, ihn retten vielleicht vor dem drohenden Zorne des Bruders , aber weshalb er dabei den Sohn mit sich nahm , weshalb er auf einmal so hartnäckig auf einer Aussöhnung bestand , nachdem Monden seit jenem Streite vergangen waren , das wußte sich Ottfried nicht zu erklären . Gereizt , wie er schon war , verletzte es ihn noch tiefer , daß der Graf ihn so ohne Weiteres fortschickte , weil er mit Pater Benedict zu reden hatte , verletzte es ihn um so mehr , als er sich sagen mußte , daß diesem gegenüber eine gleiche Rücksichtslosigkeit nie stattgefunden hätte . Freilich , dieser Mönch durfte sich ja Alles erlauben , er bewies es eben wieder auf ’ s Neue , wo er dem Befehl seines hohen Gönners so entschieden den Gehorsam versagte , und der Graf , der bei dem eignen Sohne so energisch jede Regung des Ungehorsams zu unterdrücken wußte , schien diesem Trotz gegenüber machtlos . Das räthselhafte Verhältniß , in welchem sie Beide zu einander standen und das Ottfried schon seit jener Begegnung im Walde beschäftigte , trat ihm jetzt auf ’ s Neue vor Augen , aber er fand heute so wenig eine Erklärung dafür wie damals . Rhaneck befand sich jetzt allein mit Benedict , der ihm gegenüberstand wie gewöhnlich , stumm , finster und ohne die geringste Empfindung für den augenscheinlichen Beweis der Theilnahme , den sein Beschützer ihm mit diesem Erscheinen hier wiederum gab . „ Bruno , um Gotteswillen , was hast Du gethan ! “ Der Gefragte hob mit kaltem Trotze das Haupt . „ Was ich gethan habe , werde ich zu vertreten wissen ! Jedenfalls steht nur meinem Abte das Recht zu , Rechenschaft darüber zu fordern – ihm werde ich sie geben , sonst Keinem ! “ In dem Antlitz des Grafen kämpfte der ansteigende Zorn über die schroffe Antwort mit einer anderen schmerzlicheren Empfindung . „ Das also ist der Dank für all meine Sorge und Angst um Dich ! “ sagte er bitter . „ Dein Vertrauen habe ich freilich nie besessen , seit einiger Zeit aber scheinst Du Dich förmlich feindselig von mir abzuwenden . “ Benedict senkte das Auge , der Vorwurf rief wieder jenes Gefühl der Beschämung in ihm wach , das immer und immer mit der geheimen Abneigung kämpfte , deren er sich nun einmal nicht erwehren konnte , dem Manne gegenüber , dem er doch so Vieles dankte . [ 149 ] „ Ich habe Ihnen schon einmal bekannt , Herr Graf , daß ich Ihrer Güte nur Undank entgegen setze , “ erwiderte Bruno leise . „ Verzeihen Sie mir und – geben Sie mich auf ! “ Bei der geringsten Nachgiebigkeit von Seiten seines Schützlings verschwand sofort aller Zorn aus dem Wesen des Grafen . „ Dich aufgeben ! Also weißt Du wenigstens , daß Du in Gefahr schwebst ! Bruno , wie konntest Du diese unselige Predigt wagen ! Du mußtest doch wissen , mußtest doch berechnen , welche Folgen sie auf Dein Haupt herabzieht . “ Der junge Priester hob düster das Auge wieder empor . „ Wenn ich überhaupt berechnet hätte , so wäre das Ganze unterblieben . Ich bin doch noch Mönch genug , den Gehorsam zu halten , den ich meinen Oberen gelobt habe , und ich weiß , daß jene Rede furchtbar dagegen stritt . Aber als ich mich inmitten all der versammelten Wallfahrer sah , die sich in blinder Andacht vor mir neigten , als ich denken mußte , daß vielleicht Hunderte von ihnen ihre Kinder einst in dieselben Fesseln zwingen , die jetzt mich zu Boden drücken , da übermannte es mich mit unwiderstehlicher Gewalt und riß mich fort wider meinen Willen , ich konnte die Worte nicht mehr zügeln – erst als ich von der Kanzel zurücktrat , kam mir zum Bewußtsein , was ich eigentlich gesprochen . “ Rhaneck schüttelte das Haupt . „ Das Unglück ist der Ort , wo Du es gesprochen . Wäre es hier in N. geschehen , vor der kleinen Pfarrgemeinde , die Sache ließe sich vielleicht noch ausgleichen , aber vor dem zusammengeströmten Volke , vor den Tausenden von Wallfahrern , die jedes Deiner Worte bis in die fernsten Punkte des Gebirges tragen – das verzeiht Dir mein Bruder nie ! “ „ Ich weiß es ! “ „ Warum hast Du mir nicht bekannt , daß Du den Stand hassest , dem ich Dich weihte ? “ fragte der Graf gepreßt . „ Ich hätte Dich nicht gezwungen , beim Himmel , ich hätte es nicht gethan , trotz alles Drängens meines Bruders ! Aber ich glaubte Dich ja im vollsten Einklange mit Dir selbst und mit Deiner Zukunft . “ Benedict lächelte bitter . „ Hätte ich am Tage der Priesterweihe empfunden , wie ich jetzt empfinde , keine Macht der Erde hätte mich in dies Gewand gezwungen . Sie vergessen , daß ich im Priesterseminar erzogen bin , wo alles Wollen und Können immer nur blind in die eine Richtung geleitet wird , wo keine Minute unbewacht und keine unbenutzt bleibt . Erst im Kloster fand ich Zeit zum Denken , fand ich mitten unter all dem äußeren Zwange Freiheit genug , mir selbst zu leben , und da erst kam das Erwachen – zu spät ! “ Mit einem schweren Seufzer schien sich Rhaneck von dem peinigenden Gedanken losreißen zu wollen . „ Wir wollen nicht um Vergangenes streiten ! “ sagte er entschlossen , „ die Gegenwart ist drohend genug . Du bist nach dem Stifte zurückberufen ? “ „ Ja . “ „ Und Du wirst dem Rufe folgen ? “ „ Dem Befehle meines Abtes ? Gewiß ! “ Der Graf trat ihm hastig einen Schritt näher . „ Du darfst nicht zurück , unter keiner Bedingung ! Muß ich Dir erst sagen , was Dich dort erwartet ? Warnt Dich nicht das Schicksal so manches Deiner Gesinnungsgenossen und bist Du nicht lange genug