göttliche Freiheit . Dies Herz , das von Dir empfunden sein will , will frei werden ; es will entlassen sein aus dem Kerker in Dein Bewußtsein . Du bist das Reich , der Stern , den es seiner Freiheit erobern will . Liebe will allmählich die Ewigkeit erobern , die wie Du weißt , kein Ende nehmen wird . Dies Sehnen ist jenseits der Atem , der die Brust hebt ; und die Liebe ist die Luft , die wir trinken . Durch Dich werd ich ins unsterbliche Leben eingehen ; der Lebende geht ein durch den Geliebten ins Göttliche , in die Seligkeit . Liebe ist Überströmen in die Seligkeit . Dir alles sagen , das ist mein ganzes Sein mit Dir ; der Gedanke ist die Pforte , die den Geist entläßt ; da rauscht er hervor und hebt sich hinüber zur Seele , die er liebt , und läßt sich da nieder und küßt die Geliebte , und das ist Wollustschauer : den Gedanken empfinden , den die Liebe entzündet . Möge mir dies süße Einverständnis mit Dir bewahrt bleiben , in dem sich unser Geist berührt ; dies kühne Heldentum , das sich über den Boden der Bedrängnis und Sorge hinweghebt , auf himmlischen Stufen aufwärtsschreitend , solchen schönen Gedanken entgegen , von denen ich weiß , sie kommen aus Dir . Goethe an B. Am 7. Juni Nur wenig Augenblicke vor meiner Abreise nach Karlsbad kommt Dein lieber Brief aus dem Rheingau ; auf jeder Seite so viel Herrliches und Wichtiges leuchtet mir entgegen , daß ich im voraus Beschlag lege auf jede prophetische Eingebung Deiner Liebe ; Deine Briefe wandern mit mir , die ich wie eine buntgewirkte Schnur auftrößle , um den schönen Reichtum , den sie enthalten , zu ordnen . Fahre fort , mit diesem lieblichen Irrlichtertanz mein beschauliches Leben zu ergötzen und beziehende Abenteuer zu lenken ; - es ist mir alles aus eigner Jugenderinnerung bekannt wie die heimatliche Ferne , deren man sich deutlich bewußt fühlt , ob man sie schon lange verlassen hat . Forsche doch nach dem Lebenslauf Deines hartgebrannten Schiffers , wenn Du ihm wieder begegnest ; es wäre doch wohl interessant zu erfahren , wie der indische Seefahrer endlich auf den Rhein kömmt , um zur gefährdeten Stunde den bösen Raubvögeln mein liebes Kind abzujagen . Adieu ! Der Eichwald und die kühlen Bergschluchten , die meiner harren , sind der Stimmung nicht ungünstig , die Du so unwiderstehlich herauszulocken verstehst ; auch predige Deine Naturevangelien nur immer in der schönen Zuversicht , daß Du einen frommen Gläubigen an mir hast . Die gute Mutter hat mir sehr bedauerlich geschrieben , daß sie diesen Sommer Dich entbehren soll ; Deine reiche Liebe wird auch dahin versorgend wirken , und Du wirst einen in dem andern nicht vergessen . Möchtest Du doch auch gelegentlich meinen Dank , meine Verehrung unserm vortrefflichen Fürsten Primas ausdrücken , daß er meinen Sohn so über alle Erwartung geehrt und der braven Großmutter ein so einziges Fest gegeben . Ich sollte wohl selbst dafür danken , aber ich bin überzeugt , Du wirst das , was ich zu sagen habe , viel artiger und anmutiger , wenn auch nicht herzlicher vortragen . Deine Briefe werden mir in Karlsbad bei den drei Mohren der willkommenste Besuch sein , von denen ich mir das beste Heil verspreche . Erzähle mir ja recht viel von Deinen Reisen , Landpartien , alten und neuen Besitzungen , und erhalte Dich mir in fortdauerndem lebendigem Andenken . G. An Goethe Am 16. Juni Hier sind noch tausend herrliche Wege , die alle nach berühmten Gegenden des Rheins führen ; jenseits liegt der Johannisberg , auf dessen steilen Rücken wir täglich Prozessionen hinaufklettern sehen , die den Weinbergen Segen erflehen , dort überströmt die scheidende Sonne das reiche Land mit ihrem Purpur , und der Abendwind trägt feierlich die Fahnen der Schutzheiligen in den Lüften und bläht die weitfaltigen weißen Chorhemden der Geistlichkeit auf , die sich in der Dämmerung wie ein rätselhaftes Wolkengebilde den Berg hinabschlängeln . Im Näherrücken entwickelt sich der Gesang ; die Kinderstimmen klingen am vernehmlichsten ; der Baß stößt nur ruckweise die Melodien in die rechten Fugen , damit sie das kleine Schulgewimmel nicht allzuhoch treibe , und dann pausiert er am Fuß des Berges , wo die Weinlagen aufhören . Nachdem der Herr Kaplan den letzten Rebstock mit dem Wadel aus dem Weihwasserkessel bespritzt hat , fliegt die ganze Prozession wie Spreu auseinander , der Küster nimmt Fahne , Weihkessel und Wadel , Stola und Chorhemd , alles unter den Arm , und trägt ' s eilends davon , als ob die Grenze der Weinberge auch die Grenze der Audienz Gottes wär , so fällt das weltliche Leben ein , Schelmenliedchen bemächtigen sich der Kehlen , und ein heiteres Allegro der Ausgelassenheit verdrängt den Bußgesang , alle Unarten gehen los , die Knaben balgen sich und lassen ihre Drachen am Ufer im Mondschein fliegen , die Mädchen spannen ihre Leinwand aus , die auf der Bleiche liegt , und die Bursche bombardieren sie mit wilden Kastanien ; da jagt der Stadthirt die Kuhherde durchs Getümmel , den Ochs voran , damit er sich Platz mache ; die hübschen Wirtstöchter stehen unter den Weinlauben vor der Tür und klappen mit dem Deckel der Weinkanne , da sprechen die Chorherren ein , und halten Gericht über Jahrgänge und Weinlagen , der Herr Frühmeßner sagt nach gehaltener Prozession zum Herrn Kaplan : » Nun haben wir ' s unserm Herrgot vorgetragen , was unserm Wein nottut : noch acht Tage trocken Wetter , dann morgens früh Regen und mittags tüchtigen Sonnenschein , und das so fort Juli und August ! Wenn ' s dann kein gutes Weinjahr gibt , so ist ' s nicht unsre Schuld . « Gestern wanderte ich der Prozession vorüber , hinauf nach dem Kloster , wo sie herkam . Oft hatte ich im Aufsteigen Halt gemacht , um den