Vor wenigen Wochen wurden Wachen von 30 Mann für jede Gesandtschaft als überreichlich erachtet - heute sollen 60000 Mann nötig sein , um von Tientsin nach Peking zu marschieren . Die sich mehrenden Nachrichten chinesischer Vizekönige , dass die Fremden noch am Leben seien , werden alle als Täuschungsversuche hingestellt , hinter denen sich schauerliche Pläne verbergen . Ach , das Schauerliche wird sein , wenn man durch dies lange Reden und Zaudern wirklich zu spät kommen sollte ! 59 Bay View , 6. August 1900 . Endlich scheint doch das Zaudern vorbei ! Die Truppen sind von Tientsin aufgebrochen ! Stündlich verfolge ich nun mit den Gedanken ihren Zug , sehe in der Erinnerung beständig das Land zwischen Tientsin und Peking , wie ich es gerade jetzt vor vier Jahren zuerst erblickte , sehe die wehenden grünen Hirsefelder wieder und den braunen Peiho , auf dem die schwerfälligen Boote , mit grossen Segeln besetzt , träge stromaufwärts glitten , den endlosen Windungen des Flusses folgend . Damals gab es noch keine Eisenbahn - heute existiert sie nicht mehr ! In Hausbooten reisten wir den Peiho hinauf . Vier Tage dauerte die heisse Fahrt . Und all die Namen , die heute die Zeitungen füllen , Ho-hsi-wu , Pei-tsang , Yang-tsun , vernahmen wir damals zum erstenmal , sahen diese grauen Hüttenflecken , die jetzt geschichtliche Orte geworden , an denen Schlachten geschlagen werden . 60 Bay View , 10. August 1900 . Manchmal ist mir , als hörte ich ganz deutlich Ihre Stimme . - Dann geht ein Zittern durch mich , der Atem stockt , die Herzschläge fliegen , und ich schliesse die Augen und lausche in namenlosem Glück . Bald , bald muss es ja sein . Zuerst werde ich gar nicht auf die Worte achten können und nur immer den lieben Klang trinken . Wie lang ist es doch schon her ! Wissen Sie es noch ? Haben Sie sich auch so unsagbar , so unaussprechlich gesehnt ? So wie ich gesehnt ? Aber in wenigen Tagen muss ja die furchtbare Angst und Trennungszeit vorüber sein . Bald , bald müssen die Befreier vor Peking stehen . Nicht wahr , liebster Freund , dann kommen Sie auch gleich , gleich ! auf dem schnellsten Schiff , auf dem kürzesten Weg - ich kann es ja nicht länger ertragen . Was liegt Ihnen noch an alten chinesischen Handschriften ? Mögen die doch alle untergehen ! Ich gebe Ihnen dafür mein ganzes Herz , darin zu lesen , und was in ihm steht , ist auch schon alt , ist nicht schwer zu enträtseln und dünkt mich eine so jugendschöne Entdeckung . Was kümmert Sie noch China ? Mag doch der Norden mit Wutki und der Süden mit Ale verzehrt werden , mögen sich die jüngeren Hungernden auch noch jeder seinen kleinen Imbiss zusammenstehlen , aus den Krümeln , die von den Mahlzeiten der älteren , erfahrenen Weltenräuber abfallen - oder mag es zu gar keinem Muspili kommen , sondern alles hübsch im Sande verlaufen , wie man es hier möchte , wo der Wunsch to be well out of it schon laut wird - mag man in ein paar Monaten schon wieder von den unerschütterlichen alten Freundschaftstraditionen reden und der alten Kaiserin die Hand schütteln - was kümmert es uns ? Kommen Sie nur bald , bald von dort zu mir . Dann mag es meinethalben China für die Chinesen heissen - wenn nur China mir Sie zurückgibt , wenn nur wir beide für einander sein können ! 61 Bay View , 12. August 1900 . Alte Briefe der Belagerten treffen jetzt allmählich in Tientsin ein und werden in den Zeitungstelegrammen veröffentlicht . Sie sind von Boten gebracht worden , chinesischen Christen , denen es gelang , durch die Schleusen , oder selbst als Boxer verkleidet , im Gedränge heimlich aus Peking zu entweichen . Wahre Notschreie sind es , bei denen das Herz sich zusammenkrampft ! Und immer dieselbe Bitte » rasche Hilfe , sonst kann sie nichts mehr nützen . « In manchen der kleinen Zettel ist angegeben , für wie viel Tage der Proviant noch reichen könne , und man rechnet rasch nach - und oft ist die Frist schon überschritten . Eine Zahl enthalten die Briefe auch immer - die der Toten . Und wie sie mit jedem neueren Briefe wächst , diese Zahl derjenigen , für die alle Hilfe zu spät kommen wird ! Und die Angst - wer ist schon mitgezählt worden ? Wen wird das Los noch treffen ? Frühestens am 14. sagt man hier , können die Entsatztruppen in Peking sein . Die ganze Welt ist erstaunt über ihr rasches Vordringen - und meiner Ungeduld dünkt es noch immer so langsam ! Flügel möchte ich ihnen geben ! Eine so namenlose Angst erfüllt mich gerade vor diesen letzten Tagen und Stunden . 62 Bay View , 13. August 1900 . Heute Nacht , liebster Freund , wachte ich auf und bildete mir ein , wieder in Peking zu sein . Ich muss im Schlaf ein Geräusch gehört haben , das sich in meinen Träumen zu dem Aufeinanderschlagen zweier Bambusstäbchen verwandelte , womit die chinesischen Nachtwächter ihre nächtlichen Runden begleiten . Wie oft habe ich diesem leisen , dann lauter werdenden , dann wieder verhallenden tak , tak , tak , gelauscht . In heissen Mitsommernächten , wenn die Moskitos gegen die Netze schwirrten und die ganze Erde die Hitze auszuströmen schien , die sie tags über eingesogen hatte , da hörte ich , wie eine dumpfe monotone Begleitung all meiner nächtlich wirren Gedanken diesen gleichmässigen Klang . Und in kalten Winternächten in Peking , wenn der Schnee die grosse , graue Stadt , die hohen Mauern und die weite Ebene draussen bedeckte , und die ganze lebende Welt in tiefer Stille untergegangen schien - da tönte es in der grossen Ruhe wie letztes , alles überdauerndes Leitmotiv : tak , tak , tak - Freud , Leid , Tod