große Liebe wie ein Stück ihres Lebens , über das doch nicht so leicht hinwegzugehen war . Bei ihm überkam sie immer ein Gefühl von Schutz und Heimat , er war der , an den sie sich anschmiegen konnte , der alle weichen und sehnsüchtigen Saiten in ihr zum Klingen brachte . Und im Grunde fürchtete sie sich auch etwas vor ihm , vor seinem Zorn , seiner geraden , sicheren Klarheit , die solche Wege nie verstehen würde . Für die Festtage fuhren sie zu Verwandten von Reinhard , dann waren sie noch zwei Tage zusammen in München . Ellen wohnte mit ihm im Hotel , sie hatte selbst den Anstoß dazu gegeben , denn sie empfand es wie eine Art Ausgleich , wenn sie jetzt auch ihm angehörte . Und diese Stunde , vor der sie gezittert hatte , kam und ging vorüber - ihm kam keinen Augenblick der Gedanke , daß Ellen ihn hintergehen könnte . Als er abgereist war , ging Ellen durch die Winterfrühe vom Bahnhof ihrer Wohnung zu . Neujahrsmorgen - sie dachte an ferne Zeiten , wo sie diesen Tag mit guten Vorsätzen und frommen Gelübden begann - das war immer etwas Frohes , Klares , Anfangsfrisches gewesen , und jetzt alles so verworren in ihr . - Wie fingen es wohl andre an , um glatt durchs Leben zu kommen , und warum wurde es einem immer so schwer gemacht durch all dies Binden und Verpflichten . In ihrem eignen Gefühl war nichts , was dem widersprach , mit beiden das Leben zu teilen , weil jeder ihr etwas war , was der andre nicht sein konnte . Henryk war auch über Weihnachten fortgefahren und noch nicht zurück . So lebte Ellen die nächste Zeit fast ausschließlich in ihrer Arbeit , die war und blieb doch das Erste und Größte und das , worin sie Ruhe fand vor allem , was in ihr stritt und wogte . Und darin wollte sie Reinhard keinen Schritt weichen . - Wenn er ihr auch noch so viel Freiheit zugestand , ehe sie wirklich imstande war , allein weiterzukommen , würde sie nicht von München fortgehen . Ellen hatte ihm deshalb auch ängstlich verschwiegen , wie es mit ihren Mitteln stand . Schon seit dem Herbst aß sie nur noch ein oder zweimal in der Woche in einer kleinen Garküche zu Mittag , die andern Tage konnte man sich mit einem Stück Brot behelfen . Sie legte sich dann , wenn alle fort waren , auf dem Modellpodium schlafen , da merkte man es kaum , ob man etwas im Magen hatte oder nicht . Zufällig kam Zarek einmal herunter und fragte , warum sie nicht zu Mittag fortginge . Von da an teilten die beiden sich in eine Portion um vierzig Pfennige , die vom Wirtshaus herübergeholt wurde . Von Woche zu Woche mußte sie auf neue Ersparnisse sinnen , nahm sich ein ganz kleines Zimmer , wo kaum das Bett Platz hatte , der kostspielige Morgenkaffee wurde abgeschafft , denn beim Onkel gab es ja schließlich immer Tee und Brot , wenn sie in der Pause hinaufkam . Ellen war überzeugt , daß sie sich ganz gut auf diese Art noch ein paar Jahre durchschlagen könnte ; es waren ja manche unter ihren Bekannten , denen es ebenso ging , und keiner klagte darüber ; sie lachten nur , wenn sie am Monatsende ihre leeren Taschen umkehrten und abends im Café zusammenkamen , um bei einem Glas Bier stundenlang wenigstens Licht und Wärme zu haben . Wieder und wieder sprach Reinhard in seinen Briefen davon , daß er die Heirat jetzt endgültig auf Anfang des Sommers festsetzen möchte , und jedesmal schrieb Ellen zurück , sie könnte vorläufig noch nicht daran denken , sie brauchte noch Zeit , um nur sich selbst zu leben . Wollte er das nicht , so müsse er sie freigeben und ihren Weg gehen lassen . Er warf ihr den grenzenlosen Egoismus vor , mit dem sie ihrer beider Glück gefährdete , und hielt dennoch fest , in der sicheren Überzeugung , daß sich alles ganz wie von selbst ändern würde , wenn Ellen erst bei ihm war . Aber in ihr hatte sich seit dem weihnachtlichen Beisammensein vieles gewandelt - das unbedachte Hineinleben in all die brausende Lebensfreude , die der erste Rausch und das erste Aufatmen in voller Freiheit mit sich gebracht hatte , war zur unerbittlichen Leidenschaft geworden . Seit sie nach wochenlanger Trennung zum erstenmal wieder in Henryks Armen lag , wußte sie , daß sie ihn liebte und daß es kein Entrinnen mehr gab . Sie wußte jetzt auch , daß die Liebe kein Sommerglück sein konnte , kein jubelndes Aufgehen in dem andern , - nichts von alledem , was sie früher darin finden wollte , - nein , die Liebe war eine blinde , wütende Sturmflut , die alle Dämme niederbrach , und da gab es kein Fragen mehr , kein Überlegen , was mit fortgerissen und was gerettet werden konnte . Es kam ihr nicht in den Sinn , Henryk für sich besitzen zu wollen , sein Leben mit ihm zu teilen ; er war kein Mann , mit dem man an » Glück « hätte denken können . Das sah sie alles und wußte es wohl , aber ihre Liebe dachte nicht an Fragen und Verlangen . - Dabei lernte sie immer tiefer in ihn hineinsehen , fühlte all das zerrissene Schwanken , das auch in ihm war . Er konnte andern geben , was er selbst nicht hatte , wonach er in ewiger Unruhe rang und jagte . Oft fuhr er mitten in der Nacht auf : » Jetzt muß ich arbeiten ! « Dann stand sie ihm Modell , stundenlang - , er arbeitete wie ein Wahnsinniger und sprach von seinen Werken , die er schaffen wollte - mit immer glühenderer Phantasie . - Es war etwas Sinnloses , Ausschweifendes in seiner Art zu malen . Wenn er