhnt worden , und wie sie durch die Freudigkeit , mit welcher sie der Zukunft gedächte , einen sicheren Beweis dafür gebe , daß ihr Reinhard ' s Liebe höher gelte als jener Reichthum , den nur Reinhard selbst so hoch anschlage , um sich damit zu quälen