, ob ihm auch nur ein einziger folgen würde , jetzt stand er inmitten einer immer wachsenden Partei , die nur auf den Führer gewartet zu haben schien . Jetzt wurde er gefeiert als der Mutige , der allein zu reden gewagt hatte , wo alles schwieg . Zwei Tage schon hatten die Verhandlungen gewährt , und immer drohender zog sich das Ungewitter zusammen über dem Haupte des Mannes , der hier als Kläger auftrat und nun zum Angeklagten wurde , denn Steinfeld selbst zeugte wider seinen Herrn . Zwar die Oberbeamten , die Vertreter jener Presse , die er beeinflußte , standen zu ihm oder schützten zum mindesten Unkenntnis vor . Sie durften ja nicht reden , wenn sie nicht eingestehen wollten , daß ihr Schweigen jahrelang erkauft worden war . Aber ihre Untergebenen , denen man den Einblick doch nicht ganz hatte verwehren können , redeten jetzt , und da wurden Dinge enthüllt über den Betrieb der Werke , über das Lohn- und Bedrückungssystem den Arbeitern gegenüber , daß man sich fragte , wie dergleichen möglich gewesen war auf großen Industriestätten , die doch aller Welt offen standen . Die Macht des Geldes , die alles geknebelt hatte , zeigte sich hier in wahrhaft unheimlicher Weise . Daß Steinfeld , diese große , vielbewunderte Schöpfung Ronalds , vor dem Ruin stand , galt bereits als öffentliches Geheimnis . Der Meister der Spekulation hatte mit der Aktiengesellschaft wieder einen meisterhaften Zug versucht , nur daß er diesmal damit scheiterte . Was kümmerte es ihn , was hinter ihm zusammenstürzte ! Ein Mahnruf in letzter Stunde ! hatte Raimar seine Schrift genannt , sie war in der That in der zwölften Stunde gekommen . Der heutige Tag brachte die Schlußverhandlung , wo die Entscheidung fallen sollte , brachte die große Verteidigungsrede Raimars . Er sprach seit länger als einer Stunde , und in atemloser Spannung hing die gesamte Zuhörerschaft an seinen Lippen . Dergleichen freilich hatte man kaum jemals gehört vor den Schranken , wo man sonst nur mehr oder weniger geistvolle Auseinandersetzungen , kühle Beweisführung vernahm . Ernst Raimar stand an dem Platze , der ihm so lange verschlossen geblieben war und sprach – der geborene Redner in jedem Worte , in jeder Bewegung ! Hoch aufgerichtet , mit flammenden Augen stand er da , die einst so müde , verschleierte Stimme füllte jetzt mit vollem , mächtigem Klange den ganzen weiten Raum , und wie ein Sturm brauste es dahin und riß alles mit sich fort . Die Verteidigung wurde zu einer Anklage , jedes Wort wurde eine Waffe , und Streich auf Streich fiel nieder auf jenen anderen , der nie nach den Rechten und dem Schicksal der Menschen gefragt hatte , die er niederwarf . Jetzt fühlte er selbst , was es heißt , niedergeworfen zu werden . Und nun schloß Raimar seine Rede : » Ich halte jedes Wort aufrecht , das ich in meiner Schrift ausgesprochen habe , ich habe nichts zurückzunehmen , nichts zu mildern . Hexengold ist es , was man euch gezeigt hat , mit seinem gleißenden Schimmer ! Hexengold , das den verdirbt , der es sich zu eigen macht , das in seinen Händen zu Staub und Asche wird . Ich habe das als Mahnwort laut in die Welt hinausgerufen , ehe es nochmals Tausenden zum Verderben wird . Ich habe gethan , was mir Recht und Pflicht hieß – ich erwarte den Spruch ! « Er trat zurück , und eine mächtige Bewegung ging wie eine mühsam zurückgehaltene Woge der Zustimmung und Bewunderung durch die gesamte Zuhörerschaft . Er hatte gesiegt , noch ehe der Spruch des Gerichts gefallen war , das fühlte man , und jetzt , wo er nicht mehr alles mit dem Banne seiner Rede gefesselt hielt , jetzt wandten sich aller Blicke auf den Mann , der mit eherner Stirn , als ginge ihn die ganze Rede nichts an , ihr standgehalten hatte . Felix Ronald bewahrte seine Selbstbeherrschung , regungslos , mit gekreuzten Armen saß er da , und nicht eine Muskel zuckte in seinem Gesichte . Nur in den Augen brannte ein unheimliches Feuer , und bisweilen wandten sich diese Augen von dem Gegner hinüber zu den Tribünen , wo sie stets nur an einem Punkte hafteten . Für Ronald gab es nur zwei Menschen unter dieser ganzen Menge , den Mann , den er haßte bis zum Tode , und das Weib , das er liebte , und jener glühende , drohende Blick galt ihnen beiden . Edith Marlow saß neben ihrem Vater , auch sie hielt äußerlich stand , in der Schule der großen Welt lernt man die Selbstbeherrschung . Das schöne , anscheinend so kalte Antlitz verriet nichts von dem , was im Innern wogte , aber Marlow , der ihre Hand in der seinen hielt , als wolle er sie schützen , fühlte das krampfhafte Beben dieser Hand . Als Raimar zurücktrat , neigte er sich zu seiner Tochter nieder . » Edith , komm , laß uns gehen ! « Sie schüttelte mit Entschiedenheit das Haupt . » Nein , ich bleibe bis zum Ende ! « Der Vater sah es , daß er hier machtlos war , und fügte sich . Die Beratung der Richter dauerte nur kurze Zeit , dann wurde unter atemlosem Schweigen der Zuhörer der Spruch verkündet : Ernst Raimar war freigesprochen ! Das Gericht erkannte an , daß er nur als Anwalt des öffentlichen Rechtsbewußtseins gehandelt hatte , und erkannte damit auch die Wahrheit seiner Anklagen an . Das Urteil wurde mit einem wahren Sturm der Begeisterung begrüßt . Auf den Tribünen gab es einen förmlichen Aufstand , und im Saale drängte sich alles um Raimar , um ihn zu beglückwünschen . Man jubelte ihm zu wie einem Helden nach gewonnener Schlacht und bemerkte es kaum , daß sein Gegner und dessen Anhänger sich entfernten – Felix Ronald war gerichtet ! Es war am Tage nach der Gerichtsverhandlung , in den Nachmittagsstunden