« » Erfährt El Ghani alles , was du da zu sehen und zu hören bekommst ? « » Ich sage ihm vieles davon , aber er glaubt es nicht . Er lächelt nur immer , wenn ich ihm sage , daß ich im Lande der Abgeschiedenen gewesen sei ; du aber würdest es mir glauben ! « » Irre dich nicht ! Auch der Muhammedaner hält die Bibel für ein heiliges Buch , denn Muhammed hat aus demselben geschöpft und erklärt die Propheten der Bibel für wirkliche Propheten . Und dieses heilige Buch verbietet , daß man die Toten frage ! « » Wenn ich nicht auf der Erde bin , so sind es nicht die Toten , sondern die Lebenden , bei denen ich mich befinde , und wenn ich rede , so spreche ich nur mit Ben Nur , der kein Verstorbener ist . Niemand braucht sich zu scheuen , das zu hören , was meine Seele hört . Wenn ich dir sage , was ich sehe , so brauchst du auch dein Weib , dein Kind nicht fortzuweisen , denn es sind gute , reine lautere Himmelstimmen , die sich meiner Lippen bedienen . Ich bin nicht Stern- , Traum- oder Zeichendeuter , sondern seit ich hilflos geworden bin durch die Blindheit meiner Augen , gehöre ich zu den Armen und Unmündigen , denen offenbar wird , was den Reichen und Klugen verborgen ist . Ich bin weder ein Geisterseher noch ein Prophet , kein Lügner und auch kein Phantast ; ich bin weiter nichts als ein in der Wüste verlorenes Schaf , welches seinen Hirten sucht . Wenn mich da die Aufmerksamkeit meiner Sehnsucht die Stimmen der Wüste hören läßt , die sonst niemand hört , und wenn mein Durst aus weiter Ferne die Feuchtigkeit des Wassers spürt , welche die Glücklichen nicht empfinden , die bei dem Hirten an der Quelle liegen , so mögen wohl sie von Selbstbetrug und Täuschung sprechen , ich aber lasse mir diese Stimmen und diesen feuchten Hauch als Führer aus der Verlassenheit zum Brunnen dienen . Ich wollte gegen dich schweigen , denn du warst mir fremd ; aber nun ich dich im Kampfe , den ich dir beschrieb , gesehen habe , ist es mir , als müßtest grad du , der mich aus dem Grabe geholt hat , alles wissen , was ich jenseits desselben liegen sehe . Fürchte dich nicht ! Es entspringt daraus kein Schaden für deine Seele und für deinen Glauben , sondern es wird dir dadurch die herrliche Erkenntnis gegeben , daß die Liebe der Ursprung alles Bestehenden ist und daß nur sie allein den Weg zum irdischen Glücke und zum Paradiese zeigt ! « » Hast auch du die Liebe ? « fragte ich ihn , als er jetzt schwieg , fast genau so , wie ich ihn heut früh nach der Erklärung des Alispruches gefragt hatte . » Ich habe sie und finde sie doch nicht , « antwortete er . » Kannst du das begreifen ? « » Ja . « » Indem du dieses Ja aussprichst , denkst du an die Gegenliebe ; sie ist es aber nicht , die ich meine , und doch meine ich auch sie . Du wirst mich freilich nicht verstehen ! « » Ich verstehe dich . Es giebt nicht Liebe und Gegenliebe , also Liebe hin und Liebe her . Die Liebe ist eins , ist unteilbar . « » Das ist richtig , o wie so richtig ! Die Liebe ist eine Gotteskraft , ist die Gotteskraft ; sie kann nicht wie mit dem Messer zerschnitten werden , so daß jeder einzelne Mensch einen für ihn bestimmten Teil bekommt , der nun keine andere als nur seine Liebe ist . Zu sagen , ich liebe meine Mutter , ich liebe mein Kind , ist falsch , denn die Liebe , die wahre Liebe läßt sich nicht begrenzen , nicht auf Personen beschränken ; Liebe ist Leben , und Leben ist Liebe . Wie du sagst , ich lebe , so mußt du auch sagen , ich liebe . Und wie es unrichtig sein würde , zu sagen , ich lebe meinem Freund , so ist es auch nicht richtig , zu sagen , ich liebe meinen Freund . Die wahre Liebe kennt nicht ihr Gegenteil , kennt nicht den Haß ; sie umfängt alle Wesen ; sie kann kein einziges ausschließen , und wer diese wirkliche , diese Gottesliebe besitzt , von dem kann also nicht gesagt werden , daß er seinen Bruder , seine Schwester , daß er einen einzelnen Menschen liebe . Du lebst . Kannst du dieses dein Leben zerteilen ? Du liebst . Kannst du diese deine Liebe zerlegen ? Wenn du einen Menschen liebst , weil er dir nahe steht , und den andern , fernen nicht , so denke ja nicht , daß dies Liebe sei . Die Liebe kennt kein Weil und kein Warum , kennt überhaupt keinen Grund als nur sich selbst . Nun wundere dich nicht , wenn ich dir deine Frage zurückgebe : Hast du die Liebe ? Hast du diese wirkliche , diese richtige Liebe ? « Er richtete die toten und doch so hellen Augen auf mich . Es sollte der Ausdruck der Frage in ihnen liegen , aber der Blick war leer und inhaltslos wie die Herzen der Millionen , welche so viel von Liebe sprechen , ohne sie zu besitzen . Seine Frage , obwohl es genau dieselbe war , mußte mich , den Christen , ganz anders treffen , als die meinige ihn , den Muhammedaner , hatte treffen können . Da er mich für einen Anhänger des Islam halten sollte , durfte ich nicht von der Liebe sprechen , welche Christus lehrt ; da ich aber doch etwas sagen mußte , weil aller Augen jetzt auf mich gerichtet waren , so antwortete ich : » Ich befleißige mich , keine Ausnahme darin zu machen