forderten gerade diese Hilflosen , zu langem Siechtum Verurteilten so sehr die Teilnahme heraus . Neben ihrem Schmerzenslager sitzen , ihre eiskalte , feuchte oder fieberglühende Hand streicheln , einen sanften Dankesblick in ihre tiefliegenden Augen rufen - es war Josefine unmöglich , auf diese Freude zu verzichten , obgleich die leichte Bettkleidung der Kranken vom Schweiß der Schwäche durchtränkt war , und obgleich ihr beklemmter Atem aus einem Grabe zu kommen schien . Widriger war ihr das Gezänk zweier blutjunger Mädchen gewesen , die sich gegenseitig mit kläglichen und doch von Bosheit geschliffenen Stimmen wegen ihrer Verstümmelungen verhöhnten . Beide waren Lupuskranke . » Sie hat nur ein Aug , und sie glaubt noch , daß sie sich putzen muß ! Für den Doktor bist schön g ' nug . Meinst , er schaut so eine an ? Mit dem Kotelett im G ' sicht ? haha ! « » Aber du ! « schrie die andere fast weinend , » du mit dem künschtlichen Knödel da ! ischt däs e Näs ? Halte - là , wöllscht en Schpiegel eppe ? I ben noch dusigmal schöner für di ! « Die erste , die mit einem roten Bande getändelt hatte , das sie sich um den glatten , weißen Mädchenhals schlang , befühlte oberflächlich den seltsamen Nasenklumpen , den ihr der Arzt aus der Stirn geformt hatte . Vorsichtig liefen die Fingerspitzen über die gespannte Haut . » Net so übel wie du ! « grollte sie hämisch , » und i krieg allbot en Mann , aber du - jo frili , du bischt zum Beduere ! so e Blindschleich - wer die emal nimmt ! « Die Halbblinde schlug ein gellendes Gelächter an , das in Schluchzen endete . » Du ! du ! en Mann ? aber i - i bin schon besser , gelt Schweschter ? I wär net übel ! Ein Aug sieht noch g ' nueg ! Schweschter , Se , die welche von uns zwei ischt schöner ? die wel ' kriegt ' n Mann ? « » Schämt ' s euch ! beruhigt euch ! kriegt alle beide keinen Mann ! ' s geht auch so ! « sagte Schwester Wanda , die erfrischt und rotbäckig von ihrem Spaziergang zurückgekehrt war und einen großen Feldblumenstrauß in die Abteilung mitbrachte . » Zankt ihr schon wieder ? « Josefine war dann gegangen . Sie konnte das Gekeife nicht loswerden . Mit zusammengezogener Stirn horchte sie noch auf die jammervollen und häßlichen Worte , während sie unter den wehenden Bäumen des Spitalgartens dahinging . Es wetterleuchtete über dem See ; der Himmel war mit flatternden Wolken bedeckt , zwischen denen der fast noch volle Mond hinrollte , bald verschwindend , bald aus dem zackigen , schwarzen Vorhang auftauchend und einen blauen Guß von Licht auf den Weg sendend . Als sie fast das Tor des Gitters erreicht hatte , in dem ein Seitenpförtchen für sie offen stand , kamen leichte , leise Schritte über den Kies , und eine Stimme sagte : » Guten Abend . « Josefine wich unwillkürlich zurück . Sie hatte sich unausgesetzt mit ihm beschäftigt , hatte bei dem Zank der Kranken gedacht : Wie entsetzt würde Hovannessian sein , wenn er dies hörte ! Sie hatte sich eben gewöhnt , alles an ihm zu messen , was ihr begegnete . Und nun war er plötzlich vor ihr , schien hier auf sie gewartet zu haben . » Wollen Sie spazieren , oder sind Sie müde ? « sagte er leise , indem er an ihre Seite trat . Befangen , wortlos , taten sie nebeneinander einige Schritte . » Es ist aber schwül , « sagte Josefine gepreßt , » es kommt etwas . « » O nein , noch nicht . Ich möchte , wenn Sie erlauben - einige Worte mit Ihnen - « Seine bebende Stimme sagte alles . Das Schweigen , mit dem sie an Josefines Hause vorüber und die noch unbebaute ansteigende Straße hinangingen , war betäubend . Sie standen einen Augenblick und blickten auf das lichtdurchstickte Stadtbild unter ihnen , auf das jetzt alle Sterne und der Mond leuchtend heruntersahen . Der Wind strich mit einem plötzlichen tiefen , dumpfen Orgelton über die Berghalde hinter ihnen . Hovannessian hielt ihre Hand , drückte sie an die Lippen und atmete tief . » Mir ist so schwer ... Ich kann nicht mehr zu Ihnen kommen ... So gespannt , so unruhig ... « » Ja , « flüsterte Josefine mechanisch , » ja , es ist wohl - « » Ich weiß - Sie lieben - einen - anderen - ; ich - ich weiß - Sie - o , ich bin Ihr Freund - ich möchte - Sie lieben - ihn - Ihren Mann - « Er zeigte flüchtig nach oben . » Ach , könnt ich Sie nehmen und aus allem heraustragen , und wir fliegen - fliegen auf einen schönen Stern ! Muß ich - muß ich fortbleiben ? Soll ich - Josefine ? « Sie hob ihre angstvollen Augen auf , flehend , außer sich . Nein ! nein ! flehten ihre Augen . » Ja , « hauchten ihre zitternden Lippen . Er stöhnte auf , der Fleheblick brachte ihn um alle Besinnung . Josefine fühlte plötzlich etwas Starkes , Mächtiges , Heißes , das sie ganz umschlang , ganz einhüllte . Sie zerschmolz in einer nie empfundenen Glut . Eine Flamme zuckte auf ihren dürstenden , verbrannten Lippen . Sie bäumte sich zurück , stemmte die Hände gegen seine breite , hochklopfende Brust ... » Willst du nicht mein sein ? willst du nicht ? « rauschte es an ihrem Ohr wie ein Wildbach . Und der wilde Bach ihres Blutes schrie » ja « . Aber ihr selbst unerklärlich , unbewußt riefen die Lippen : » Nein ! nein ! « » Nein ! « Er lockerte seinen Arm um ihre Schulter , er seufzte laut