waren wir abgefahren ; Donnerstag kamen wir an . In der letzten Nacht ging ich nicht schlafen , sondern blieb an Deck und schrieb . Der Kapitän hatte meinetwegen den Befehl gegeben , das Licht nicht auszudrehen . Er war ein großer Vogelfreund und hatte neben seiner Kajüte eine Anzahl heimischer Vögel in hübschen Käfigen untergebracht . So oft es seine Pflicht erlaubte , ließ er sich einen Tisch zu diesen Käfigen stellen , um unter seinen Lieblingen zu sitzen und sich mit ihnen zu beschäftigen . Auch ich liebe die geflügelte Welt . Er bemerkte das sehr schnell , und so kam es , daß er bald nicht mehr allein am Tische saß . Daher auch die Gefälligkeit , mich während der letzten Nacht mit Licht zum Schreiben zu versehen . Es war eine wunderschöne , südliche Meeresnacht . Man muß so Etwas erlebt haben . Beschreiben kann man es nicht . Und wenn man es könnte , so hätte es doch keinen Zweck , weil eine Beschreibung nie so wirken kann , wie das , was man beschreibt . Der südliche Himmel hat weniger sichtbare Sterne als der nördliche , aber sie scheinen größer und darum der Erde und mit ihr dem Menschen näher zu sein ; die See erstrahlt in hellerem astralischen Glanze , und die Rätsel der Nacht , die man daheim nicht lösen konnte , treten hier viel deutlicher mit der Bitte an den Menschen heran , gelöst zu werden . Aber all sein stolzes Wissen und all sein scharfes Denken ist diesen Geheimnissen gegenüber ein Nichts ; er kann nur ahnen und hoffen , und wenn der Engel des Glaubens zu ihm tritt und ihm zuflüstert , daß dieses Ahnen zur Wahrheit und dieses Hoffen sich erfüllen werde , so soll diese Stimme ihm ebenso heilig sein , als ob Gott selbst zu ihm gesprochen hätte . Es war schon nach Mitternacht , als ich ein Räuspern hinter mir hörte . Ich schaute mich um und sah Fang , welcher leise die nach den Kabinen führende Treppe heraufgekommen war . Er verbeugte sich und wartete dann , ob ich ihn anreden werde . Ich grüßte ihn in englischer Sprache . Er verbeugte sich noch einmal und antwortete : » Daß Sie diese Sprache wählen , ist für mich ein Fingerzeig . Stört es Sie , wenn ich hier oben bin und mir Bewegung mache ? « » Nein . « Er verneigte sich zum dritten Male und wendete sich ab , um leise auf dem Decke hin und her zu spazieren . Das tat er wohl eine Stunde lang , dann schien er wieder hinuntergehen zu wollen . Er mußte an mir vorüber und tat das mit so zögerndem Schritte , als ob er mir gern Etwas sagen möchte . Ich legte also die Feder weg und sah ihn fragend an . Da erkundigte er sich : » Sie arbeiten , und ich störe . Nicht wahr ? « Ich stand also auf und antwortete : » Ja , ich arbeite allerdings , aber eine Unterbrechung durch Sie würde mir eine Erholung anstatt eine Störung sein . « » Das ist höflich gesagt , aber dennoch wahr ; ich höre es Ihnen an . Wir erreichen früh den Hafen , und mein Herz gebietet mir , Ihnen vor der Trennung zu sagen , daß Sie mich abgehalten haben , in den Büchern , die ich daheim schreiben werde , ein doch vielleicht falsches Urteil über die Völker des Abendlandes und ihre internationalen Umgangsformen zu fällen . Was ich bisher erlebte , beobachtete und erfuhr , war keineswegs geeignet , mich für sie sympathisieren zu lassen ; Ihr Auftreten in Point de Galle aber hat mir gezeigt , daß es bei dem hier bei uns überfließenden , europäischen Schaume auch klare , reine Tropfen gibt , die auf Besseres schließen lassen , als ich dachte . « Diese Einleitung ließ ein längeres Gespräch vermuten . Darum führte ich ihn nach einer Bank , welche an der Deckbrüstung stand , nicht im grellen elektrischen Lichte , sondern im milden Scheine der Sterne . Indem wir uns da beide ohne alles Zeremoriell niedersetzten , erwiderte ich : » Die Geschichte Ihres Landes ist allerdings nicht imstande , Ihnen Liebe für uns zu predigen . Aber Sie dürfen überzeugt sein , daß nicht alle Abendländer Runners , Loafers und Rowdies sind , welche den Osten nur zu dem einzigen Zwecke aufsuchen , ihn für sich auszubeuten . Hier im Morgenlande wurde einst unsere christliche Liebe geboren . Es kommt gar manch ein Abendländer nach dem Osten , um ihren Stapfen nachzuforschen . Und wer das tut , der achtet vor allen Dingen jedes Menschenrecht und ist ehrlich und gewissenhaft selbst gegen seinen allerfernsten Bruder . Ich glaube , nicht zu lügen , wenn ich sage , daß ich zu diesen Letzteren gehöre . Ich liebe Ihre Nation . Ich liebe sie nicht weniger als jede andere Rasse . Auch mein Beruf ist , Bücher zu schreiben , ganz so , wie der Ihrige . Und ich versichere Ihnen , daß ich niemals imstande sein werde , ohne vorherige , genaue Prüfung mein eigenes Volk auf Kosten anderer Völker herauszustreichen ! « » Sie lieben meine Nation ! « wiederholte er meine Worte . » Ist es denn wirklich wahr , daß Jemand , der kein Chinese ist , dies gesprochen hat ? Jede , jede , aber auch jede Nation erfreut sich irgend einer Sympathie , nur die chinesische nicht ! Womit haben wir das verdient ? Was haben wir den andern Völkern zu leid getan ? Die Kaukasier schlachten heut einander ab und küssen sich morgen freundlich die gestern noch zürnenden Lippen . Haben jemals wir ihr Blut vergossen ? Haben wir sie jemals beleidigt , befeindet , übervorteilt und betrogen , wie sie es untereinander tun ? Nie ! Befehden wir ihren Glauben ? Verlachen wir ihre Voreltern ? Spotten wir über ihre Geschichte ? Nein