bald leer . - Ja , man sagt , daß er säuft , und das stützt wieder meine Meinung von der Tragik , die hinter diesem Menschen steckt . - Du bist wirklich ein Lyriker . Dann sprachen sie wieder von der Zukunft der deutschen Litteratur . Der psychologische Lyriker hatte recht : Stilpe fühlte sich in seiner bevorzugten Lage sehr unglücklich . Er lebte allerdings sehr gut , seitdem er » in der Feuilletonmanège die Pausen durch schwierige Scherze ausfüllte « , wie er sein kritisches Amt umschrieb . Er aß bei Kempinsky , ließ bei einem englischen Schneider arbeiten , trank nur ausgesuchte Spirituosen und hatte , wenn auch kein ständiges , so doch eine Art von Wanderharem » wohlassortiert « . Daß darunter keine eigentliche Geliebte war , empfand er nicht als Mangel . Dieses Bedürfnis hatte er nicht , wenn ihn auch manchmal so etwas wie Sehnsucht darnach anwandelte . - Vielleicht wäre es gut , wenn ich mich einmal richtig verliebte , sagte er sich ; das wäre doch wenigstens ein Surrogat für das Andere . Aber es gelang ihm nicht . Was aber war » das Andere « ? Ein paar Stellen seines » Heftes der Aufrichtigkeiten « geben darüber Aufschluß . Dieses Heft legte er zu dem Zeitpunkte an , als seine Stellung anfing , gesichert zu werden ; und das war dieselbe Zeit , um die er begann , sich unzufrieden zu fühlen . Auf der ersten Seite stand dies : » Jede Pflichtgewohnheit ist gemein , also auch das Lügen , als welche Kunst ich jetzt gewerbsmäßig und , wie ich mir sagen darf , nicht ohne Begabung , aber ich will ja hier ehrlich sein , also : Mit ungewöhnlichem Talente betreibe . Deshalb will ich wenigstens zuweilen diese Gewohnheit brechen und auf diesen Blättern die Wahrheit sagen . Daß ich auch dabei lügen werde , versteht sich am Rande . Aber diese Lügen werden eine eigene und amüsante Nüance haben . Ich stelle es mir sehr anmutig differenziert vor : Lügen , die Wahrheiten sein wollen , aber nicht daran glauben , und Wahrheiten , die sich selber keineswegs trauen , aber ihrer Lügenhaftigkeit immerhin nicht ganz sicher sind und sich manchmal im Stillen zweifelnd sagen : Wer weiß , am Ende sind wir wirklich wahr ? Eine liebliche Sorte Schlinggewächs also , - mein Gehirn mag eine ähnliche Struktur haben . « » Es scheint wirklich : Der Mensch lebt nicht von Brot allein und auch nicht von dem , was besser schmeckt ; er braucht ein Ziel , was er lieb hat , um » glücklich « zu sein . Aber er muß dran glauben . Beispiel : Ich war glücklich , als ich das Ziel lieb hatte , ein - Dichter zu werden , obwohl ich damals lauter Schulden und keine Aussicht hatte , sie zu zahlen . Oder : Ich war glücklich , als ich das Ziel lieb hatte , ganze Stiefeln zu bekommen . Und ich hatte doch nichts zu essen . Nun aber : Bitte , wo ist das Ziel , das ich lieb hätte ? Ganze Stiefeln hab ich , und ein Dichter mag ich einstweilen nicht werden ... Alles wüste und leer ... Das Ziel , einen Rausch zu bekommen ... ! ... ? Ach , wie erbärmlich sind jetzt meine Räusche ! Ich trinke , weils schmeckt , und das ist niedrig neben dem eigentlichen Ziel des Trinkens , dem großen Rausch . Vielleicht Morphium ? Aber ich fürchte den Selbstmord ... Meine Krankheit heißt überhaupt Feigheit ... Ich habe mich zu sehr an Kempinsky gewöhnt ... Halt ! Ich werde nach Dressel streben ! Jede Woche zwei Feuilletons mehr , und es geht ! ... Ach , wie kümmerlich und einfältig ! Bin ich denn schon ganz verblödet ? Jeder Tag Dressel , das wäre ja eine Rohheit und unsagbar stümperhaft . Ich würde mit ja selbst die Möglichkeit zu Magen idealen rauben ... Also : Ideale fehlen mir ? Schau , schau , wie tugendhaft ich bin ... Unsinn : Ideale ! Schon das Wort ist die verkörperte Maulsperre : I ... e ... a ! Pfeifen wir lieber darauf ! ... Aber das schweiß- und lustlockende Ziel ... Sollte es die Liebe sein , die Li-a-bee ? Oh nee ! Indessen ... manchmal .. ? ... hm ... ! ... Kürzlich liebte ich sehr stark in der Gegend des Weddings . Ich zog mich schlecht an ( wie schade , daß ich meine letzte Leipziger Garderobe nicht mehr habe ! ) und entzündete den Scharlachfeuerbrand bei einem recht süßen Ding von Mantelnäherin . Oh ja , es hatte was . Die Armeleutliebe hat ihre Reize wie die Armeleutmalerei , und ich kam mir vor wie der dicke Commerzienrat Ratz , der einen Uhde in seinem Speisezimmer hängen hat . Er vertritt ihm die Stelle des Tischgebets . Aber ich bin wohl nicht so christlich veranlangt wie der Commerzienrat . Ich zog mich wieder in die Nähe des Wintergartens zurück ... Nein , die Liebe ist es nicht ... Zur Liebe bin ich jetzt entschieden zu ästhetisch geworden ... Oder zu niederträchtig ? Nur keine Gêne , werter Freund ! Den Sport will ich mir wenigstens bewahren , daß ich mich selber beim rechten Namen nenne . Und jetzt will ich zu Emmy gehn , die mich » Caviarbrödchen « nennt . « » Ich nähre mich jetzt hauptsächlich von Lyrikern , und was ich dann von mir gebe , ist das Entzücken meines reizenden Publikums . Nichts erfreut es so von Grund aus , als wenn man ihm einen gerupften Dichter vorsetzt . Es besteht also in dieser deutschen Welt von heute immer noch eine Art Neid gegen diese Profession ? Und , wenn ich mir selber auf die Plombe fühle : Beneide ich das Geflügel nicht auch im Grunde ein bischen ? Zumal die , die sich so verdorben stellen und so selig in der Einbildung