graue Licht der Morgendämmerung brachte etwas tröstlichen Schimmer in mein Gemüt . Liesel war auf dem Stuhle eingeschlafen , auch Kathrin schlummerte , und ich betete um ein festes , starkes Herz . Als im Laufe des Nachmittags die Frau Gerichtsschreiberin am Krankenbette saß , rüstete ich mich , um einen Gang nach dem Schlosse zu machen , den ersten , seit ich von dort schied . Ich sah in den Spiegel : ein von Krankenstubenluft und Nachtwachen bleiches Gesicht schaute mir entgegen . Ich zuckte die Achseln und schalt mich selbst aus : » Warum bist du auch so dumm , Grete , dir trübe Gedanken zu machen , du Hasenherz – wo kein Vertrauen , da ist auch keine Liebe . « Ich schritt durch den Park mit seinen knospenden Bäumen , es war frühlingsmilde , warme Luft , und sie hauchte mir beinahe das letzte Bangen hinweg . Bei Anne Marie machte ich halt und fragte nach Briefen . » Nichts , Fräulein Gretchen « , sagte sie bedauernd und erzählte mir von der Szene am Gewächshause . » Wahrscheinlich wollte der Herr Leutnant einen Brief abgeben , aber die gnädige Gräfin ließ ihn nicht hinein . « » Gut , Anne Marie , wenn einer kommt , bring ihn mir wieder , wie die letzten , aber bring ihn gleich ! « Anne Marie nickte , die freundlichen blauen Augen ruhten teilnehmend auf mir : » Fräulein Gretchen , Sie können sich doch denken : ich laufe gleich hinunter und bringe ihn , das versieht sich . Habe ich doch alle Gelegenheit dazu , wenn ich frage , wie es Kathrin geht . « Nach einem freundlichen Gruß ging ich weiter und betrat die alte , wohlbekannte Allee . Die grauen Mauern des Schlosses blickten durch die kahlen Zweige der Bäume . Bald stand ich auf der Terrasse vor dem hohen Portal , über dem das Wappen der Bendelebens , in Sandstein gehauen , prangt – zu beiden Seiten befindet sich eine Inschrift : » Fürchtet Gott – ehret den König ! « Hundertmal hatte ich es schon gelesen , und doch kam mir heute alles so fremd , so neu vor , die Halle erschien mir gegen die niedrigen Zimmer , in denen ich zuletzt gewohnt , so hoch , daß ich mich verwundert fragte : War denn das früher auch so ? Der alte Johann kam mir entgegen . Er schmunzelte , als er mich sah : » Ach , das ist doch grad ' , als ob die Sonne wieder scheint , wenn Ihr freundliches Gesichtchen mich einmal wieder anschaut . Sie haben schlimme Zeit gehabt , Fräulein Margret , wir alle haben Sie bedauert . Gott sei Dank , daß es wieder besser ist . Der Herr Baron und die gnädige Frau sind ausgefahren . « Ich wollte umkehren . » Aber die Gräfin Satewski ist zu Hause « , sagte er ; » Frau v. Bergen war noch nicht wieder hier . Das ist ja auch recht gut , sechs Wochen lang darf eine junge Frau nicht in das elterliche Haus , sonst bekommt sie Heimweh , das ist ein alter Glaube , den man respektieren muß . – Soll ich Sie anmelden ? « Ich dankte , schritt allein die Treppe hinan und ging in den westlichen Flügel , wo die Zimmer der Gräfin sich befanden . Ich klopfte an die Tür des Salons , aber niemand erschien . Gewiß liegt sie in ihrem Zimmer auf dem Sofa , dachte ich , und trat ein , durchschritt den Salon und guckte in das kleine , lauschige , üppige Boudoir . Weil ich auch dort die Gesuchte nicht fand , wollte ich eben umkehren , als ich einen Lichtschimmer aus dem Schlafzimmer bemerkte . Licht am Tage ? Wie sonderbar ! Die Tür war nur angelehnt , ich blickte durch die Spalte . Was sahen meine erstaunten Augen ? Da stand die junge Witwe vor dem Spiegel – aber wo waren Haube und Schleier ! Ein granatrotes Atlaskleid fiel in schweren Falten zur Erde , die lange Schleppe lag auf dem Boden , und drüber wie ein Hauch ein köstliches , schwarzes Spitzengewebe . Brust und Arme schimmerten schneeig aus dem purpurroten Stoff , um den schlanken Hals blitzten Brillanten , ein kleiner , schwarzer Spitzenschleier war mit denselben kostbaren Steinen im Haar befestigt , hinter dem Ohr eine Granatblüte . Das seine Gesicht mit dem reizenden Profil sah musternd in den Spiegel , die Arme mit dem blitzenden Geschmeide waren halb erhoben und in der einen Hand hielt sie einen kleinen Fächer von schwarzen Spitzen . Sie stand da , als wollte sie eben um Tanze dahinschweben . Wie bezaubert starrte ich das reizende Bild an – wie war sie schön , dieses junge Weib , in dieser halb spanischen Tracht . Und sie fand es selbst , denn ein Leuchten ihrer schwarzen Augen , ein triumphierendes Lächeln des kleinen Mundes , das ich im Spiegelbilde sah , verrieten es mir . Langsam wandte sie sich , mit dem Fuße stieß sie einen am Boden liegenden Gegenstand fort , daß er bis dicht vor den Türspalt flog – es war die kleine , schwarze Krepphaube mit dem Schleier . » Wie ist sie mir übersatt , diese alberne Komödie ! « hörte ich sie halblaut sagen , während sie im Zimmer hin und her schritt , das künstlich durch Läden und Vorhänge dunkel gemacht war , damit sie ihre Schönheit bei Kerzenlicht bewundern konnte . Die Atlasschleppe rauschte , die Brillanten blitzten ; ich konnte das schöne , Gesicht sehen , wenn sie an der Tür vorbeikam . » Oh , ich habe dieses Leben so satt « , fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort , » ich sterbe , wenn ich noch lange in diesem traurigen Aufenthalte zubringen soll . Oh , mein Wien , mein schönes , heiteres , lebenslustiges Wien ! Ich sehne mich nach deinem Licht