, vielen Monaten war , wie eben erwähnt worden ist , von keiner solchen die Rede gewesen , und das Ungewohnte derselben mochte die wunderliche Angst , das unheilwitternde Grausen erregen , das schaudernd durch Mark und Gebein ihm dabei fuhr , und sich weder weglachen , noch wegdemonstriren lassen wollte . Er schämte sich dessen nicht wenig , aber das Herz wurde ihm deshalb um nichts leichter . Seine Unruhe trieb ihn zum Grafen Stephan , um bei diesem Schutz gegen sich selbst zu suchen , und auch vielleicht etwas Bestimmtes über die Veranlassung zu dem Aufrufe , der ihn so beunruhigte , zu erfahren ; er fand ihn nicht daheim , und auch die Gräfin konnte seinen Besuch nicht annehmen , weil zwei ihrer Kinder plötzlich und heftig erkrankt waren . Er eilte zum Fürsten Konstantin , dessen Palast ganz in der Nähe lag ; der Fürst war eben ausgefahren . Nicht anders ging es ihm beim Fürsten Andreas ; er fand weder diesen noch einen seiner beiden Söhne . Richards innere Beklommenheit steigerte sich furchtbar ; er wollte als rein körperlich , als Vorgefühl einer herannahenden schweren Krankheit sie sich erklären , denn er wußte nicht mehr woran er mit sich selbst war ; aber er fühlte sich vollkommen gesund , ohne die kleinste Spur eines Übelbefindens . Ist der Fall denn etwas so ganz Unerhörtes , daß man zur allgemein üblichen Visitenstunde keinen zu Hause antrifft , weil alle auf verschiedenen Wegen zerstreut sind , um diese lästige Gesellschaftspflicht zu erfüllen ? fragte er sich selbst ; ist es nicht mir und jedem , der in der Gesellschaft lebt , schon unzählige Male begegnet , warum muß es denn gerade heute so sehr mir auffallen ? Fast beschämt , beim Wiedersehen nach tagelanger Abwesenheit in dieser unverantwortlich trüben Stimmung zu erscheinen , konnte Richard es sich doch nicht versagen , Trost und Ermuthigung dort zu suchen , wo er sicher sein konnte , beides zu finden . Helena war bei ihrer Mutter in einer kleinen Gesellschaft , die sich zum Frühstück dort versammelt hatte . Richard erhielt sogleich Zutritt , sobald sein Name genannt wurde , Eudoxia empfing ihn mit gewohnter Huld und Freundlichkeit ; die größtentheils aus Damen bestehende Gesellschaft folgte ihrem Beispiele , und Helenas lächelnder Gruß drang wie ein erwärmender Sonnenstrahl in sein getrübtes Gemüth . Das durch Richards Ankunft unterbrochene allgemeine Gespräch wurde wieder angeknüpft , das neueste Stück im Theater , die gestrige Assemblée , die heutige Tagesgeschichte wurden lebhaft vorgetragen , besprochen , belacht ; Scherz , Lust , Zufriedenheit leuchteten aus allen diesen muntern Augen . Warum hängt denn Diesen der Himmel so voll Geigen , und über mir allein so schwer und dunkel herab ? doch wohl nur , weil ich ein hypochondrischer Thor bin ! dachte Richard , und strebte nach einem ihn aufrichtenden Blicke von Helenen . Ihr Auge begegnete dem Seinen , doch ach ! der bei seinem unerwarteten Erscheinen es belebende Glanz war erloschen , ein unverkennbarer Ausdruck von Niedergeschlagenheit und bangem Besorgtsein hatte ihn verdrängt , so viel Mühe sie sich auch geben mochte , dies der Gesellschaft zu verbergen . Sie weiß ! sie weiß , wovon die Andern noch nichts wissen ! rief es in Richards vorahnendem Gemüthe . Er wollte in ihre Nähe gelangen , aber auch nur zwei Worte in dieser Umgebung ihr unbelauscht zuzuflüstern , war unmöglich . Die Gesellschaft erhob sich , die Wagen fuhren vor ; jetzt endlich , jetzt ! jubelte Richard innerlich ; aber sie Alle waren zusammen gekommen , um nach dem Frühstück gemeinschaftlich in das Konzert eines berühmten Violinisten sich zu begeben , welches für die späteren Vormittagsstunden der vornehmen Welt angekündigt worden war , und Richard wurde von der Fürstin Eudoxia eingeladen , sie zu begleiten . Er mußte den Vorsatz aufgeben , den Kapellmeister Lange zu besuchen , um vielleicht in dessen Hause etwas zu erfahren . Er hoffte im Konzert ihn anzutreffen , aber auch dort , wo er und die Seinen nie zu fehlen gewohnt waren , suchte er zu seiner großen Verwunderung ihn vergebens ; selbst Torson und Julie waren nicht zugegen , was seine immer steigende Besorgniß noch vermehrte . Der ganze Tag blieb übrigens für ihn einer von jenen nicht genug zu verwünschenden , an welchen man durch tausend unbedeutende Zufälligkeiten abgehalten wird zu thun , was man möchte , und zu dem was man nicht will , sich gezwungen sieht ; bis endlich die Stunde schlug , welche in die Versammlung ihn rief . Bis zur letzten Stunde von dem ihn neckenden Mißgeschicke des heutigen Tages verfolgt und aufgehalten , war Richard der zuletzt dort Ankommende ; gleich hinter ihm wurde die Thüre , und zwar diesmal mit ungewöhnlicher Sorgfalt geschlossen . Obrist Pestel schien nur seine Ankunft abgewartet zu haben ; denn , sobald Richard seinen gewohnten Platz eingenommen , bereitete er sich , die Sitzung , wie er immer zu thun pflegte , mit einer Anrede an die Versammlung zu eröffnen , die diesesmal ungewöhnlich zahlreich , und , mit nicht zu verkennender Auswahl , aus allen drei Graden der Verbündeten zusammen gesetzt war . Richards Blicke irrten forschend umher ; die ernsten Gesichter der Mehrzahl trugen nur den Ausdruck gespanntester Erwartung ; Fürst Andreas und die zu ihm sich hielten , blickten schweigend vor sich hin , ohne in Haltung und Miene das Geringste von dem , was in ihnen vorgehen mochte , zu verrathen . Mit wild funkelnden Augen , rohen Trotz in den leidenschaftlich verzerrten Zügen , stand seitwärts eine etwas abgesonderte Gruppe junger Männer um Lunin versammelt , von der Richard mit Widerwillen sich abwandte , herzlich froh seinen Iwan nicht unter diesen zu erblicken . Sein Auge suchte den Grafen Stephan , und fand ihn bald an seinem gewohnten Platze ; regungslos , in sich selbst versunken , mit tief gebeugtem Haupte saß er da , ein Schmerzensbild . Feierlich-langsam , mit tiefer gemäßigter Stimme begann Obrist