sein , und nachschauen , da ist die Gans fort . Das war nun ein Geschrei und Suchen , aber fort war fort , wie ein Wunder kam es uns vor . Mir fiel es wohl einen Augenblick auf , daß der Hans und die anderen Jungen für eine Weile nicht zu sehen waren , rein zu verschwunden , wie der Jude zu Michaelis . Nun aber ich dachte mir nichts dabei . Erst später , lange hernach , hat der Hans es mir gesagt , hat der verfluchte Schlingel die Gans aus dem Rohr gestohlen und zusammen mit den anderen Jungen oben auf dem Heuboden aufgefressen . Ich habe ihm versprechen müssen , es keinem zu sagen , und bis heute habe ich es keinem gesagt . Aber so was , die Gans aus dem Rohr zu stehlen und aufzufressen ! « Agnes ' Lachen klang herzlich und behaglich in das Pfeifen und Stöhnen des Windes hinein . - In der Nacht hatte sich der Sturm gelegt . Der Regen dauerte noch den ganzen Vormittag des nächsten Tages an , erst am Nachmittage hörte er auf . Doralice ging zum Strande hinab , eilig , als warte dort jemand auf sie , die Wellen hatten den Sand aufgepflügt , ihr Fuß sank tief in Algen und Seetang ein . Unter dem eisengrauen Himmel lag das Meer weiß von Schaum wie kochende Milch . Sehr aufgeregt waren die Möwen , sie schossen hin und her und stritten sich mit ihren schrillen , keifenden Stimmen . Das war wild und grausam , aber man konnte hier wenigstens atmen . Doralice hörte hinter sich eilige Schritte nackter Füße über den Seetang laufen . Die Steegin war es , die sie einholte und sich ihr anschloß . Sie sprach und klagte unausgesetzt : » Nein , die kommen nicht mehr heraus , die Mutter Wardein sagt das auch . Dort weit muß eine Stelle sein , von der sie nicht mehr zurückkommen . Dort unten müssen Spalten und Höhlen sein oder , was kann man wissen , was sie dort hält . Der Wardein Mathies kam auch nicht heraus . « Und während die beiden bleichen Frauen eilig am Strande hingingen , schauten sie mit weitoffenen Augen suchend und angstvoll auf das Meer hinaus . Mit einbrechender Dunkelheit mußte die Steegin heim zu ihren Kindern . Doralice entschloß sich nur schwer , ins Haus zu gehen , das Gewaltsame hier draußen erdrückte die Gedanken , dort drinnen wartete das Vermissen auf sie , die Enttäuschung jeden Augenblickes , wenn sie immer wieder aufhorchte und meinte , die bekannte Stimme , der bekannte Schritt müßten sich vernehmen lassen . Und immer wieder war es ihr , als griffe sie nach einer vertrauten warmen Hand und mußte es mit Entsetzen fühlen , daß diese Hand kalt und fremd geworden war . Agnes trug das Essen auf , stand dabei und sah zu , wie Doralice aß , und beiden rannen dabei die Tränen über die Wangen . Spät am Abend kam noch der Geheimrat , dessen Diener Klaus mit einer großen Stallaterne leuchtete . Knospelius saß Doralice gegenüber , er wußte nicht viel zu sagen . Von alten Ministern und türkischen Cafés durfte er hier nicht sprechen . Aber Doralice konnte dann klagen und weinen und das tat ihr wohl : » Auf morgen also , sagte er mir , als er fortging , alles wollte er mir dann sagen , alles , was er mir die ganze Zeit über verschwiegen hatte - und nun - « » Mein Gott « , sagte Knospelius und zog die Augenbrauen empor : » was wir auch sagen , wir nehmen unser Geheimnis ja doch mit . « » Welches Geheimnis ? « fragte Doralice und ihre Augen wurden groß und rund vor Erstaunen . Knospelius verzog ärgerlich sein Gesicht : » Nichts , nichts , das war nur so ein Ausspruch , und Sie wissen , wenn man nichts Rechtes zu sagen weiß , so tut man einen Ausspruch . Übrigens « , fuhr er zögernd fort : er war es nicht gewohnt zu trösten und auch nicht gewohnt so starkes Mitleid zu empfinden , » übrigens « , fuhr er fort , » von denen , die uns nahe stehen , wollen wir doch nichts Neues erfahren , sie sollen sich immer wieder so bestätigen , wie wir sie kennen . Wir wollen nichts bei ihnen entdecken , was wir nicht schon wissen . « » Ich wollte wissen , ob er mich noch so liebt wie früher « , sagte Doralice einfach . Darauf fand der Geheimrat keine Antwort . Er bog den Kopf zurück und schloß die Augen , das schöne , tränenüberströmte Gesicht ihm gegenüber ergriff ihn zu stark . Von der Küche her klang Klaus ' laute , predigende Stimme herüber , er las Agnes aus der Bibel vor . Am vierten Tage nach der Sturmnacht kam die Nachricht , bei dem Fischerdorf hinter dem Leuchtturm sei ein Boot an das Ufer gespült worden . Die Steegin zog ihr Sonntagskleid an und fuhr mit dem Strandwächter hin . Spät am Nachmittag kehrte sie zurück und berichtete , es sei ihr Boot gewesen , übel zugerichtet , sie habe es dort gleich an einen Fischer verkauft . Sie wischte sich mit dem Zeigefinger die Tränen aus den Augenwinkeln , war aber ruhig und sachlich . Da sie nun mal ihr gutes Kleid anhatte , wollte sie zum Schullehrer hinaufgehen , um die Glocke für ihren Mann läuten zu lassen und weil morgen Sonntag war , konnte der Schullehrer in der Kirche die Totenpredigt lesen , denn der Pastor war für eine Woche in die Stadt verreist . Agnes sagte , sie würde sie begleiten . Der Sonntagmorgen war sonnig und der sandige Weg , der zur Kirche führte , belebt von Kirchengängern . Als Doralice und Agnes die kleine Kirche betraten , fanden sie alle Bänke dicht besetzt . An den teilnahmsvollen Blicken