wir verlangen , daß die Zeit in ebenso kurzen Schritten gehe als ein Mensch , ebenso schnell mit ihrem Leben zu Ende sei als wir . Der ist der große Historiker , der nicht nach dem Schlage des eigenen Herzens urteilt , denn wie zeitig schlägt ein menschliches Herz matt , sondern nach dem Herzschlage der geschichtlichen Epoche . Das Jahrhundert kommt wie ein Wandersmann mit zerrissenen , abgetragenen , schmutzigen Kleidern an dem Orte an , wo es sich neu kleiden , reinigen , säubern , umgestalten soll - ein Kleidungsstück nach dem andern wird abgeworfen , der unkundige Mensch geht vorüber , er hat es lebhaft gewünscht , daß jener Wanderer sich neu gestalten soll ; aber er sieht die halb entkleidete schmutzige Figur , er entsetzt sich davor , nennt seinen Wunsch Frevel , verhüllt sein Gesicht und läuft heulend von dannen . Du hast plötzlich vergessen , daß wir inmitten einer kritischen , zerstörenden , umwandelnden Epoche sind , in drei Tagen hast Du die Metamorphose vollendet sehen wollen - da dieser Glaube Dich getäuscht , wie er Dich täuschen mußte , denn nicht in einer Nacht blüht die ganze Erde auf , läufst Du heulend und Dein Gesicht verhüllend von dannen . Dir spukt die Tages-und Wochengeschichte im Kopf , und die Weltgeschichte Deines Herzens hast Du vergessen , die in Jahren , Jahrzehnten und Jahrhunderten schreitet , weil Dein Herz plötzlich zusammengeschrumpft ist . Da das Handgemenge um die Freiheit begonnen hat , alle Triebe , Begriffe , Wissenschaften , Künste in dieses Handgemenge verwickelt sind , schreist Du mit schwacher Stimme » Ordnung - Ordnung « , und weil es nichts hilft , wirfst Du Dich weinend an den Boden . Kämpfe - der Kampf ist zur Kriegszeit der nächste Weg zur Ordnung . Ermannst Du Dich nicht , erreichst Du nicht die Höhe des historischen Überblicks , wo die kleinen Störungen verschwinden , Freund , so bist Du in kurzem von der neuen Zeit geschieden , so bist Du bald eine Mumie . - Ade , Konstantin - Dein Valer . Schreiber dieses , der Prinz Zerbino aus der Provence , schickt Dir ein ganzes Füllhorn Grüße und Entschuldigungen , daß er seine Hand hat leihen müssen zu so herben Dingen . 29. Hippolyt an Konstantin . Jag Deine Augen Karriere durch diese Zeilen . Sobald Du am Ende bist , eil an die Tore nach Deutschland zu , gib Aufträge , beschreibe , unterrichte , versprich Belohnungen - tu alles , um der Gräfin Julia , wenigstens ihrer Wohnung , wenigstens der Nachricht habhaft zu werden , ob sie in Paris ist oder nicht . Dieser Brief kommt auf dem kürzesten Wege zu Dir , er reist gewiß schneller als eine Dame . Vor einer Stunde ist Julia abgereist ; ich trat nach jenem törichten Geschwätz Leopolds , wobei wir vielfach stehen geblieben waren , gelacht , kurz die Zeit vertrödelt hatten , in den Schloßhof , und hoffte Julien verschämt aber liebevoll im Gesellschaftssaale zu finden - da fliegt Juliens Reisewagen über die jenseitige Brücke , die vier Pferde wiehern wie hohnlachend und ziehen die Beute im gestreckten Trabe von dannen - alle Muskeln schwellen mir , ich starre wie ein zürnendes Steinbild hin , tausend Leidenschaften drohen mich zu zersprengen - da wendet sich ein Kopf aus dem Wagen ; ich erkenne Julien , sie winkt Abschied mit dem Taschentuche . Da wird der Stein lebendig , ich fliege in den Stall , zum Satteln ist keine Zeit , werfe meinem Pferde den Zaum über , springe auf und jage ventre à terre der davoneilenden Beute nach - am nächsten Dorfe erreiche ich glücklich den Wagen , ich ruf ' den Kutschern Halt zu , sie erhalten aus dem Wagen Gegenbefehl , Julia , die mich erblickt hat , erteilt den Gegenbefehl , mein Pferd droht unter mir zusammenzustürzen . Ich wollte in den Wagen springen , mit gerungenen Händen bat sie mich abzulassen , zurückzukehren . Ihr Gesicht schwamm in Tränen , sie schien immerwährend geweint zu haben - Hippolyte , toute mon âme Vous prie de me laisser partir , Vous m ' assassinez en m ' empêchant - das geschah alles noch im Trabe , ich schrie dem ersten Kutscher zu , ich erwürgte ihn , wenn er nicht Schritt führe - er tat ' s. » Julie , mon ange , pourquoi ça ? « Sie reichte mir die Hand aus dem Wagen , sie war glühend heiß und bebte . Ich drückte sie an meine Lippen . » Vous me tuez , si vous ne retournez pas ! « - Ach , das sagte sie mit einem Blick , der mit seiner Rührung den Himmel gespalten hätte . Ich hielt mein Pferd still und blieb zurück . Da warfen die Kutscher ihre Pferde in Galopp - meine Wut erwachte , ich wollte die Schufte ermorden und jagte nach . Julia erhob sich händeringend im Wagen , neben ihr stürzte mein Pferd zusammen , ich hörte Juliens Schrei und Haltrufen , aber mein Stolz hob mich unter dem Leibe meines Pferdes in die Höhe ; ich winkte ihr , fortzufahren - sie fuhr . Ich weiß nicht , wie ich zurückgekommen bin . Tu , wie ich Dich gebeten , bald siehst Du mich selbst . 30. Julia an ihre Mutter . Du hattest recht , Mutter , als Du mir rietst , meinen Aufenthalt in Grünschloß abzukürzen , Hippolyt würde mein Unglück sein . Er ist der schönste , gewaltigste Mann , den ich gesehen , wäre ich länger geblieben , so hätte er mich überwältigt , ob ich ihn deshalb je geliebt hätte , weiß ich nicht . Gestern bin ich abgereist , weil es die höchste Zeit war , ich gehe zum Vater nach Paris und schreibe Dir dies Billett aus dem ersten Nachtlager . Morgen mehr , liebe Mutter , ich bin todmüde . Fast eine Stunde lang bin ich im