wie einen Bruder . Als Max Leidenfrost diese Erzählung lachend , aber mit unterdrückten Thränen zum Besten gegeben hatte , waren Alle stumm , von Schmerz und rührender Theilnahme ergriffen . Genug ! Genug ! fiel er aber selber ein . Vorwärts jetzt ! Dankmar , sagen Sie jetzt Ihren Plan ! Dankmar konnte sich nicht sogleich aus dem Staunen über dies eigenthümliche Verhältniß zwischen drei edlen Menschen emporraffen und schwieg . Da ergriff Leidenfrost den Römer und sagte : Dir , holder Genius meines Lebens , dieses Glas ! Dir , Josephine , um die ich rang und arbeitete ! Dir , zu deren Ruhm und Preis ich mein Leben aus dem Gemeinen und Zufälligen emporrichtete ! Du warst der Stern meiner Nächte , die Sonne meiner lichteren Tage ! Um dich darbt ' ich , um dich dient ' ich ! Und als ich ein Herrscher zu sein glaubte und meine Krone mit dir zu theilen wagte , da weintest du und verhülltest dich ! Lebewohl , Josephine ! rief ich und stürzte mich wie ein Wahnsinniger in ' s Leben ; ich trat meine Kunst mit Füßen . Ich wurde ein Verräther an mir selbst . Die Verzweiflung peitschte mich wie mit Furiengeißeln . Ich ein Scheusal ? Eine Abirrung der menschlichen Formen ? Ich , ein Plastiker , unschön ? Da trieb es mich auf die Bühne . Schauspieler wurd ' ich , heute , um mich zu schminken und schön zu sein , morgen , um mir einen Buckel überzuschnallen , Gesichter zu schneiden , rothe Haare aufzukleben und vor den Spiegel zu treten und zu sagen : Jetzt bin ich erst häßlich ! Jetzt erst entsetzen sich die Engel vor dir ! Das bist du nicht selbst ! Du bist ein Adonis , ein Gott gegen diese Fratze ! Und so trieb ich ' s fort ; bis ich wiederkehrte , mich besann , mich ergab , ergab als - Menschenfeind . Ich fand die Geliebte , die Schwester ernst , vornehm , aber wieder gut . Sie war nicht die alte Josephine mehr ; sie war jetzt nach entdeckten Familienpapieren Jagellona ... Jagellona ? unterbrach Louis Armand . Jagellona von Werdeck , Franzos ! fuhr Leidenfrost fort . Jagellona , die Polin , die Adlige , wie es die Gesellschaft verlangte ! Aber sie hat noch ein Herz , noch Liebe . Sie liebt Ideen , Menschen , die Ideen tragen und verkörpern , sie liebt Polen und die Freiheit . Jagellona ist meine Josephine nicht mehr ; aber Werdeck wurde mein Freund - Dein Bruder , Max ! sagte Werdeck und reichte dem Sprecher tiefgerührt die Hand . Im Geiste bliebst du meinem Weib ihr alter Max ! Im Geiste ist Alles möglich ! sagte Leidenfrost . Stoßt an ... auf Jagellona ! Siegbert , der des Rühmlichsten genug von der Majorin zu erzählen pflegte , stieß mit Enthusiasmus an . Dankmar mit Vorwürfen , die er sich selbst über seine Zurückgezogenheit von der Gesellschaft machte , Louis mit der Frage auf den Lippen , wie denn wol der fernere Name dieser Jagellona heißen mochte ... Da machte Leidenfrost gleichsam einen Strich über diese ganze Unterbrechung und sagte entschieden : Und nun kein Wort mehr davon ! Ihr kennt jetzt die Tragödie , die ich in meinem Herzen spiele ... besser hoffentlich , als ich einmal sechs Monate lang früher in Wirklichkeit auf den Bretern spielte . Jetzt zur Sache ! Dankmar Wildungen ! Unsre Stimmung ist hinlänglich feierlich ! Reden Sie ! Dankmar entschloß sich nun , in den angeregten Gegenstand einzulenken und sprach : Sie haben , Herr Major , in Ihren früheren Äußerungen das tiefe Weh dieser Tage ausgesprochen ! Sie haben an Ihrem Beispiele gezeigt , wie lang die Bahn gemessen ist , die unser redlicher Wille durchlaufen muß , wenn er sich in eine That umsetzen will ! Hundert Gründe , etwas zu thun , tausend , etwas zu unterlassen . Das Ideal ahnen wir , aber Nebel umgeben die Sonne . Auf dem Wege zur Wahrheit hundert Lügen und Lügen nicht einmal , die wir verachten dürften , nein , wir sollen uns mit ihnen abfinden , sollen selbst lügen , um von ihnen ehrlich loszukommen ! Wir Alle hier sind Demokraten . Das Wort ist alt . Seine Geschichte lehrreich . Die Moral dieser Geschichte abschreckend . Ich gebe zu , daß die Chronisten dieser Geschichte meistens Aristokraten waren , wenn auch nur Aristokraten der Bildung und Gelehrsamkeit . Aber unverkennbar ist es , daß zu allen Zeiten sich in ein lauteres , reines Princip unlautere Elemente mischten . Könnten wir diese von unserer Debatte ausscheiden ! Das demokratische Princip galt bisher nur für kleinere Staaten , jetzt erst ist es ein Weltdogma geworden , ein geschichtlicher Hebel . Da ist es fast so groß , so heilig zu erachten , wie eine Religion . Eine Religion muß unendlich einfach sein . Die Offenbarung gibt die Geschichte . Drei Sätze genügen . Das Übrige thut der Geist , die Gesinnung , die Hoffnung . Wir haben vier Meinungen gehört . Alle wurzelten sie in einem Stamme und waren so verschieden , und stritten wir noch länger darüber , so würde statt Einigung , Veruneinigung kommen . Der Eine empfiehlt eine augenblickliche That , der Eine will nur die Gefahr des Experimentes wagen , der Dritte lieber mit dem Alten untergehen , nur um nicht das bedenkliche Neue zu versuchen . So werden wir uns nie vereinigen . So werden wir immer nur die Repräsentanten des Chaos sein , das jetzt in den Gemüthern gährt und allen erleuchtenden und erwärmenden Lichtstrahlen unzugänglich scheint , weil jede Subjektivität leidenschaftlich , reizbar , eigensinnig ist . Freunde , wir müssen unsre Lehre vereinfachen , aber die einfache Lehre kraftvoller durchsetzen ! Wir müssen es aufgeben , positive Schöpfungen hervorzurufen , und uns begnügen , nur den Geist , in dem sie erwachsen sollen , zu befördern . Keine