hatte die wesenlose Luft umschlungen . Ein ärmeres Geschöpf konnte es in diesem Augenblick auf Erden nicht geben . Was hat eine Waise , die Vater und Mutter entbehrt , wenn sie auch noch ihren Schutz ­ geist und ihren Gott verliert ? Sie ist ein aus dem Neste gefallener Vogel , dem Bosheit die Flügel aus ­ riß und ihn lebendig liegen ließ , — Die ahnungs ­ volle , in Leiden frühgereifte Seele des Kindes fühlte die ganze Größe dieses Elendes und es vergrub das Gesicht in die Kissen , damit Rieke das krampfhafte Schluchzen nicht höre , in dem sich sein tiefes Weh Luft machte . Die Träne , die es seinem Gott nach ­ weinte , war das Einzige , was ihm der Oheim ge ­ lassen , — war das einzige Gebet , dessen es in die ­ sem Augenblicke fähig war , denn wie gerne es beten wollte — es fand kein Wort . „ Er hört Dich ja doch nicht , er ist ja nicht ! “ rief es in ihm und dann brachen aufs Neue die heißen Tropfen hervor und es weinte wieder im bittersten Abschiedsschmerz . Aber je länger es weinte , desto weicher wurde ihm zu Sinne und wie der Gekreuzigte , nachdem er beeidigt war , unsichtbar unter den Jüngern weilte , so stand der Gott , den es im Geiste begra ­ ben , heimlich in seinem Herzen wieder auf : es hörte ihn nicht , sah ihn nicht , — aber es fühlte seine Nähe und fühlte sich durch sie gestärkt , daß es wieder beten konnte . Und nun warf es sich mit voller Inbrunst im Bette auf seine Kniee , faltete die Hände und flehte : „ Lieber Gott , laß mir den Glauben an Dich , — wenn Du bist und mich hörst — „ ja , da war es schon wieder , das furchtbare — „ wenn “ . — Die Kleine mußte innehalten und darüber nachdenken — sie mußte ! Aber bis sie das getan , war Ge ­ bet und Andacht dahin — und der Gott ent ­ schwunden ! So rang sie in Fieberglut zwischen Zweifel und Glauben und ihre Seele schmachtete nach Liebe , wie ihr heißer Gaumen nach Wasser ; — wo war die Hand , die milde , treue Hand , die ihr den Trunk reichte und aus der sie im Kusse die Labung für die liebedürstende Seele saugen konnte ? O — solch ’ eine Hand , wie nur eine Mutter sie hat ! Ernestine starrte durch die Finsternis empor , ihr Atem ging rasch und ihr Herz schlug hörbar , aus den weit geöffneten bren ­ nenden Augen floß keine wohltätige Träne mehr . „ O Gott , mein Gott , warum hast Du mich verlas ­ sen ? “ war der letzte Wehschrei ihres gefolterten Her ­ zens , dann versank sie in fieberhaften Schlummer . Siebentes Kapitel , Abschied . Die Herbststürme hatten alles Laub von den Bäumen geschüttelt , nur drüben über den weiten , grauen Feldern , welche Hartwichs Besitztum umga ­ ben , rauschten die grünen Tannen des Waldsaumes . Über die kahle , trostlose Ebene schwebte eine kleine einsame Gestalt dem Walde zu , geisterhaft bleich und traurig , wie Heines letzte Elfe.11 Ernestine war so weit genesen , um wieder ihrer alten Gewohnheit nach mit dem Sturmwind um die Wette zu rennen , sie breitete die Arme aus und konnte noch immer nicht von dem Gedanken los , es würden einmal Flügel daraus , die sie forttrügen , hoch , hoch hinauf . Sie wußte wohl , es konnte nicht sein , aber der Gedanke war doch so schön ! Von der Erde weg , hinauf wollte sie — auf der Erde war es so trübe , sie war ein Fremdling da , und sie fühlte es , ihre Heimat müsse wo anders sein — Im Himmel ? Himmel gab es ja keinen — aber doch in der Luft — wenigstens in der Luft . Und sie lief — sie stürmte dahin und es hob ihr das Herz , als es ihr um die Ohren sauste und ihre Locken und Kleider im Winde flatterten . Sehnsucht , unendliche Sehnsucht , sie wußte nicht , wonach , trieb sie hinaus — sie wußte nicht , wohin , — Sie hatte nichts mehr , wonach sie sich sehnte , und dennoch tat sie es , so innig , so zum Sterben . Sie hätte sich jetzt in Schaum auflösen mögen , wie die Seejungfrau , daß die Töchter der Luft sie fortgetragen hätten in das Unendliche ! Und sie stand still und schaute empor in das graue Gewölk und atmete tief — ach da droben war ja nichts mehr , worauf sie hoffte — und in der eigenen Brust hatte sie noch nicht suchen gelernt . Leer war es um sie her und leer über ihr — und dennoch zog es ihr volles Herz in das Leere ! Sie hatte endlich das Gehölz erreicht und stand unter den dunkeln Tannen , die der Sturm mit furchtbarer Gewalt zerzauste . Zum letzten Mal betrat sie heute den alten heimatlichen Wald , denn morgen sollte sie mit dem Onkel nach dem Süden reisen , sie sollte dem nordischen Winter entfliehen . Es tat ihr leid , denn sie hing an der Heimat , wie wenig ihr diese auch gab — sie muβte doch an etwas hängen ! Sie hatte sich so auf Schnee und Eis gefreut — die leuchtende Gestalt der Schneekönigin aus dem Märchenbuche , Andersens nordische Poesie hatte ihr den Winter verschönt und verklärt . War es ihr doch ergangen , wie dem kleinen Kay , blühten ihr doch , wie ihm , keine Freuden mehr und quälte sie sich im Geiste , wie er , mit dem Worte Ewigkeit ab.12 — Sie konnte nicht anders , so wie es ihr ums Herz war , muβte sie den Winter lieben