daß ihr dünnes Scheitelhaar abscheulich derangiert sei . Sie hatte einen kleinen weißen Spitzenshawl vom Halse genommen und ihn graziös über die losen Löckchen gesteckt ; dieses weiße klare Gewebe legte sich wie ein Heiligenschein um den reizenden Kopf . Und die Tante Diakonus mußte immer wieder hinsehen ; es war und blieb doch eine wunderschöne Braut . Nun erst begriff sie ganz , daß der Doktor dieses sylphenhafte Wesen weder im tollen Treiben der Studentenzeit , noch auf den Schlachtfeldern hatte vergessen können , und ihr jetziges seltsames Benehmen , ihre finstere Schweigsamkeit , so verletzend sie auch das warme Gefühl berührte , war ja doch nur die augenblickliche natürliche Folge eben stattgehabter heftiger Gemüthserschütterungen . Inzwischen ging der Nachmittag zu Ende . Im Westen flammten die Abendgluten auf ; die niedersinkenden kleinblätterigen Rankenfransen der Blumenampeln in den Fensternischen erschienen goldbeflittert , und die Purpurrosen auf den Kattungardinen wuchsen im Sonnenfeuer zu Riesenpäonien , die das Krankenzimmer mit feurigem Glanze erfüllten . Henriette lag still , mit geschlossenen Augen in den Kissen . Sie hatte fast angstvoll gegen das Niederlassen der Rouleaux protestiert , „ weil sie nicht an dumpfer Dämmerung ersticken wollte “ ; ebenso war es ihr Wunsch , daß man zwanglos aus- und eingehen und sich mit lauter Stimme unterhalten möge ; sie könne das Geflüster und das „ Auf-den-Zehen-gehen “ nicht ausstehen , ja , sie fürchte sich davor und meine , man sehe eine Totkranke oder gar Sterbende in ihr . Ihr Wunsch wurde erfüllt ; man bemühte sich , bei möglichster Geräuschlosigkeit vollkommen unbefangen zu erscheinen . Während der Doktor für einige Minuten das Zimmer verließ , um ein Buch zu holen , kam die Tante Diakonus herein mit einem Präsentierteller in den Händen , und sofort verbreitete sich ein köstliches Thee-Aroma , das selbst den starken , scharfen Duft der Eau de Cologne niederkämpfte . Auf dem Brett lag eine glänzend weiße Damastserviette vom feinsten Gewebe ; die Tassen waren von altem Porzellan und die silbernen Löffel altväterisch massiv und dick , lauter Erbstücke einer respectablen Familie . Und das rote Sonnenlicht verklärte die alternde Frauengestalt , wie sie so , in wahrhaft holländischer Sauberkeit leuchtend , mit dem edlen , friedfertigen Gesicht unter dem aschblonden , ungelichteten Scheitel vor die Braut in der Fensterecke trat und ihr freundlich die Erfrischung bot . „ Selbstgebackene Waffeln ? “ fuhr Flora aus ihrer halbliegenden Stellung empor . „ Ach ja , der Schmorduft kam vorhin von der Küche her , bis zu mir in diese Ecke . Wie appetitlich ! “ Sie schlug die Hände zusammen wie in naiver Bewunderung . „ Mein Gott , wer , wie ich , so völlig talentlos für häusliches Wirken ist , der begreift absolut nicht , wie solch ein kleines Kunstwerk zu Stande kommen kann . Wie viel Geduld , aber auch wie viel Zeit mag dazu gehören ! “ „ Ich geize mit meiner Zeit und habe mir deshalb ein wenig Flinkheit angewöhnt , “ sagte die Frau Diakonus lächelnd . „ So werde ich ziemlich rasch mit meinen Hauspflichten fertig . Ich habe über sehr viel Mußestunden zu verfügen und bin so glücklich – was viele andere stark beschäftigte Hausfrauen nicht können , nicht dürfen – an meiner geistigen Fortbildung nach Kräften arbeiten zu können . Im vergangenen Winter z. B. habe ich mir die Aufgabe gestellt , die Bibel vom ersten bis zum letzten Worte , in der Reihenfolge , durchzulesen – “ „ Um des geistigen Trostes willen ? “ fragte Flora . „ Deshalb nicht – ich bin bibelfest genug , um die Stellen auswendig zu wissen , an die ich mich im Leben zu halten pflege , aber der heiße politisch-religiöse Streit , der jetzt die Welt bewegt , geht auch die Frau an , und wenn man auch nicht zu den Waffen greifen kann , so gilt es doch , sich aufrichtig bekennend einer der Phalangen einzureihen , die hinter den Vorkämpfern stehen , und das kann man nur , wenn man einmal von Allem , was Schule und Predigt überliefern , absieht und möglichst vorurtheilslos an die heilige Schrift herantritt . “ Flora sah ihr mit grenzenlosem Erstaunen , weit offenen Auges in das Gesicht . Die ganze Bibel durchlesen , um der Ueberzeugung willen ! Wie entsetzlich trocken und uninteressant ! Dazu fehlte ihr , der Poesiereichen , die Geduld . Daß sie sich selbst mit Vorliebe der Welt gegenüber als den ernst grübelnden , forschenden Geist aufspielte , vergaß sie vollständig in diesem Momente , wo sie sich über die unvermutete geistige Beschäftigung „ der strümpfestopfenden , unermüdlich backenden und scheuernden Frau “ gründlich ärgerte . Wie kam denn die dazu , die Pfarrerswitwe , sich auch um die Welthändel zu kümmern ? Ah , nun wußte man auch , wer den Doktor verdarb , wer ihm das lächerliche Ideal aufstellte , nach welchem die Frau Köchin und „ geistige Gehülfin “ zugleich sein konnte . Käthe war längst hinzugetreten und hatte der Tante das Präsentirbrett abgenommen . Mit klugem Blicke verfolgte sie die steigende Bewegung in den schönen Zügen der Schwester – sie wußte , daß sie sich zu irgend einer rücksichtslosen Aeußerung hinreißen lassen würde ; deshalb bot sie ihr schleunigst den Thee an . Flora pflückte ungeduldig mit ihren zarten Fingerspitzen an dem Taschentuche auf ihrem Schooße und dankte sichtlich verstimmt , „ weil sie noch sehr alteriert sei , um etwas über die Lippen bringen zu können “ , wenige Minuten darauf aber sah das junge Mädchen , wie sie eine Bonbonnière aus der Tasche zog und sich mit Eisbonbons erquickte ; sie vermied es geflissentlich , in diesem Hause etwas anzunehmen . Sie wollte absolut keine Gemeinschaft mehr mit ihm . Käthe erkannte sehr wohl , daß die treulose Braut mit dem Eintritte in das alte Haus , in die einfach bürgerliche Fremdenstube den letzten Rest von Selbstbeherrschung und erkünstelter Ruhe verloren hatte ; sie las in den großen , graublauen