im allgemeinen und um Frau Amtsrat im besonderen nicht für einen Pfifferling . Trotzdem drangen allerlei Gerüchte über den neuen Herrn auf Hilgendorf in die Stadt und bildeten einen nie versiegenden Unterhaltungsstoff für die zahllosen Kaffees der Honoratiorendamen . Aber weit entfernt war Frau Amtsrat von dem sogenannten » Klatsch « , sie wollte hören aus wirklichem Interesse für ihr unvergeßliches Hilgendorf . Seit langer Zeit hatten die Wendenburgs auf Hilgendorf gesessen , so fest und sicher wie auf eigener Scholle , immer wieder hatte das fürstliche Rentamt den Pachtvertrag mit einem Wendenburg erneuert , der Sohn war dem Vater gefolgt wie auf einem Fürstenthron , und nun hatte der Himmel dem seligen Amtsrat Wendenburg nicht nur den heiß ersehnten Sohn versagt , nein , er rief auch den frischen , kräftigen Mann in seinen besten Jahren von dieser Welt ab , und die Witwe sah die Pachtung in die Hände eines gänzlich Fremden übergehen , der eines Tages mit seiner blassen , stillen , ewig kranken Frau einzog . Das war eine schwere Zeit gewesen , und andre schwerere kamen nach ; zum Beispiel als das Testament ihres guten seligen Mannes bekannt gegeben wurde . Ja , dieses Testament ! – Tante Lotte mied alle Festlichkeiten : sie machte lieber einen Spaziergang mit Röschen oder spielte vierhändig mit dem Kinde ; anfänglich leichte Sachen , später ernste klassische Stücke . Wenn aber unten die Haustür klingelte und die tiefe schöne Stimme der heimkehrenden Mutter erscholl , dann steckte Tante Lotte das » liebste Kind « , wie sie ihre junge Nichte nannte , ängstlich zur 206 Tür hinaus , denn unter anderen Vorwürfen , die Frau Amtsrat für das Hauchebild hatte , behauptete sie auch noch , es trachte danach , ihr des Kindes Herz abspenstig zu machen . Und das Hauchebild konnte doch genug haben an ihrem eigenen Kinde , dem unausstehlichen Bengel , dem Fritz , dem ganz und gar nichts Hauchebildartiges anhaftete , der vielmehr rechtschaffen frech war , wie Frau Amtsrat Wendenburg jeden versicherte , der es hören wollte , eine Eigenschaft , die er von seinem verstorbenen Vater , dem Oberförster Taube , geerbt haben sollte – nach ihrer Meinung . Gottlob ! war dieser » Schlagtot « von einem Jungen immer nur während der Ferien zu seiner Mutter gekommen , aber da gab es schließlich auch gerade genug Ärger . Wenn Röschen wild war von Natur , so wurde sie es doppelt , wenn Fritz Taube erschien . Und obgleich besagter Fritze acht bis neun Jahre mehr zählte als seine Cousine Röschen , waren sie doch schier unzertrennlich , und der heranwachsende Jüngling ging mit dem Kinde um , als wäre er die beste Bonne der Welt . Das Hauchebild aber lebte auf in dieser Zeit und stiftete , nach Meinung der Mutter Röschens , die beiden Wilden zu immer größeren Torheiten an . In den Kinderjahren Röschens mochte es ja hingehen , daß diese Tante mit Sohn und Nichte tagelange Fußtouren in die Berge unternahm , als aber dann später der hübsche Forsteleve mit dem kecken blonden Bärtchen über den blitzenden Zähnen immer wieder kam und die Tante mit dem siebzehnjährigen Röschen und ihm sogar eines Augustabends eine regelrechte Mondscheinpartie unternahm , von der das Mädchen mit großen leuchtenden Augen und einem blassen andächtigen Gesichtchen heimkehrte , da wurde es der Frau Amtsrat zu bunt , und sie empfand wieder einmal tief gekränkt die Schmach , durch ihres seligen Mannes letzten Willen in so unlöslichen Beziehungen zu dieser Tante Lotte stehen zu müssen , gleich einem Galeerensklaven . Die Frau Amtsrat war an diesem Tage in einem Gartenkaffee bei der Frau Superintendent gewesen , und als sie heimkehrte , aufgeregt von der großen Neuigkeit , die sie gehört , und nach einer Aussprache förmlich lechzend , waren die drei in die Au nach der Buschmühle gewandert . In ihrer Unruhe ging sie in den 207 Gartenwegen auf und ab und schalt innerlich auf das Hauchebild mit seinen verschrobenen Ideen , und dabei stand der Mond so wunderbar klar am dunkelblauen Himmel und versilberte jedes Zweiglein , jedes Blättchen , und lag wie Schnee auf den Kieswegen : die Rosen dufteten so süß , und jenseit der Gartenmauer gingen Bursche und Mädchen dahin und sangen : » In einem kühlen Grunde Da geht ein Mühlenrad « – Der Frau Amtsrat wurde mit einemmal ganz eigen zu Mute , denn an solch einem Mondscheinabend hatte ihr Seliger sie gebeten , seine Frau zu werden – da war sie eben siebzehn geworden . Heute zählte sie sechsunddreißig , seit elf Jahren war sie Witwe . Und sie dachte an einen zweiten Mondscheinabend , an dem der alte Geselle droben am Himmel noch viel silberner gestrahlt hatte , die Rosen noch weit süßer dufteten als an ihrem Verlobungsabend , denn da lauschte sie mit den wachen Sinnen ihrer reifen blühenden achtundzwanzig Jahre den Liebesworten eines schönen ritterlichen Offfziers , dem sie – ach , so gern die Arme um den Hals geschlungen und dazu gesprochen hätte : Ja , ja , ich will dein sein , ich liebe dich , wie ich nie zuvor geliebt habe ! Und sie mußte die Arme sinken lassen und sagen : » Ich werde mich nie wieder verheiraten , Herr Rittmeister , nie ! « Gott weiß , wie schwer ihr das geworden war ! Und nun hatte sie immer nur für das Kind gelebt und hatte die ewige Sehnsucht nach frischer , fröhlicher , gedeihlicher Arbeit , und mit dieser Sehnsucht war Hilgendorf identisch . Es war der Traum ihres Alters , denn Frau Amtsrat erschien sich sehr alt , die Aufregung über das heute Gehörte kam mit dieser Vorstellung wieder heftig über sie , und mit ihr die Erbitterung über die Tante , die das Kind einmal wieder ihr entfremdete . Und just in diesem Augenblick kehrten sie heim . Durch die Gartenpforte trat die Tante mit Röschen und Fritz , und Frau Amtsrat konnte deutlich das Gesicht