das Gräßliche erfuhren , zitternd hier sitzen und vergeblich nach einem klaren Gedanken ringen . « Fräulein Jasmine und Fräulein Albertine nickten trüb vor sich hin . » Können wir die Unselige von uns stoßen ? « fuhr Fräulein Salome fort , » können wir das , meine Schwestern ? Nein . Können wir sie noch bei uns dulden ? Nein . Was sollen wir also tun ? Sie ist eine Waise ; sie steht allein da , von ihrem ruchlosen Verführer der Schande ausgeliefert ; was sollen wir tun ? « » Und Sie , « wandte sich nun Fräulein Salome an Lenore , » Sie , die Sie durch Bande , deren Beschaffenheit sich unserm Urteil entzieht , mit jenem höchst begabten Scheusal verknüpft sind , Sie sollen uns einen Weg aus dem Labyrinth unseres Kummers zeigen . « » Wenn ich nur wüßte , wovon Sie reden , « antwortete Lenore , der eine Last vom Herzen fiel , als sie der Grundlosigkeit ihrer ersten Besorgnis inne wurde . » Sie meinen wahrscheinlich Daniel Nothafft mit dem Scheusal . Was hat er denn verbrochen ? « Fräulein Salome war entrüstet über diesen leichten Ton . Sie richtete sich steif empor und sagte mit strafender Wucht : » Er hat unsere Dienstmagd zu seiner Lustdirne erniedrigt , und die Folgen sind nicht mehr zu verbergen . Begreifen Sie jetzt ? « Lenore stieß ein leises Ach aus und errötete bis in die Haarwurzeln . In ihrer Verlegenheit öffnete sie den Mund zum Lachen , war aber dem Weinen nahe . Langsam bahnte sich ihr verdunkeltes Gefühl den Weg zu Daniel , und als sein Bild aufstieg , kehrte sie sich ekelnd ab . Dieses wollte sie nicht hingehen lassen ; es war zu schlaff , zu klein , zu eigensüchtig . Eh sie es recht bedacht , hatte sie ihm als Weib verziehen ; sie schauderte , schlug die Augen empor und war wieder ganz heiter , ganz in ihrer Gewalt . Das Femgericht hatte indessen die Stillversunkene mit strengen Blicken gemustert . » Wo hält sich Herr Nothafft gegenwärtig auf ? « fragte Fräulein Salome . » Ich weiß es nicht , « erwiderte Lenore , » es ist über drei Wochen , daß er nicht mehr geschrieben hat . « » Wir müssen aber fordern , daß Sie ihn schleunigst von dem Zustand des Frauenzimmers benachrichtigen , denn solange die Person im Haus ist , können wir nicht Schlaf noch Ruhe finden . « » Es tut mir leid , daß Sie sich die Geschichte so zu Herzen nehmen , « sagte Lenore , » und sie ist ja auch unangenehm . Aber ich habe kein Recht , mich da hineinzumischen , kein Recht und keine Lust . « Die drei Schwestern nahmen diese Erklärung mit verzweifeltem Händeringen auf . Eher den Tod , sagten sie , als mit dem Wüstling noch einmal in Verkehr treten ; eher wollten sie jede Marter erdulden , als ihn rufen , ihn sehen zu müssen . Sie sprachen durcheinander ; sie drohten Lenore und flehten sie an ; Jasmine erzählte mit angehaltenem Atem , wie Meta vor sie hingestürzt sei und alles gebeichtet habe ; Albertine beteuerte , daß sie auf der weiten Erde niemand hätten , der ihnen in dieser grausamen Lage raten und helfen könne , und Salome sagte , es bliebe ihnen nichts anderes übrig , als das elende Geschöpf auf die Straße zu stoßen . Lenore schwieg . Sie hatte die Augen auf das Medeenbild gerichtet und dachte angestrengt nach . Endlich hatte sie ihren Entschluß gefaßt . Sie fragte , ob sie mit Meta sprechen könne . Ängstlich und hoffnungsvoll erkundigte sich Fräulein Salome , was sie vorhabe . Sie entgegnete , sie werde den Damen später ihre Absicht mitteilen ; da wies ihr Fräulein Jasmine den Weg zur Kammer der Magd . Finstere Verwunderung malte sich in Metas Zügen , als sie Lenores ansichtig wurde . Sie saß mit einer Näharbeit am offenen Fenster der Mansarde , erhob sich und blickte stumm in das ernst befangene Antlitz des schönen Mädchens . Es rührte Lenore , die jugendliche Gestalt mit dem hohen Leib zu sehen , dennoch konnte sie eine Regung des Grauens nicht bewältigen . Bei den ersten Worten Lenores fing Meta zu schluchzen an . Lenore tröstete sie und fragte , zu wem sie gehen wolle , wenn ihre Zeit herangekommen sei . » Es gibt solche Anstalten , « murmelte die Magd in ihre vor das Gesicht gehaltene Schürze , » da kann man hin . « Lenore setzte sich auf den Bettrand neben sie . Der erst bedrückt Lauschenden , zuletzt dankbar Willigen entwickelte sie nun ihren Plan mit einer Zartheit und Schonung , als spräche sie zu einer verwöhnten Dame , mit einer silberhellen Lebendigkeit , als handle es sich um einen übermütigen Streich . Die Magd , gepeinigt durch die ätherisch-unmenschliche Zimperlichkeit ihrer Dienstgeberinnen , dem Manne grollend , der sie einem unsicheren Los preisgegeben hatte , ankämpfend gegen die Vorwürfe ihres Gewissens , wurde bei Lenores Worten weich wie Wachs und unterwarf sich gehorsam . Die gespannt harrenden Schwestern Rüdiger konnten von Lenore nichts weiter erfahren , als daß sie mit Meta abreisen würde , und daß diese mit allem einverstanden sei , was Lenore zu tun für geboten erachtet habe . 6 Lenores Plan bestand darin , die Schwangere zu Daniels Mutter nach Eschenbach zu bringen . Sie wußte von dem Zerwürfnis zwischen Daniel und seiner Mutter . Sie wußte , daß die beiden sich voreinander verborgen hielten , daß Daniels Trotz einen Liebesmangel wähnte rächen zu müssen . Hinter dem Bild des hassenden und unduldsamen Sohnes sah sie das einer alten Frau , die in verschwiegener Sorge sich einsam grämt . Schon oft hatte sie sich schmerzlichem Mitgefühl hingegeben , wenn die Gedanken mit der unbekannten Mutter des Freundes beschäftigt waren . Jetzt schien es ihr , als könne sie eine Sendbotin sein ; als