mir - diese Gegensätze noch nie hervorgetreten , und da heißt es : Farbe bekennen . Man kann ja auch ganz abseits stehen bleiben , sich nicht kümmern um das , was vorgeht , und nur seinen eigenen , engsten Interessen leben - , das tun auch gar viele . Aber diese Vielen - ohne es zu wissen - helfen doch der einen der streitenden Kräfte : eines der wirksamsten Elemente des Beharrungsvermögens ist ja die Trägheit . « Mit dem niemals täuschenden Instinkt , der dem Redner zum Bewußtsein bringt , was die Zuhörerschaft empfindet , wurde Rudolf gewahr , daß ein leiser Hauch von Gelangweiltsein , von mißmutigem Unverständnis über die Tischgesellschaft wehte . Daß aber einige da waren , darunter seine Mutter , die ihn ganz verstanden und mit Spannung an seinen Lippen hingen , das wußte er auch , und für diese sprach er unbeirrt weiter : » Ich bin nicht abseits gestanden . Ich habe hineingelauscht in den Kampflärm und wurde von dem Drang erfaßt , mich mitkämpfend zu beteiligen . Mein Stand , meine Stellung , meine persönlichen Vorteile und Interessen würden erfordern , daß ich mich auf seiten derjenigen stelle , die das Bestehende verteidigen . Doch das kann ich nicht : mein Gefühl , meine Einsicht und ( mit einem Blick auf seine Mutter ) eine als Erbe übernommene Mission treiben mich in das andere Lager . Um also ehrlich und frei zu sein , bleibt mir nichts übrig , als meine Stellung und mein Interesse aufzugeben - und das habe ich getan . Zu den Dingen der alten Ordnung , die ich perhorresziere , gehört zum Beispiel auch die Einrichtung der Majorate - es ist daher ein gerechtfertigter , mehr noch , ein gebotener Schritt , daß ich dem Majorat entsage - und das habe ich getan . « » Bravo ! « rief Max . Und Feldzeugmeister von Relz sekundierte . Dieser Zug von Rudolfs Verrücktheit war seinem Besitznachfolger und dem Vater der künftigen Herrin von Brunnhof jedenfalls sympathisch . Auch Elsbeth hätte gern in den Beifall eingestimmt , doch war sie zu schüchtern dazu . Sie schwamm in traumhafter Glücksstimmung - war es doch wie ein Traum , daß ihr nun plötzlich alles zugefallen : der Geliebte , die wunderbare Herrschaft , der umgebende Luxus ... sie hätte vor Rudolf niederknien mögen , um ihm zu danken . Ein Narr ? das ist zuviel gesagt - ein Schwärmer , ein edler Schwärmer - und Gott sei Dank , daß er nicht vernünftiger war ! .. » Ihr Bravo , Exzellenz , « wandte sich Rudolf an Herrn von Rels , » werden Sie vielleicht zurückziehen , wenn ich sage , daß zu denselben von mir perhorreszierten Dingen auch - nein , nicht auch : obenan der Militarismus gehört . Und nicht nur , wie das unsere matten Liberalen hervorkehren , die Auswüchse und Übertreibungen des militaristischen Systems , sondern das organisierte Totschlagen als Rechtsmittel überhaupt . Das will ich fortan in aller Offenheit hinaussagen , ohne Umschweife - auch einem Feldzeugmeister ins Gesicht . Nur der ist frei , der das sagt , was er denkt . Mit der Abdankungsurkunde habe ich mir ein Stück Freiheit erkauft . Ich benutze sie . « » Bravo ! « riefen Kolnos und Bresser . Herr von Rels sprang auf : » Verzeihen Sie - « begann er mit erregter Stimme . Aber die andern riefen : » Nicht unterbrechen ! « und der General ließ sich wieder auf seinen Sessel nieder . » Verzeihen Sie mir , Exzellenz , « sagte Rudolf , » ich habe Sie nicht verletzen wollen . Was man gegen eine Institution spricht , ist nicht persönlich gegen ihre Vertreter gemünzt . Vergessen Sie nicht , daß alles , was ich gegen den Krieg vorbringen oder wirken kann , im Geist eines Vermächtnisses geschieht , das mir von einem tapferen Soldaten - von Friedrich Tilling - zugefallen . Was ich getan habe , beweist genügend , wie ernst ich meine Aufgabe , meine bevorstehenden Kämpfe auffasse . Im Kampfe darf man vor der Notwendigkeit nicht zurückschrecken , auf den Gegner loszuschlagen . Meine Waffe ist ja nur das gesprochene und geschriebene Wort - die will ich gradaus und ehrlich gebrauchen , das heißt immer nur das sagen , was ich für wahr halte - das aber ohne Rücksicht , ohne Schonung . Daß man , wenn man mit seiner Meinung zurückhält , die anderen schonen wolle - das ist gewöhnlich nur Vorwand ; sich selber will man vor Unannehmlichkeiten hüten , sich schont man dabei : man mag den anderen nicht erzürnen , nicht um ihm den Zorn zu ersparen , sondern um sich diesem Zorn nicht auszusetzen . Feigheit ist ' s mit einem Wort . Eine Feigheit , die ich an mir selber erfahren , als ich ein Fortschrittsanwalt , zugleich aber kluger Gutsbesitzer , taktvoller Hausherr und liebenswürdiger Vetter sein wollte . Jetzt will ich nichts anderes sein , als ein am Entwicklungsgang der Menschheit bewußt und furchtlos mitarbeitender Mitmensch . In solcher Mitarbeit , glauben Sie mir , liegt erhebender Genuß . Vor allem das Bewußtsein einer erfüllten Pflicht . Nicht allen offenbart sich diese Pflicht : aber die , welche Einsicht genommen haben in den Kampf der Zeiten , und die die drohenden Gefahren und winkenden Rettungen sehen , die können nicht anders - die müssen mittun . Rettenwollen ist ein natürlicher - ein dem Gesellschaftstrieb anhaftender Instinkt . Was ich sehe ist dies : Es sind Zaubermächte am Werk , die menschliche Gesellschaft so zu verändern , daß die Kultur von morgen sich zu der Kultur von gestern verhalten wird , wie der Schmetterling zur Raupe ... Die Raupe hat sich schon eingepuppt - die Kultur von heute ist die Chrysalide . « » Bravo ! « sagte jemand aus der Gesellschaft , der das Wort Chrysalide poetisch fand , und daher ein Beifallszeichen für angebracht hielt . » Die Zaubermächte