der Rasse denken , um mich gelehrt auszudrücken . « » Mir scheint , « entgegnete Konrad nicht ohne Heftigkeit , » der Adel wenigstens sollte vor dem Gelde nicht zu Kreuze kriechen . « » Du bist wirklich noch jünger als deine Jahre ! « spottete Alex . » Alle adligen Eigenschaften sind außer Kurs . Die Gesinnung des Industrieritters , im besten Fall die des Kaufmanns herrscht . Es gibt bloß eine Hoffnung : daß große Ereignisse , umwälzende meinetwegen , die aristokratischen Tugenden wieder notwendig machen . « In diesem Augenblick kam der Bankier im Gespräch mit einem Herrn vorbei , der in devoter Haltung neben dem Kleinen ging . Man hörte etwas von » orientalischen Wirren « - » Balkanbahn « - » Retzau , vom Auswärtigen Amt , der trägt ein Ereignis mit sich herum , « flüsterte Rothausen erklärend , » und überall hat der Alte seine Hände drin - . « Veit wandte den Kopf , dem Ulanen freundlich zunickend , um gleich darauf sein Gesicht wieder in würdevolle Falten zu legen und die Augen zu senken , wie es stets seine Gewohnheit war , wenn er von Geschäften sprach . Es war inzwischen gedrängt voll geworden . Bekannte Berliner Persönlichkeiten tauchten auf ; Künstler , Literaten , Gelehrte . Und man medisierte : Dieser habe von Veit ein Stipendium bekommen , jener eine Reiseunterstützung ; den Maler dort habe er durch das Porträt seiner Frau lanciert , den Bildhauer hier durch den Brunnen in seinem Schloßpark . Der Bankier schien sich zu vervielfältigen - überall grüßend , vorstellend . Trotz seiner Kleinheit blieb er stets sichtbar . Vielleicht weil alles den Rücken bog , oder trotz dem Gedränge ein leerer Luftraum um ihn blieb , wo er auftauchte ? Konrads Hochmut empörte sich : daß sich Geist und Adel so widerlich vor dem Gelde krümmte ! Hier war sein Platz nicht . Schon strebte er dem Ausgang zu . Da intonierte das Orchester einen Marsch . Renetta Veit ! - Wenigstens sehen wollte er sie noch ! Der kleine Bankier schien plötzlich aller Würde beraubt zu sein . » Achtung , Achtung , meine Herren ! « rief er , mit den kurzen Beinchen durch den Saal chassierend . Er schwitzte vor Aufregung . Die Wand , die den einen Saal von dem anderen trennte , schob sich auseinander . Auf blanken Rädern fuhr eine Schar junger Mädchen , als Messenger-Boys verkleidet , herein : » Platz für Berlin ! Platz für Berlin ! « schrien sie , in weitem Bogen die Neugierigen rückwärts drängend . Und hinter ihnen lief und stieß und überpurzelte sich ' s : Lauter Jugend ! Pfadfinder und Pfadfinderinnen in Soldatenschritt , bunte Wandervögel mit ihren Gitarren , Straßenkehrer und Milchmädchen . Dann in karikierten Masken bekannte Berliner Typen : Künstler und Theaterdirektoren , Dichter und Kritiker , Varietésterne und Tänzerinnen , mit einem Dutzend stirnrunzelnder Polizisten auf den Fersen . Eine kurze Pause entstand . Man wandte sich gelangweilt ab . » Stets derselbe Kitsch , « sagte einer ungeniert . » Nu fehlt nur noch Santa Berolina mit den süßen Kinderchen unter dem schützenden Mantel , « spottete ein anderer . Alles lachte . Die Musik ging in einen Walzer über . Auf hochhackigen Schuhen , die schlanken Körper von leichten , grünschillernden Schleiern umgeben , die Perlenketten wie fließende Wassertropfen zu halten schienen , bunte Lockenperücken über den Gesichtern , flutete , wie getragen vom Rhythmus , eine Schar lachender , kokettierender Frauen in den Saal , - » Spreenixen « , tönte es ihnen hundertfach entgegen . Aber schon im nächsten Augenblick war es , als wehe durch den Raum ein eisiger Lufthauch , der die Lippen schloß : An klirrenden Ketten zogen junge Männer im Frack und Damen in Balltoilette , verlumpte alte Weiber , humpelnde Bettler , aufgetakelte , grell bemalte Dirnen und barfüßige kleine Kinder ein graues , von schwarzen Fensterhöhlen durchbrochenes , hoch aufragendes Gemäuer herein , und ganz oben , so daß das goldene Haar die Kristallkugeln des Kronleuchters fast berührte , saß sie - die Herrscherin - Berolina ; den Körper in Spinnwebschleiern , durch die das blühende Fleisch an Hals und Beinen lockend durchschimmerte , weit vorgebeugt , wie ein ruhendes Raubtier , die nackten Ellbogen auf die Knie stützend , und das Kinn in die Hände vergraben , die , von großen Ringen geschmückt , mit langen , schimmernden Krallennägeln die schneebleichen Wangen umschmiegten . Unter vollen , blutroten Lippen blitzten starke Zähne hervor , die breiten Nüstern der Nase bewegten sich beutelüstern , die Perlmutteraugen schillerten in allen Farben des Regenbogens . Von den üppigen , tief entblößten Schultern wallte in königlichen Falten ein Mantel weißen Hermelins . So saß sie und starrte gierig , unbeweglich , ein Götzenbild . Es war totenstill im Saal . Auch die Musik hatte aufgehört . Man hörte nichts als den keuchenden Atem der Gefesselten . Konrads Augen brannten auf der Sphinxgestalt ; er kannte sie , lange schon - seit jenem ersten Abend , wo sie gespensterhaft neben ihm aufgetaucht war - in fließendem Wasserkleid , mit Perlen im Haar - eine Nixe - eine Seelenlose - Er würde sie haben - heute noch - als sein Spielzeug für ein paar leere Stunden , sie : Frau Berolina , vor der die anderen alle als Sklaven winselten . In Nischen von Lorbeerbäumen und Fächerpalmen , aus denen phantastische Lichtorchideen , hundertfach opalisierend , glühten , waren kleine Tische gedeckt . Um die Büffette , auf denen die Delikatessen sich häuften , drängten sich die Gäste . Jene wüsten Schlachten entstanden , die verhungerte Proletarier vor gestürmten Bäckerläden nicht anders hätten liefern können . Man sah ergraute Berühmtheiten um Hummern und Austern kämpfen , sah tantiemenreiche Dramatiker in Winkeln sitzen und gierig verschlingen , was sie in beladenen Tellern vor sich auf den Knien hielten , und Gruppen junger Literaten entdeckte man , die sich für Wochen im