für den Augenblick die Schärfe des Gefühls verloren hatte , wodurch man gegen fremde Anmaßung empört wird . Ich schauderte vor dem Abgrund zurück , in welchen ich meine Freundin stürzen sah ; aber ich hatte nicht den Muth , sie darauf hinzuweisen , so lange sie nicht aus ihrer Gleichgültigkeit hervortrat . Indessen hatten die Ausgewanderten nicht sobald wahrgenommen , daß ich ihrem Interesse abhold sey , als sie es darauf anlegten , Eugenien von mir zu trennen . Aurora wurde dazu gebraucht , dies Meisterstück der Intrigue zu Stande zu bringen . Niemand hatte dazu mehr Geschicklichkeit ; denn niemand war um den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit weniger verlegen , und niemand verstand sich auf die Kunst des Lächerlichmachens besser , als Aurora . Um aber noch von einer anderen Seite her zu wirken , verstärkten sich die Gräfin und der Chevalier dadurch , daß sie mehrere andere Ausgewanderte bei uns einführten . Dies mochte sich zuletzt ganz von selbst machen , da der Gewinn , den man von Eugenien zog , die Lockspeise war ; indessen wurde dadurch immer eine große Mehrheit zu Stande gebracht , in welcher sich Eugenia als die einzige Fremde erscheinen und alle Lust zum Widerstande verlieren mußte . Es war zum Erstaunen , mit welcher Freiheit sich alle diese Personen um meine Freundin hinbewegten . Sie , welche für alle der Mittelpunkt hätte seyn sollen , war nichts mehr und nichts weniger , als die Schußscheibe des Geldinteresses . So vollkommen war man hierüber mit sich selbst einig , daß man aus Poissardensinn gar kein Geheimniß mehr machte . Ich sah alle diese Manövres mit Gelassenheit an , weil meine Stunde noch nicht geschlagen hatte . Um Eugenien von diesen Vampyren zu befreien , mußte ich den Zeitpunkt abwarten , wo sie sich davon beschwert fühlte . Dieser Zeitpunkt konnte möglicherweise nicht eher eintreten , als bis meine Freundin in Geldverlegenheit gerieth und ihre Zuflucht zu meiner Casse nahm . Ich enthielt mich das erstemal aller Bemerkungen über ihre allzuweit getriebene Nachgiebigkeit ; aber das zweitemal legte ich ihr ganz unverholen die Frage vor : Ob sie denn dieses eckelhaften Einerleies nicht überdrüßig würde ? Sie betrachtete mich nicht ohne Verwunderung ; und als ich kühn genug war , meine Frage zu widerholen , anwortete sie : » Was soll ich machen ? Verstrickt , wie ich einmal bin , muß ich mein Schicksal ertragen . Ich selbst fühle wohl , daß ich mich von meiner Höhe herabgeworfen habe ; allein wie kann ich es anfangen , sie noch einmal zu erreichen ? « Ohne weder die Gräfin , noch den Chevalier , noch Auroren , noch irgend einen von den Übrigen anzuklagen , stellte ich sie Eugenien als Bedürftige dar , welche sie , aus irgend einem Instinkt , eben so behandelten , als sie ehemals den Hof behandelt hätten , und auf gleiche Weise von ihr abfallen würden , sobald sie nichts mehr zu geben hätte . » Es ist , « fügte ich hinzu , » ganz offenbar die Parasitenkunst , die sie treiben ; die eckelhafteste von allen Künsten , die es geben kann , weil sie ihre Grundlage weder im Verstande , noch im Gefühl , sondern in einem dumpfen Egoismus hat , der sich nicht besser zu verschleiern weiß , als dadurch , daß er die Miene annimmt , für das Vergnügen Anderer zu sorgen , während er nur den gröbsten Vortheil im Auge hat . Mag es doch in der Gesellschaft Personen geben , denen ihr Recht widerfährt , wenn sie von einem Parasitenheer umlagert werden ; allein zu ihnen zu gehören , kann weder angenehm seyn , so lange man die Wahrheit noch von der Lüge zu unterscheiden weiß , noch ehrenvoll , so lange man noch nicht in leerer Repräsentation untergegangen ist . Meine Freundin muß zu einem neuen Leben erwachen ; und dies kann nur dadurch geschehen , daß sie solchem Volke den Rücken weiset und es seinem Schicksal überläßt . Man muß die Kraft haben , einem Umgange zu entsagen , durch welchen man nicht veredelt werden kann ; denn sonst läuft man Gefahr , wo nicht selbst verunedelt zu werden , doch wenigstens solche Schrammen und Quetschungen davon zu tragen , daß es unmöglich wird , noch einmal zu einem heitern Lebensgenuß aufzusteigen . « Recht absichtlich drückte ich mich mit dieser Stärke aus , um einen tiefen Eindruck zu machen . Meinem Vorsatze nach wollte ich mich von Eugenien trennen , so bald sie dadurch beleidigt würde . Dies war aber so wenig der Fall , daß nur von den Mitteln die Rede war , sich aus der Schlinge zu ziehen . Eugenia wollte sogleich abreisen ; dagegen aber hatte ich Mehreres einzuwenden . Vor allen Dingen sollte meine Freundin die Kaiserstadt mit eben so unumwölkter Seele verlassen , als sie in dieselbe eingetreten war . Außerdem aber sollten diese Ausgewanderten , deren Rache ich vorhersah , nicht Raum gewinnen , hinter unserem Rücken zu sagen , was sie für gut befinden würden . Zu diesem doppelten Endzweck schlug ich Eugenien eine Reise in die Gebirgsgegenden Böhmens vor , deren bezaubernde Mannigfaltigkeit alle die peinlichen Gefühle zerstreuen mußte , die ihre Wangen mit Schaamröthe überzogen ; zugleich aber bat ich sie , davon nicht eher ein Wort zu sagen , als bis alle Reiseanstalten gemacht seyn würden , und alsdann der Gräfin in einem kurzen Billet außer der Abreise zugleich den Tag der Zurückkunft anzuzeigen . Eugenia gab sich meinen Anordnungen mit der Entsagung vertrauender Freundschaft hin . Nach wenig Tagen waren wir reisefertig . Welchen Eindruck unsere plötzliche Abreise auf die edle Gesellschaft machte , läßt sich nur dann berechnen , wenn man sie in ihrer Gemeinheit kannte . Sie mochte davon eben so betroffen seyn , als die National-Versammlung von der Flucht Ludwigs des Sechzehnten . Unsere Reise brachte alle die Wirkungen hervor , die ich beabsichtigt hatte , und Eugenia dankte dem Himmel für die