nervösen Befangenheit würde sie es niemals bis zum Vorspielen bringen . Und singen konnte sie schon gar nicht mehr . Seit ihrer Krankheit klang ihre Stimme zum Erbarmen dünn und zitterig . Wollte sie es trotzdem versuchen , so überwältigte sie jedesmal eine Traurigkeit , gegen die kein Ankämpfen mehr möglich war . Sie fürchtete sich förmlich vor den alten lieben Melodieen , aus denen die Geisterstimmen so vieler gestorbener und begrabener Hoffnungen ihr entgegenklangen . Agathes Lehrerin veranstaltete zuweilen musikalische Abende . Sie verband dabei den doppelten Zweck , mit ihren Schülerinnen ein Examen abzuhalten und sich ihrer gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entledigen . Auch Agathe wurde schon eine Woche zuvor auf das Dringendste von Fräulein Kriebler gebeten , ihr die Ehre zu schenken . Es war ein heißer Sommerabend , kurz vor Beginn der großen Ferien . Alle drei Fenster des möblierten Zimmers mit Schlafkabinett , welches die Klavierlehrerin in einem Hinterhause bei einem Gerichtsschreiber bewohnte , waren weit geöffnet . Dennoch schlug Agathe , als sie aus der Küche der Frau Gerichtsschreiberin in den mit Damen gefüllten Raum trat , eine Luft entgegen , die von dem Geruch von Braten , Käse und Heringssalat durchzogen war . Niemand ließ sich von der Hitze anfechten . Die Stimmen surrten fröhlich durcheinander . Kleine Backfische in hellen Kleidern , die später singen sollten , saßen vorläufig zusammengedrängt in Fräulein Krieblers Schlafkämmerchen auf dem von einem Reiseshawl bedeckten Bett . Sie machten unter sich Bemerkungen von unehrerbietig jugendlichem Witz über das Buffet , das auf dem Waschtisch arrangiert war . Das Wohnzimmer wurde von Fräulein Krieblers Kolleginnen und Gönnerinnen eingenommen . Außer Agathe war noch eine ältere Schülerin da , die sich seit zehn Jahren ausbildete , anfangs für die Bühne , dann als Konzertsängerin . Es ging auch das Gerücht , sie sei einmal irgendwo öffentlich aufgetreten . Für Fräulein Kriebler waren die Musikabende ein Ereignis — eine höchst aufregende Sache . Sie hatte ihre kleinen Zimmer dazu gänzlich umräumen müssen . Die gestickten Decken , mit denen die Tische und Stühle , die bunten Papierblumen , mit denen sie die Wände geschmückt hatte , überall , wo Photographieen , Bücherbretter , Staubtuchkörbchen und gemalte Sprüche ein Plätzchen freiließen , fanden ungeteilte Bewunderung . Zwei heiße , rote Flecken auf den spitzen Backenknochen des kränklichen , von ruheloser Leidenschaft verzehrten Gesichts , lief sie unaufhörlich vom Klavier in die Schlafkammer , flüsterte den jungen Kindern Ermahnungen ins Ohr , ordnete ihre Noten , fragte , ob ihre Gäste vielleicht jetzt schon Thee haben möchten , sie dächte , es wäre besser , wenn er erst später käme — aber wenn sie wollten , dann hätte sie ihre beiden Petroleumkocher bereitgestellt . . . . Eine dicke , bucklige Lehrerin mit kurzgeschnittenen Haaren hatte schon ein paarmal gefragt , warum sich Fräulein Kriebler nur den Umstand mache ? Sie riet jetzt , da sie doch alle beisammen wären , das Konzert nur zu beginnen . Fräulein Kriebler warf noch einen hilflosen Blick auf eine Dame in Seide , die gerade aufgerichtet im Sofa saß und mit kalten Dorschaugen den zum Instrument getriebenen blonden und braunen seufzenden und sich schämenden Kindern folgte . Sie hatte die meisten der jungen Mädchen unter ihrer mütterlichen Leitung und war daher eine schreckliche und einflußreiche Persönlichkeit in dem Kreise . Die zitternden , vor Erregung klammen Finger der Lehrerin schlugen an . Dünne , liebe Stimmchen begannen ausdruckslos und ängstlich vor dieser Runde strenger Richterinnen zu ertönen und zu singen von Liebe und Lenz und der seligen Gewalt heimlicher Gluten . . . . Kaum war das geendet , da rauschten und flatterten die hellen Kleidchen eilig , eilig in die enge Schlafkammer . Und wie vorhin Seufzen und Kichern der Furcht , so nun Seufzen und Kichern der Erleichterung . Es war entsetzlich gewesen ! Ach wie gut , daß es vorbei war ! Und Erna stahl ein Schinkenbrötchen vom Buffet . Nein , aber — so unverschämt zu sein ! Linchen verschwand hinter der Garderoben-Gardine , die sich infolgedessen unförmig blähte , und aus der ab und zu ihre nackten Arme herausgriffen , bis sie in schief angezogenem Zerlinenkostüm wiedererschien . Sie sollte mit der Dame , die sich für die Bühne ausbildete , das Duett aus Figaros Hochzeit singen . Ja — Fräulein Kriebler verstand ihre Gäste zu überraschen . Sie hatte der losen Gräfin wie dem loseren Kammerkätzchen förmlich so etwas wie Koketterie beizubringen versucht . Man applaudierte natürlich so viel man nur konnte . Nachdem noch ein paar Klaviervorträge stattgefunden hatten , wurde das Buffet freigegeben . Auf den beiden Petroleumkochern brodelte das Theewasser . Fräulein Kriebler schenkte unaufhörlich ein . Sie schrie der Schar der Backfische , die ihr beim Servieren halfen , ihre Befehle zu . Eine laute Fröhlichkeit griff um sich . Die kleinen Fräuleins im Schlafgemach hörte man kaum noch , seit sie bei den Schinkenbrötchen und dem Flammerie saßen . Jetzt begannen die Lehrerinnen sich zu amüsieren . Sie hatten sich nicht umsonst mit ihren besten Kleidern und weißen Spitzen herausgeputzt — sie wollten nun auch ihr Vergnügen haben ! Die rauhen tiefen und die scharfen kräftigen Organe der energischen , älteren Mädchen tönten in lebhaften Unterhaltungen durcheinander . Fräulein Kriebler lief zwischen ihren Gästen umher , nötigte zum Zulangen und schrie mit ihrer hohen , leidenschaftlichen Stimme : “ Nehmen Sie fürlieb — a gipsy tea ! Sie müssen sich selbst bedienen . Meine Lakaien sind auf Urlaub ! Ein Löffel fehlt ? Es waren doch genug Löffel da ! Spülen Sie mal einen Löffel ab , Linchen — ein junges Mädchen muß schnell bei der Hand sein ! Nein — entschuldigen Sie nur , Fräulein Heidling — a gipsy tea . ” Die bucklige Lehrerin mit den kurzen , krausen Haaren erzählte , von Asthma pfeifend , die launigsten Geschichten . Ein sehr kurzsichtiges Mädchen ließ vor Lachen den Kneifer in die Majonaise-Sauce fallen . Endlich forderte eine blasse Person mit einer kolossalen Nase