. Das war Sache der beiden ; nicht einmal mit den eigenen Eltern sprach Gustav darüber . * * * Der Büttnerbauer war kein Träumer . Seine Interessen waren der strengen und nüchternen Wirklichkeit zugewandt , und zum Spintisieren und Phantasieren ließ ihm sein angestrengtes Tagewerk keine Zeit übrig . Aber eins steckte tief in seinem Wesen : er lebte viel mit seinen Gedanken in der Vergangenheit , sie war ihm ein steter Begleiter der Gegenwart , der mit beredtem Munde zu ihm sprach . Dieser Hang zum Rückwärtsblicken und Beschauen des Vergangenen wurde in ihm bestärkt durch die Vereinsamung , in der er sich befand . Denn obgleich er eine zahlreiche Familie um sich heranwachsen sah , war dieser Mann doch allein , wollte es sein . Er scheute jede Mitteilung seines Innersten anderen gegenüber , auch wenn sie von seinem Fleisch und Blute waren . Aber mit den Dahingeschiedenen stand er in lebendiger Beziehung . Sein erstaunlich frisches Gedächtnis unterstützte ihn darin . Er vermochte sich Erlebnisse und Personen aus der frühesten Jugend vor die Seele zu stellen , als seien sie gestern gewesen . Aussprüche der Eltern , ja selbst des Großvaters , konnte er mit wörtlicher Treue wiedergeben , obgleich der Alte vor nahezu fünfzig Jahren das Zeitliche gesegnet hatte . Er war imstande , mit untrüglicher Gewißheit anzugeben , an welchem Tage in einem bestimmten Jahre man das erste Heu eingefahren hatte , oder was ihm damals für eine Kuh bezahlt worden war , oder auch , wieviel der Roggen in dem und dem Monate gegolten hatte . Die Vergangenheit bildete aber nicht bloß den vielbetrachteten Hintergrund seines Daseins , sie wirkte geradezu entscheidend auf seine Entschließungen ein . Er war gebunden in seinem Willen an Taten und Absichten seiner Vorfahren . Ohne sich dessen selbst recht bewußt zu werden , ließ er sich leiten von frommer Rücksicht auf Wunsch und Willen jener Entschlafenen , die für ihn eben Gegenwärtige waren . Dabei sprach er fast nie von der Vergangenheit . Das Sprechen , soweit es nicht einem bestimmten praktischen Zwecke diente , erschien ihm überhaupt müßig . Das Reden um der Aussprache willen , die süße Erleichterung des Gemütes durch Mitteilung erachtete er als weibisch . Am ehesten ließ er noch etwas von seinen Gefühlen seinem Sohne Gustav durchblicken , der von der ganzen Familie seinem Herzen am nächsten stand . Das hatte seinen besonderen Grund . Der alte Mann glaubte in diesem Sohne etwas von dem Wesen des eigenen Vaters wieder lebendig werden zu sehen . Die Ähnlichkeit bestand in der Tat zwischen Enkel und Großvater . Aber auch sonst gab es verwandte Züge zwischen den beiden . Wenn der Bauer diesen Sohn auf Feld und Hof schalten und walten sah , mit energischen Befehlen die Geschwister anstellend , überall selbst mit Hand anlegend , voll Eifer und Lust an der Arbeit , dann wurde der alte Mann an den Vater erinnert , der für ihn noch jetzt das Muster eines tüchtigen Wirtes bedeutete . Und so verband sich mit dem Gefühle des Vaterstolzes für den Büttnerbauer die geheime Hoffnung , daß durch diesen Sohn der Familie wieder eingebracht werden möchte , was sie durch schlechte Jahre und Unglücksfälle mancherlei Art in letzter Zeit eingebüßt hatte an Vermögen und Bedeutung . Jetzt im Winter , wo die Arbeit nicht auf die Nägel brannte , war mehr Zeit als sonst , seinen Gedanken nachzuhängen . Was für Erinnerungen wurden da in der Seele des Alten wach ! was für Gestalten standen da vor seinem rückschauenden Blicke auf und gewannen Leben ! - Da war sein Vater : mittelgroß , breitschulterig , bartlos , wie alle Büttners vordem , blondhaarig . Er gedachte des Vaters immer , wie er ihn aus der frühesten Kindheit in Erinnerung hatte , als eines im besten Lebensalter stehenden blühenden Mannes . Was war das für ein Arbeiter gewesen ! Mit einem Finger hatte der den Pflug ausgehoben und umgewendet . Und dabei war er ein Grundgescheiter gewesen . Dem hatte niemand ein X für ein U machen dürfen . Deshalb war es ihm auch gelungen , das Seine zusammenzuhalten und zu mehren . Der Großvater des jetzigen Büttnerbauern hatte diesem Sohne das Gut noch bei Lebzeiten überlassen und sich auf das Altenteil zurückgezogen . Der alte Mann fand sich in der neuen Ordnung der Dinge , welche durch die Bauernbefreiung und die Gemeinheitsteilung in den bäuerlichen Verhältnissen entstanden war , nicht mehr zurecht . Er hatte die Zeiten der Erbuntertänigkeit unter der Gutsherrschaft und die Fronden durchgemacht . Als junger Mensch hatte er drei Jahre lang im Zwangsgesindedienst auf dem Gutshofe gescharwerkt . Später waren von ihm die fälligen Spanndienste für die Herrschaft abgeleistet worden . Er lebte ganz und gar in den Anschauungen der Hörigkeit . Der Hofedienst ging allem anderen voraus . Der Graf , sein gnädiger Herr , konnte ihm sein Gut wegnehmen , wenn er wollte , und einen anderen an seine Stelle setzen , wie es ihm gerade paßte . Der Herr hatte die oberste Polizei- und Strafgewalt und verfügte über Leib und Vermögen seines Untertanen . Das wurde nun mit einem Male alles anders . Der Bauer sollte fortan ein freier Herr sein auf eigenem Grund und Boden . Dabei fiel mit den Pflichten auch der Schutz weg , den die Gutsherrschaft den Untertanen gewährt hatte . Viele Leute , besonders die alten , in der Erbuntertänigkeit groß gewordenen , konnten sich in diese Änderung der Dinge nicht finden . Sie hatten gar kein Bedürfnis nach Freiheit empfunden . Seit Menschengedenken hatten ihre Familien Hofedienste getan , hatten unter Obhut und Leitung des Edelmannes ihr Leben zugebracht ; Selbständigkeit und Freiheit waren für sie Worte ohne Sinn . Sie wollten es nicht anders haben , als ihre Väter es gehabt . Der Gutsherr hatte ihre Kräfte benutzt , hatte sie vielleicht über Gebühr angestrengt , aber er hatte auch für sie gedacht und sie in schlimmen Zeiten geschützt . Das gebot ihm das