nun mit Bezug auf unser gestriges Gespräch zu folgendem Entschluß gelangt , « sagte der Baron ; » du bleibst das Frühjahr und den Sommer über noch in meinem Haus . Wenn du fleißig bist , kann deine Ausbildung in den Elementarfächern bis zum September beendet sein , dessen versichert mich auch Herr Schmidt . Damit nun der Tag ein ununterbrochenes Ganzes für dich wird , sollst du des Mittags nicht mehr mit mir essen , sondern alle Mahlzeiten auf deinem Zimmer einnehmen . Ich werde bald mit einem anständigen Buchbindermeister sprechen ; wir wissen dann , woran wir sind . Bist dus zufrieden , Caspar ? Oder hast du andre Wünsche ? Nur frisch heraus mit der Sprache , du kannst noch immer wählen . « Ein flüchtiger Schauer lief Caspar über den Rücken . Er schüttelte sich ein wenig , setzte sich nieder und schwieg . Herr von Tucher wollte ihn nicht weiter bedrängen , er wollte ihm Zeit lassen . Eine Weile ging er hin und her , dann nahm er vor dem Flügel Platz und spielte einen langsamen Sonatensatz . Es geschah dies nicht aus zufälliger Laune ; am Dienstag und Freitag von sechs bis sieben Uhr abends spielte Herr von Tucher Klavier , und da der Kuckuck der Schwarzwälderuhr soeben sechs gekrächzt hatte , wäre eine Versäumnis sehr gegen die Regel gewesen . Es war eine ziemlich schwermütige Melodie . Für Caspar war dergleichen eine Qual ; so gern er Märsche , Walzer und lustige Lieder hörte , - die Anna Daumer , die kann spielen , sagte er immer - , so unbehaglich war ihm bei solchen Tönen . Als Herr von Tucher den Schlußakkord des Stückes angeschlagen hatte , sich auf dem Drehsessel umkehrte und Caspar fragend anschaute , dachte er , er solle sich äußern , wie es ihm gefalle , und er sagte : » Das ist nichts . Traurig kann ich von alleine sein , dazu brauch ich keine Musik . « Herr von Tucher zog erstaunt die Brauen in die Höhe . » Was maßest du dir an ? « entgegnete er ruhig . » Ich habe kein musikalisches Urteil von dir verlangt , und ich habe nicht den Ehrgeiz , deinen Geschmack in dieser Hinsicht zu veredeln . Im übrigen geh auf dein Zimmer . « Caspar war es ganz lieb , daß er nicht mehr mit dem Baron zu essen brauchte . Das steife Beieinandersitzen erschien ihm jedesmal unsinnig und lästig . Vieles entzückte ihn an diesem Manne , besonders seine Ruhe und sein sachtes Sprechen , das überaus Reinliche seines Körpers , die porzellanweißen Zähne und vor allem die rosigen gewölbten Nägel der langen Hände . Er kannte viele Leute mit blassen Nägeln und mißtraute ihnen ; blasse Nägel weckten ihm die Vorstellung des Neides und der Grausamkeit . Doch immer hatte Caspar das Gefühl , als ob Herr von Tucher auf irgendwelche Art schlechte Nachrichten über ihn erhielte und sich davon betören lasse ; es war ihm manchmal , als müsse er ihm zurufen : es ist ja alles nicht wahr ! Aber was ? Was sollte nicht wahr sein ? Das wußte Caspar nicht zu sagen . In seiner Einsamkeit war ihm zumute , als seien die Menschen seiner überdrüssig und gingen damit um , sich seiner zu entledigen . Er war voller Ahnungen , voller Unruhe . In Nächten , wo der Mond am Himmel stand , verlöschte er die Lampe früher als sonst , setzte sich ans Fenster und verfolgte unverwandt die Bahn des Gestirns . An Vollmondtagen ward er häufig unwohl , es fror ihn am ganzen Leibe , erst der Anblick des Mondes selbst nahm den Druck von seiner Brust . Er wußte , von welchem Dach oder zwischen welchen Giebeln die helle Scheibe emporsteigen müsse , hob sie wie mit Händen aus der Tiefe des Himmels heraus , und wenn Wolken da waren , zitterte er davor , daß sie den Mond berühren könnten , weil er glaubte , das strahlende Licht müsse befleckt werden . Sein Ohr schien in dieser Zeit manchmal den Lauten einer Geisterwelt zu lauschen . Eines Morgens erhob er sich während des Unterrichts plötzlich , ging zum Fenster und beugte sich weit hinaus . Herr Schmidt , der Studiosus , ließ ihn gewähren , als es aber zu lange dauerte , rief er ihn zurück . Caspar richtete sich auf und schloß das Fenster , sein Gesicht war so bleich , daß der Studiosus besorgt fragte , was ihm sei . » Mir war , wie wenn jemand käme « , versetzte Caspar . » Wie wenn jemand käme ? Wer denn ? « » Ja , wie wenn mich jemand unten gerufen hätte . « Der Studiosus fand dies wunderlich . Er dachte eine Weile nach und hätte gern eine Frage gestellt . Es war da neuerdings in der Stadt viel von einer seltsamen Geschichte die Rede , die Caspar betraf oder auf ihn gedeutet wurde und die in allen Journalen , auch draußen im Reich , des langen und breiten durchgehechelt wurde . Aber weil Herr von Tucher dem Studiosus aufs strengste verboten hatte , mit Caspar jemals über solche Dinge zu sprechen , nahm er sich zusammen und schwieg . Nun hatte Caspar seit Monaten die Gewohnheit , alle Zeitungsblätter , die ihm in die Hand kamen und die er sich zum Teil heimlich zu verschaffen wußte , denn Herr von Tucher fürchtete von dieser Seite her Beeinflussung mit gutem Grund , aufs genaueste durchzulesen . Hin und wieder geschah es , daß er irgendeine Nachricht , eine Mitteilung über sich selbst entdeckte , und obgleich er noch nie etwas Wesentliches gefunden hatte , bekam er jedesmal Herzklopfen , sobald er nur seinen Namen gedruckt sah . Kurze Zeit nach jenem kleinen Zwiegespräch mit dem Lehrer spielte ihm der Zufall eine schon mehrere Tage alte Nummer der » Morgenpost « in die Hände , und beim Lesen fand er folgende eigentümliche