mir zugeben , liebe Tante , daß es sehr unbequem und gefährlich wäre , wenn es deinem Sohne urplötzlich einfiele , › Geist ‹ zeigen zu wollen . Sei vorsichtig ! Mir will diese Ruhe und vor allen Dingen diese Stirn nicht gefallen . « » Mein Kind , « sagte die ältere Dame mit ruhiger Ueberlegenheit , » willst du es nicht mir überlassen , für den Charakter meines Sohnes einzustehen , oder traust du dir mit deinen zwanzig Jahren eine größere Urteilsfähigkeit zu , als ich sie besitze ? Waldemar ist ein Nordeck – und damit ist alles gesagt . « » Und damit hast du dein Urteil über ihn von jeher abgeschlossen . Er mag das Ebenbild seines Vaters sein in jedem Zuge , die Stirn aber mit der scharfgezeichneten blauen Ader an den Schläfen – hat er von dir – hältst du es denn gar nicht für möglich , daß er sich auch einmal als Sohn seiner Mutter zeigt ? « » Nein ! « erklärte die Fürstin in einem so herben Tone , als beleidige sie diese Idee förmlich . » Was ich von meiner Natur vererben konnte , das besitzt Leo allein . Sei nicht thöricht , Wanda ! Du bist gereizt durch das Benehmen Waldemars gegen dich , und ich gebe zu , daß es nicht sehr zuvorkommend war , aber du mußt darin wirklich seiner Empfindlichkeit Rechnung tragen . Wie du jedoch dazu kommst , aus seinem zähen Festhalten an dem alten Grolle auf einen wirklichen Charakter zu schließen , das begreife ich nicht ; mir beweist es das Gegenteil . Jeder andre wäre dir dankbar dafür gewesen , daß du ihm über eine halbvergessene peinliche Erinnerung hinweghelfen wolltest , und hätte mit der gleichen Unbefangenheit der Braut seines Bruders – « » Weiß Waldemar bereits – ? « unterbrach sie die junge Gräfin . » Gewiß , Leo selbst teilte es ihm mit . « » Und wie nahm er die Nachricht auf ? « » Mit der grenzenlosesten Gleichgültigkeit , obgleich ich ihm in meinen Briefen niemals eine Andeutung davon gemacht habe . Das ist ' s ja eben . Mit seiner einstigen Schwärmerei für dich ist er sehr schnell fertig geworden – davon haben wir Proben , an die vermeinte Beleidigung aber klammert er sich noch mit dem ganzen Eigensinn des ehemaligen Knaben . Willst du vielleicht , daß ich eine solche Natur als › Charakter ‹ gelten lasse ? « Wanda erhob sich mit unverkennbarer Gereiztheit . » Durchaus nicht , aber ich fühle keine Neigung , mich diesem Eigensinn noch länger auszusetzen , und deshalb wirst du es entschuldigen , liebe Tante , wenn wir Wilicza verlassen . Ich wenigstens bleibe auf keinen Fall hier – der Papa läßt mich schwerlich allein abreisen ; wir fahren noch in dieser Stunde . « Die Fürstin widersprach vergebens ; sie mußte wieder einmal die Erfahrung machen , daß ihre Nichte es ebensogut wie sie selbst verstand , ihren Willen durchzusetzen , und daß Graf Morynski den Wünschen seiner Tochter gegenüber » grenzenlos schwach « war . Trotz des wiederholten Wunsches der Schwester und der sichtbaren Verstimmung Leos blieb es bei der Anordnung , die Wanda getroffen hatte , und eine halbe Stunde später fuhr der Wagen vor , der sie und ihren Vater nach Rakowicz zurückbrachte . Einige Wochen waren vergangen , ohne daß die Ankunft des jungen Gutsherrn irgend etwas Nennenswertes in Wilicza geändert hätte . Man merkte seine Anwesenheit kaum , denn er war , wie die Fürstin richtig vorausgesehen , nur selten im Schlosse zu finden und streifte statt dessen tagelang in den Wäldern und überhaupt in der Umgegend umher . Die alte Jagdleidenschaft schien ihn mit voller Macht wieder ergriffen zu haben und alles andre in den Hintergrund zu drängen . Nicht einmal bei Tische erschien er regelmäßig . Seine Streifereien führten ihn gewöhnlich so weit , daß er genötigt war , auf irgend einer Försterei oder einem Pachthofe einzusprechen , und dies geschah in der That sehr häufig . Kam er dann spät und ermüdet nach Hause , so brachte er die Abende meist auf seinen Zimmern mit dem Doktor Fabian zu und erschien nur , wenn er mußte , in den Salons seiner Mutter . Leo hatte es schon nach den ersten Tagen aufgegeben , den Bruder zu begleiten , denn es ergab sich in der That , daß sie beide die Jagd auf sehr verschiedene Weise trieben . Der junge Fürst zeigte sich auch hier , wie in allen andern Dingen , feurig , verwegen , aber keineswegs ausdauernd ; er schoß , was ihm gerade vor den Lauf kam , scheute im Nachsetzen kein Hindernis und fand ein entschiedenes Vergnügen daran , wenn die Jagd eine gefährliche Wendung nahm ; Waldemar dagegen ging mit zäher , unermüdlicher Ausdauer dem Wilde oft tagelang nach , das er sich gerade ausersehen hatte , ohne sich um Essens- oder Schlafenszeit zu kümmern , und legte sich dabei Strapazen auf , denen eben nur sein eiserner Körper gewachsen war . Leo fing bald an , das ermüdend , langweilig und im höchsten Grade unbequem zu finden , und als er vollends die Entdeckung machte , daß sein Bruder das Alleinsein vorzog , überließ er ihn mit Vergnügen sich selber . Auf diese Art konnte von einem eigentlichen Zusammenleben mit der Mutter und dem Bruder gar keine Rede sein , obgleich man sich täglich sah und sprach . Die starre Unzugänglichkeit Waldemars war dieselbe geblieben , und seine Verschlossenheit im engeren Verkehr hatte eher zu- als abgenommen . Weder die Fürstin noch Leo waren ihm nach wochenlangem Zusammensein auch nur einen Schritt näher gekommen als am Tage seiner Ankunft , doch dessen bedurfte es auch nicht . Man war zufrieden , daß der junge Gutsherr so vollständig den gehegten Voraussetzungen entsprach und in gesellschaftlicher Hinsicht sogar eine Fügsamkeit bewies , die man gar nicht erwartete . So hatte er sich zum Beispiel nicht geweigert , den