gab ihm die größere und füllte sie mit dem etwas säuerlichen Haut-Sauterne , den die Polizei für diese Expedition auf Rechnung der » geheimen Fonds « setzte . Schmelzing lehnte die längere Hälfte ab und wollte nur aus seinem kleinern Fingerhute trinken . Dem Essen , das Hackert vorzulegen anfing , sprach er eher zu , dabei aber unaufhörlich winkend , kein Geräusch zu machen und seine Aufmerksamkeit nicht zu stören . Hackert ließ sich aber nicht beirren . Er dachte , ich muß dich bei deinen schwachen Seiten fassen . Die nächste Schwäche des schleichenden , tückischen Schreibers war seine Eitelkeit . Hackert musterte den Mantel , auf dem er lag und gab ihn Schmelzingen , da er zu kostbar wäre , als Fußdecke benutzt zu werden . Das hörte Schmelzing schon gern . Dann lobte er seine Halsbinde und fragte ihn , wo er seine Halsbinden jetzt waschen ließe . Schmelzing antwortete auf alle diese Fragen mit der Fingersprache . Es bot einen eigenthümlichen Anblick , diese zwei Menschen am Boden kauernd zu sehen , zwischen ihnen ein flammendes Kreuz , oben Alles todtenstill , und sie Beide doch sprechend , die Finger reckend , die Arme bewegend , bald an die Brust , bald an ' s Kinn , bald an die Nase , die Ohren , die Haare fassend . Sie hatten sich in müßigen Stunden Beide eine solche Fertigkeit in dieser Art der Mittheilung und des Gedankenaustausches angeeignet , daß sie sich nicht nur über äußere , sinnlich in ' s Auge fallende Gegenstände verständigten , sondern so auch über Ansichten und Empfindungen . Wissen Sie wohl , Schmelzing , sagte Hackert mit der Fingersprache , während er mit Herzklopfen hörte , daß eben Dankmar die Frage beantragte , welchen Entschluß man für die nächste Zeit fassen müßte ; wissen Sie wohl , was man von Menschen denken muß , die ihr Gehör verlieren ? Lassen Sie mich jetzt zufrieden ! antwortete Schmelzing mit der Zeichensprache , horchte und schrieb emsig . Nein , im Ernst , Schmelzing ! Lassen Sie doch unten die dummen Kerle ihren Rüdesheimer trinken ! Ich geb ' Ihnen mein Wort , es hat etwas auf sich mit dem Gehör . Schweigen Sie , Hackert ! Das Gehör , Schmelzing , ist der niedrigste , schlechteste und erbärmlichste Sinn des Menschen ! Männer von Geist verlieren immer erst das Gehör . Wirklich ? Wissen Sie denn , Schmelzing , daß der Mensch eigentlich stufenweise abstirbt ? Sprechen Sie hier nicht von Sterben , Hackert ! Ich verbitte mir Das . Wie alt sind Sie , Schmelzing ! Neunundzwanzig , nicht wahr ? Schmelzing konnte nicht umhin , etwas zu schmunzeln . Er hatte sicher schon sein Vierzigstes auf dem Rücken . Vom dreißigsten Jahre an sterben wir allmälig ab und zwar an unsern fünf Sinnen . Zum Donnerwetter ! Seien Sie still , Hackert ! Hackert hörte , daß Siegbert eben einen langen politischen Vortrag hielt und ununterbrochen redete . Er ließ sich nun nicht stören , sondern wandte die ganze Kraft seiner Fingerberedtsamkeit an , um Schmelzing vom Nachschreiben abzuhalten . Gemeine Menschen , sagte er , sterben von oben herab , edle Charaktere von unten herauf . Wie so ? fragte Schmelzing , der dabei an seine Füße dachte , die ihm beim Sitzen oft einschliefen oder kalt wurden . Was sehen Sie denn auf Ihre Füße , Schmelzing ? Ich rede ja von Ihrem Gehör . Lassen Sie mich in Ruhe ! Das Gehör ist wirklich das Gemeinste am Menschen . Nur bei den Dummen ist der Gehörsinn am schärfsten ausgebildet . Wie so ? Je furchtsamer ein Thier ist , desto besser hört es . Alle feigen Thiere , Hasen , Rehe , Maulwürfe hören gut . Wirklich ? Ein geistreicher Mensch lebt in sich und hört darum so wenig . Plato und Aristoteles , kann ich Ihnen die Versicherung geben , Schmelzing , waren schon in ihrem dreißigsten Lebensjahre stocktaub , und wenn Sie ' s nicht wissen , wer Plato und Aristoteles waren , so sag ' ich ' s Ihnen , das waren die beiden weisesten von den sieben Weisen Griechenlands ! Sie wollen mir etwas weismachen , Hackert . Ich gebe Ihnen mein Wort ! Erst kommt das Gehör , dann ... Halt ! halt ! fingerte Schmelzing mit Zorn und zeigte nach unten . Hackert horchte hin ; es war von den Willing ' schen Maschinenarbeitern und dem Handwerkervereine die Rede . Jetzt erst recht gab Hackert keine Ruhe . Gut zu hören , fuhr er fort , ist gemein ; dann kommt gut sehen , das ist weniger gemein , aber noch immer gemein ; dann kommt gut fühlen . Das ist Mittelsorte . Dann steigt ' s aber in ' s Feine . Erst gut zu schmecken . Dann aber das Feinste , Schmelzing ... Gut zu riechen ? fragte Schmelzing erstaunt . Der feine Mann hat seinen schärfsten Sinn in der Nase . Gehen Sie weg ! Glauben Sie Das nicht ? Sie wissen also nicht , daß alle Weisen Griechenlands am stärksten in dem Organe der Nase waren ? Ich meine doch , daß erst der Geschmack kommt , sagte Schmelzing , von diesen Auseinandersetzungen aus Eitelkeit interessirt . Ach , wie irren Sie sich , Schmelzing ! Geschmack ist fein , aber Geruch viel feiner . Ich rieche sehr fein . Wirklich ? Sehr fein ! Riechen Sie z.B. , ob Das hier Kohlen- oder Theergas ist ; ich meine das Gas , das von den drei Kreuzen kommt . Dafür kann ich nicht Chemie genug , sagte Schmelzing . Aber ich rieche , daß hier viel Mäuse und wenig Katzen sind ... Sehen Sie einmal an , das riech ' ich nicht , Schmelzing , sagte Hackert immer trocken und in der Miene ruhig . Plato soll in seinen letzten Lebensjahren seine künftige Verwesung schon voraus gerochen haben . An sich selbst , Schmelzing !