ihr , in dieser Klarheit sichtbar werden . Auch hatte sie sich ihm noch nie so unaussprechlich freundlich und vertrauend gezeigt . Beide waren heute durch ähnliche Leiden von der allgemeinen Freude ausgeschlossen geblieben , und Gabriele fühlte sich dadurch Adelberten gewissermaaßen schwesterlich verwandt . Sie neigte sich deshalb zu ihm und sprach mit ihm , wie eine liebende Schwester mit ihrem kranken leidenden Bruder sprechen könnte . Ein wahrhaft und tief verwundetes Gemüth erkennt das andre ohne Worte , daher wußte Gabriele recht wohl , daß Adelbert freundlicher Theilnahme weit bedürftiger sey , als es selbst seine im Aeußern zerstörte Jugendblüthe vermuthen ließ , und daß vielleicht nur diese ihn von völligem Untergang in Tiefsinn und Schwermuth erretten könne . Sie wandte sich deshalb unendlich mitleidig zu ihm ; alles was sie sagte und that , drückte das Bestreben aus , ihm tröstlich zu werden . Ihre ohnehin sanfte melodische Stimme klang wie das Flöten einer Nachtigall , denn sie suchte sie noch mehr zu mildern , indem sie zu ihm sprach , und Adelberten ging dabei in lange nicht empfundner Seligkeit das Herz auf . So in ernstes und vertrauliches Gespräch verloren , wanderten beide langsam neben einander hin , länger und weiter , als sie selbst es bemerkten . An sich unbedeutende Anhöhen , die Adelberten aber noch gestern unübersteiglich geschienen hatten , ging er jetzt , seiner Krücke nicht gedenkend , an Gabrielens Seite hinauf und hinab , ohne es zu gewahren . An den Stellen , welche ihr am schwierigsten dünkten , bot sie ihm hülfreich die kleine weiße Hand , und indem er sie berührte , war ihm , als ob unsichtbare Engel ihn mit ihren Flügeln unterstützten . Zwar dachte Gabriele nicht ohne Sorge an den Rückweg , indem sie neben ihm herging , aber sie vermochte es nicht über sich zu gewinnen , ihn aus dem augenblicklichen Vergessen seines traurigen Zustandes zu erwecken , und verschwieg daher ihre Besorgnisse . Endlich erreichten sie den kleinen Tempel , welcher den Namen des Lords Finlater , des Verschönerers dieser Gegend , trägt , und mit ihm die beinahe äußerste Gränze der eigentlichen Promenaden . Bei ihrer , ihnen jetzt erst recht fühlbar werdenden Ermüdung und der ungewöhnlichen Schwüle des Tages war ihnen dieser Ruhepunkt höchst willkommen . Sie setzten sich traulich neben einander und fuhren in dem Gespräche fort , dessen Interesse sie so unvermerkt bis zu diesem , von ihrer Wohnung ziemlich weit abgelegnen Platz hingeführt hatte . Die Unterhaltung war zuerst von der Poesie und dem verschiednen Werth der neuesten Erzeugnisse unsrer Dichter ausgegangen , unmerklich aber hatte sie sich der Liebe und ihren Leiden und Freuden zugewendet . Gabrielens beredtes Auge hatte Adelberten längst eine unglückliche Liebe als das stille Geheimniß ihres Herzens verrathen , obgleich sie auch nicht auf die leiseste Art darauf hindeutete . Er strebte daher mit der zartesten Schonung , alles zu vermeiden , was ihm das Ansehen geben konnte , als suche er ihr Vertrauen zu erschleichen , oder wolle die nähern Umstände eines Geschicks erspähen , das er nicht umhin konnte , sich dem eigenen ähnlich zu denken . Der Anblick des unaussprechlich anmuthigen und doch so tief verletzten Wesens an seiner Seite stimmte ihn dabei immer wehmüthiger , indem er doch zugleich über seine eignen Schmerzen für den Augenblick sich beruhigter fühlte . » Nur eines kann ich mir denken , wogegen kein Trost zu finden wäre , « sprach Gabriele im Verlauf des Gesprächs zu Adelbert . » Trennung , Tod des Geliebten , sind zwar ein unnennbares Weh , das schwache Herz möchte darüber brechen , wenn nicht die Liebe selbst und der schöne Hoffnungsstrahl von jenseits es hielten , aber dieser Schmerz reicht doch nicht an jenen , alle Hoffnung , sogar jeden Wunsch nach Trost vernichtenden , für dessen Möglichkeit ich zurückbebe . - Er heißt Unwerth des Geliebten , Verachten dessen , was wir dennoch lieben müssen . - Nein , die menschliche Natur kann dieß Entsetzliche nicht ertragen ! « Todtenblässe überzog bei diesen Worten Adelberts Gesicht , das er im nächsten Moment , krampfhaft zitternd , mit beiden Händen verhüllte . » Und doch , mein Fräulein ! und doch , « stammelte er fast unhörbar . » Sie haben in zwei Worten die traurige Bestimmung meines Daseyns ausgesprochen . Lieben und Verachten ! Die menschliche Natur erträgt es wohl , Sie sehen , ich lebe noch . « Gabriele hätte vor Reue darüber vergehen mögen , daß sie ihn , den sie beruhigen und trösten zu wollen sich bewußt war , so unvorsichtig verletzt hatte . Sie fand und suchte kein Wort zu ihrer Entschuldigung , aber Adelbert hob den getrübten Blick zu ihr auf und las in ihrem schimmernden Auge innigere Theilnahme , schmerzlichere Reue , als sie mit aller Beredtsamkeit ihm hätte ausdrücken können . Sein Herz öffnete sich zum erstenmal wieder nach langer Zeit im Ergusse des reinsten Vertrauens ; auch sie fand allmählig herzliche beschwichtigende Worte für ihn , und bald vernahm sie die Geschichte seiner glücklich verlebten früheren Zeit und die Ursache des jetzt ihn zerstörenden Kummers , die er mit der , allen Unglücklichen eignen Umständlichkeit ihr vertrauend mittheilte . Früh verwaiset , wuchs Adelbert im Schlosse seines edlen Oheims auf , der das hoffnungsvolle Kind mit wahrhaft väterlicher Liebe erzog . Zwei Knaben und ein jüngeres Mädchen , Herminie genannt , theilten mit ihm die Stunden des Unterrichts wie die der Erholung . Sie waren die Kinder einer benachbarten Familie , welche durch enge Bande der Freundschaft mit seinem Oheim von jeher vereinigt , fast immer in seiner Nähe lebte . Adelberts Auge strahlte noch einmal im Wiederschein der untergegangnen Sonne seines Frühlingslebens , als er jetzt erwähnte , wie schon in früher Jugend die innigste Liebe zu Herminien ihn zu allem Guten entstammte , wie er stets sich auszuzeichnen strebte , um ihr zu gefallen , und wie auch sie mit unverkennbarer Zärtlichkeit an ihm hing . Sein