einbildet , daß ihm eine erfahrene Frau , wie ich , die Flunkerei mit dem Mädchen glauben soll ! In der ganzen Welt läßt sich kein Dienstbote ohne richtige Kündigung fortschicken , wenn nicht ein ganz besonderer Grund vorliegt . Weshalb unsereins den Grund nicht erfahren soll , das weiß ich freilich nicht ; aber den Kopf will ich mir abschneiden lassen , wenn da nicht der Henkeldukaten im Spiele ist ! ... Na , wohin denn so geschwind , Herr Markus ? « Sie wandte sich um und sah mit hochgezogenen Brauen dem Gutsherrn nach , der , im Sturmschritt an ihr vorüber , den Weg einschlug , den sie gekommen war . » Und das fragen Sie auch noch , Verehrteste ? « rief er zurück . » Können Sie sich denn gar nicht denken , daß ich furchtbar neugierig bin , die unvergleichliche › Neue ‹ kennen zu lernen ? « – Er eilte weiter , als trüge ihn der erste leichte Windstoß , der an der Gehölzecke aufflog , über das Weggeröll hin . Sein Blick durchforschte das karg bestandene Gelände – irgendwo , aus einem dürftigen Ährenfeld oder zwischen den letzten Heuhaufen der nächsten Wiese , sollte und mußte ja das weiße Kopftuch auftauchen ; aber es rührte und regte sich nichts im weiten Feld ; nur die so lange ersehnten Wolkenschatten liefen drüber hin , als tröstende Vorboten , als Gewitterherolde , und durch die Birnbaumwipfel des Vorwerksgartens blies ein zweiter schwacher Windstoß und schüttelte geräuschlos verschrumpfte , kleine Früchte auf den Weg . Herr Markus kam an der stillen , dunklen Lindenlaube vorüber und schritt durch das Himbeergebüsch in den Hof – da wurde es endlich laut . Die Tür knarrte , Spitz hob die Nase von den Vorderpfoten und kläffte , und vom Hause her klang brummiges Schelten . Beim Eintritt in den Hausflur sah er den Amtmann vor dem Speiseschrank in der offenen Küche stehen . In der Linken hielt der alte Herr Stock und Pfeife und mit der Rechten warf er eben die Schranktür ins Schloß , daß sie in den Fugen ächzte . Darauf zog er den Schlüssel ab und steckte ihn in die Schlafrocktasche . » Der Teufel soll die Wirtschaft holen ! « brummte er , in den Hausflur hinkend . Er streckte die Hand dem Gutsherrn hin , dem er in diesem Augenblick vorkam wie ein schlechtspielender Maulheld auf der Bühne . – » Liegen da , im offenen Speiseschrank eine mächtige Zervelatwurst und mindestens drei Pfund vom allerbesten Schinken ! Ein paar hübsche Bissen für die Strolche und Bettelkinder , die auf dem Vorwerk herumschnüffeln ! Ei Herr Jesus ! – Ja , wenn freilich so in meiner Räucherkammer mit meinen Vorräten gehaust wird , da braucht man sich freilich nicht zu wundern , wenn der Verdienst flöten geht ! ... Und die Einmachbüchsen ! Ein ganzes Regiment steht in dem einen Fache aufgepflanzt ! « – Er kratzte sich hinter dem Ohr . – » Das darf ich meiner guten Frau gar nicht sagen , wie ihr schöner Keller geplündert wird – und weshalb nur , ins Henkers Namen ? Ich wüßte nicht , daß wir irgendeine Gesellschaft anberaumt hätten ! ... Na , wenn meine Nichte heimkommt – « » Vielleicht kann Ihnen die Magd Auskunft geben , « warf Herr Markus hin . » Die dort ? « Er zeigte mit der Pfeife nach dem Anrichtetisch zurück , an welchem › die Neue ‹ mürrisch und verdrossen hantierte . – » Ich bitte Sie , die ist ja kaum seit zwei Stunden im Hause ! « » Ich spreche von der anderen . « Der Amtmann sah einen Augenblick wie abwesend in die Luft , als müsse er sich besinnen ; dann bückte er sich plötzlich , um ein paar hängengebliebene Holzspäne von seinem zerfaserten Schlafrock abzuschütteln . » Ach , die ? die ? « brummte er ziemlich undeutlich – er hatte die Pfeifenspitze wieder zwischen den Zähnen . – » Ist nicht mehr da – nicht mehr da ! Ist fort mit Sack und Pack ! « – Er richtete sich wieder auf – das Bücken hatte sein Gesicht braunrot gefärbt . » Aber kommen Sie doch herein , Herr Markus ! Meine Frau wird sich freuen , und ich muß Sie notwendig sprechen , des neuen Hauses wegen ... Es sind mir da doch noch allerhand Bedenken aufgestiegen . Das Besuchszimmer beispielsweise – « » Wollen Sie nur nicht vorerst sagen , wohin sich das Mädchen gewendet hat ? « unterbrach ihn der Gutsherr höflich , aber nachdrücklich . » Herr , das ist eine närrische Frage ! « fuhr der Amtmann ohne Grund auf . » Verzeihung – aber welcher Dienstherr kümmert sich um den Aufenthalt des entlassenen Gesindes ? Ich bin gewohnt , meinen abziehenden Leuten ihren Lohn hinzuzahlen , und damit Punktum ! Nachher sind sie tot für mich , da scher ' ich mich den Teufel drum , ob sie in einen anderen Dienst gehen oder in der Welt herumzigeunern ! Für mich ist das Mädel eben fort , fort , als habe sie der Wind weggeweht , als war ' sie nie dagewesen – ja ja , nie dagewesen ! « » Aber Ihre Nichte , die das Mädchen mitgebracht hat , ist sie mit dieser plötzlichen Entlassung einverstanden ? « Wieder schoß dem alten Herrn das tiefe Braunrot über das ganze Gesicht . » Meine Nichte ? « wiederholte er gedehnt . » Bah , danach wird nicht gefragt ! « polterte er . » Die Bedenken der Frauenzimmer kommen erst in zweiter Linie – Herr im Hause bin ich ! ... Aber – lächerlich ! – Da stehen wir zwei und schwatzen wie die Spittelweiber über eine Nebensächlichkeit ! Kommen Sie doch näher ! Ich habe nämlich einen guten Gedanken ! Die Täfelung im neuen Empfangszimmer – « » Davon später , Herr Amtmann , « unterbrach ihn der Gutsherr finster –