. Und dennoch blieb er dabei . Worauf anders , sagte er , soll man denn hinauskommen , wenn man sieht , wie wenig uns die Debatte weiterbringt ! Was hatten wir durch einige thatsächliche Erhebungen des Volkes nicht sogleich gewonnen ! Und wie kommen wir immer wieder zurück , je milder die Miene des gereizten und gleich wieder schlummernden Löwen ist ! Aber noch mehr , halten Sie mich für keinen Phantasten oder für keinen plumpen und gedankenlosen Radikalen ! Tod ! Der Tod ! O , Gott , der Tod ist jetzt unsere einzige Loosung . Ich versichere Sie , wenn man im Volke lebt wie ich , so bemerkt man eine tiefe Sehnsucht nach dem Tode in den Gemüthern Aller . Gehen Sie Sonntags Nachmittags vor die Thore : Kein Spaziergang ist so besucht , wie es die Kirchhöfe sind . Es ist eine Lust am Opfertode in den Menschen dieses Zeitalters , die an die christliche Märtyrerzeit erinnert . Man hat entweder zuviel Gefallene feierlich bestattet , zu sehr geehrt , gepriesen oder woran liegt diese Geringschätzung des Lebens ? Ehemals war eine Hinrichtung mit dem Schwerte ein grauenvolles Schauspiel , von dem man Jahre lang sprach : jetzt hat man an die Stelle des Schwertes Pulver und Blei gesetzt und die Hinrichtungen folgen sich wie die Amputationen in einem großen Lazareth . Man erzählte sonst Wunder davon , wenn einer großartig und gefaßt in den Tod ging . Jetzt knirschen sie alle die Zähne und gehen muthiger als Egmont oder der feige Kleist ' sche Prinz von Homburg aus dem Leben . Haben die Menschen zuviel Trauerspiele gelesen oder woran liegt es , daß wir nach so verweichlichten Zeiten plötzlich eine so spartanische bekommen ? Bietet das Leben so wenig Freude ? Hat man vergessen , daß wir vor zehn Jahren noch ein Buch nach dem andern erscheinen sahen , worin bedeutende Köpfe die persönliche Fortdauer nach dem Tode leugneten ? Wie kommt es , daß man nun so gern stirbt , so gern sein Leben an eine Idee setzt , so muthvoll auf Die blickt , die uns ihre Theilnahme wohl nicht versagen werden , wenn wir fallen , sei es im Kampf , sei es von der Hand des ungroßmüthigen Siegers ? Der Zug zum Tode ist wehmüthig genug jetzt in unserm Leben da . Die Geschichte will ihn , die Geschichte hat uns die Cholera nicht umsonst gebracht , diesen grauenvollen Tod , der Niemanden schont , Niemanden achtet , Jeden wie ein Dieb in der Nacht überfallen kann . Unenträthselt ist noch , wie diese Pest aus Asien mit dem erwachenden Fieber der Revolutionen zugleich kam . Ich vergleiche diese Zeit mit dem Mittelalter , wo die Menschen hinstarben , den Kornähren gleich , die der Schnitter niederwirft . Damals rückten die Menschen näher zusammen , schlossen Bundsgenossenschaften , Brüderschaften und gingen in grauen Kleidern , demüthig , pilgernd durch die Welt und bestreuten das Haupt mit Asche . Es war ein Zug der Trauer und des Todes damals in allen Herzen und man starb gern . Nach fünfhundert Jahren ist es nun wieder so . Wir aber wollen dem Tode zu Liebe keine Flagellanten , keine Geißelbrüderschaften und Weltverachtungsgilden stiften , sondern dies armselige Leben getrost hingeben in den Kampf für Recht und Unrecht . Es werden bald genug üppige , feige Zeiten kommen , die Das , was wir in diesen starken versäumten , nicht einholen . Also nichts in die Länge ziehen ! Nichts auf die Zukunft verschieben ! Fordern , sagen was man will und für Recht hält , und dann als Mann dafür einstehen und sterben . Eine tiefe Stille folgte diesen zuletzt mit Ernst gesprochenen Worten . Werdeck stützte sein Haupt und konnte nicht umhin , Das , was Leidenfrost von der Tapferkeit und Todesverachtung unserer Tage fast mit erstickten Thränen sprach , zu bestätigen . Ja , es ist ein anderer Geist , sagte er sinnend , über uns Alle gekommen . Ich sehe Das am Leben des Kriegers . Wie schonte man sich sonst , wie vermied man die Gefahr ! Was mislich und schwer auszuführen war , muthete man Niemanden zu . Jetzt drängen sich zehn heran , wo man nur Einen begehrt . Niemand verzieht die Miene , wo es eine That gilt . Man scherzt , man schlägt sein Leben muthwillig in die Schanze , es ist , als gehörte man schon einer doppelten Welt an , der irdischen und einer himmlischen ... Und woher kommt diese Erscheinung ? rief Siegbert begeistert . Von der Bildung kommt sie . Die Bildung hat Platz gegriffen bis in die untersten Schichten . Die Frage vom Proletariat hat nicht feige , sondern tapfer gemacht . Eine Idee , eine Idee der Diskussion hat die Herzen gehoben . Man fühlt sich als Glied der Gesellschaftskette , man fühlt sich als Hebelkraft der Geschichte . Das Vereinsleben , die Ahnungen besserer Institutionen haben Wunder gewirkt . Wer klammert sich noch ängstlich an sein armseliges Ich , wo es etwas Allgemeines gilt ? Stirbt man , so hat man sich für eine Idee hingegeben . Glaubt Ihr denn , daß es ohne Wirkung für die untern Klassen ist , wenn sie geschichtliche Thatsachen erfahren und von alten Zeiten hören , wie es damals war und wie jetzt und wie jede That im Buche der Geschichte verzeichnet steht ? Allein grausam wäre es , wenn wir diese Folge der umsichgreifenden Bildung misbrauchen und auf das voller und mächtig schlagende Herz hin eine wirkliche Sehnsucht zum Tode statuiren wollten ! Man verachte das Leben , aber man jage Niemanden in den Tod , ehe man ihn nicht theilnehmen ließ an einer möglichen Verbesserung des Lebens ! O diese Sehnsucht zum Tode kann in eine blutige Grausamkeit umschlagen ! Schon jetzt ist es grauenhaft , wie kalt man hinopfert , wie forcirt man sich in den militairischen und Beamtenkreisen , ja auf den Thronen als Brutusse gebehrdet , die