diesen langen , einsamen Herbstabenden , die Olga allein verbrachte , irrten ihre Gedanken , wandermüde , als wollten sie rasten , zu den Bildern der Freunde , die vor ihre sehnsüchtig ausblickende Seele traten . Aber da war keines , dem sie hätte frohlockend zuwinken mögen : Tritt näher - du bist es - ich erkenne dich ! Hoffmann hatte wieder geschrieben und seine nahe Rückkehr angezeigt . Als er eines abends bei ihr eintrat und sie sein Gesicht wiedersah - bleich , länglich , bartlos , mit dem sanften und doch glühenden Blick der dunklen Augen , - schien er ihr , wie ein alter Bekannter . Er warf die Lodenpelerine und den Filzhut ab und berichtete , daß er sich erholt hatte , weil er sein Gehirn so richtig hatte ausschlafen lassen . Willig hatte er sich in das Räderwerk des Sanatoriums gefügt und hatte den Tag abschnurren lassen , wie das Uhrwerk es wollte . Ein immer gleicher Turnus von physischen Aktionen , bestimmt , die Muskeln zu üben , die Haut anzuregen , die Gewebe zu festigen und das Blut zu erneuen , - das waren diese Wochen für ihn gewesen ; und sie hatten ihr Werk gut getan . So war das Leben eine Weile überlistet worden , man hatte Ohren und Augen verschlossen , um nicht zu merken , wie es hinging . Aber in den kurzen Intervallen des wachen Wissens - war sie dagewesen , war plötzlich und immer wieder vor ihm gestanden . Und diese sehnsüchtige Spannung , in die ihn dieses Bild , das ihre Züge trug , versetzte , war immer stärker geworden . Dennoch ... er stockte , zögerte , bangte , - senkte den Blick , der sie heischend umfaßt hatte . Sie begriff - und wie Nebelschwaden , die immer dichter , trüber , schwerer , aus abendlichen Auen steigen , - so stieg Schwermut aus ihrer Seele und breitete sich aus . Wie waren die Worte seines ersten Briefes gewesen ? ... » Verwirrung im Felde der Voraussetzungen , - Verwirrung im Gebiete der Objekte « . - Und dann war das Einfältige und Eindeutige dennoch gekommen : die Wünsche , die Wünsche ... Scheu nahten sie sich , - wie er es verheißen - doch unabweislich in ihrem Fordern . Ja , diese scheuen , begierlichen Wünsche umrankten sie liebkosend , - und weckten sie stärker als Taten . Und auch sie hatte Wünsche : - einschläfern , was immer wach lag , sich durchdringen lassen mit jenem köstlichen Frieden der halben Betäubung , den ihr einmal , als sie schwer krank gelegen , das Morphium gebracht , - zum Schweigen bringen , alles - was nicht lügen konnte , - alle diese gesprächigen Zellen ihres so wahrhaftigen Leibes , - die da riefen : » Nein , nein ! « ... Diese Rufenden - überschütten - mit einer einzigen , schweren , roten Welle - daß sie verstummten ... Sie sprach mit ihm , ohne den Rhythmus der Stunde zu beschleunigen , und sie fühlte , wie sie mit jedem ihrer gedämpften Worte die Hecke der Wirrnis verdrängte , die sie beide schied . Und sie fühlte , daß sie ihn in Bande schlug ... Es war tiefe Nacht geworden . Das breite Fenster des Berliner Zimmers war geöffnet , denn der Tag war mild gewesen . Ein paar Straßen weiter war eine Hauptstraße ; gedämpft , durch die Gruppen der Häuser , drang ein leises Brausen durch die stille Nacht , - der Atem der nächtlichen Stadt . Sie traten zum Fenster . Vom blauschwarzen , mondbeleuchteten Himmel hoben sich die dunklen Massen der Dächer ab , und an einigen Stellen flimmerten die Schiefer , wie die vom Mondlicht übersilberte Fläche eines nächtlichen Sees . Man hörte einen verspäteten Singvogel unten im Garten einen kurzen Ton aus der Kehle stoßen , wie im Schlaf . Hoffmann sagte : » Welch ein seltsames Ding ist es doch , - eine Melodie oder eine Dichtung , eine Skulptur oder ein Gemälde zu finden ! Zu finden , jawohl « , wiederholte er . » Denn sie sind da , diese Harmonien ... Im Weltenraum warten sie unser . Im All wartet eine Harmonie , - wie die Figur im Block ; und es heißt : wegsprengen , was sie birgt ... Dazu bedarf es - bezauberter Hände , « - seine Stimme sank in ein weiches Geflüster , - » bezauberter Hände ! ... Wie schön ist diese Nacht , meine Liebe ! ... Ja , - wegbeschwören - - was eine Harmonie verbirgt , - das ist es - - was auch wir tun müssen ... « Sein Arm bebte , als er ihn zagend um ihre Schultern schlang . Er begann leise die Melodie der Baccarole aus » Hoffmanns Erzählungen « zu pfeifen ... die in die Nacht hinein schwoll und wiegend in Dunkel und Schweigen glitt ... Als er sie im Morgengrauen verließ , blieb sie in den Kissen wach . Ermattende Schwere lag über ihren Gliedern ... Und was sie in die entlegensten Winkel der Seele gedrängt , - es meldete und regte sich und kroch heran . Das Bewußtsein , das stark , wie das helle Licht des Tages , über ihren Weg geleuchtet und ihr unzweifelhaft gezeigt hatte , daß er es nicht war , den sie erwarten sollte , - sie hatte es fortgeschoben , verschüttet , mit ihren und seinen Wünschen ; - ja vor allem mit seinen Wünschen , die ihre reife Jungfräulichkeit begehrten ... Bedrängt von Scham , gestachelt von stolzem Trotz , der ein ihr bisher unbekanntes , fast verächtliches Gefühl resignierten Ergebens in ihr schuf , versank sie endlich , als der Tag anbrach , in unruhigen Halbschlaf . Sie hörte , im Traum , ein Gefährt rasseln und träumte , daß es auf einer breiten , einsamen , nächtlichen Straße dahinfuhr , und sie dachte , - im Traum - es