allzuoft Zeuge waren , herauszukommen ? Ach , lieber Holk , ich hätte diesen Widerstreit gern vermieden , aber es wollte mir nicht gelingen , und so wählte ich das , was ich für das kleinere Übel hielt . Ich mag dadurch manches verscherzt haben , aber ich habe getan , was mir mein Gewissen vorschrieb , und lebe der Überzeugung , daß Du bereit bist , mir dies Zugeständnis zu machen . Meine Reise wird mich nicht länger als fünf oder sechs Tage von Haus fernhalten , und etwa am 20. hoffe ich in Holkenäs zurück zu sein , wo unterdessen meine gute Dobschütz das Regiment führt . Sprich der Prinzessin , die sich meiner so gnädig erinnert , meine Devotion aus , und empfiehl mich Pentz und dem Fräulein v. Rosenberg , wennschon ich Dir bekenne , daß sie meine Sympathien nicht hat . Ich liebe nicht diese freigeistigen Allüren . Ich sehne das neue Jahr herbei , wo ich Dich , vielleicht schon am Silvesterabend , wiederzusehen hoffe . Laß die diesmaligen Kopenhagener Tage Deine letzten in der Hauptstadt sein , wenigstens in der Stellung , die Du jetzt darin einnimmst . Wozu diese Dienstlichkeiten , wenn man frei sein kann ? In aller Liebe Deine Christine « Holk fühlte sich , als er gelesen , einer gewissen Rührseligkeit hingegeben . Es war so viel Liebes in dem Briefe , daß er alte Zeiten und altes Glück wieder heraufsteigen fühlte . Sie war doch die Beste . Was bedeutete daneben die schöne Brigitte ? Ja , was bedeutete daneben selbst Ebba ? Ebba war eine Rakete , die man , solange sie stieg , mit einem staunenden » Ah « begleitete , dann aber war ' s wieder vorbei , schließlich doch alles nur Feuerwerk , alles künstlich ; Christine dagegen war wie das einfache Licht des Tages . Und diesem Gefühle hingegeben , überflog er den Brief noch einmal . Aber da schwand es wieder , alle freundlichen Eindrücke waren wieder hin , und was er heraushörte , war nur noch , oder doch sehr vorwiegend , der Ton der Rechthaberei . Und so kamen ihm denn auch die hundertmal gemachten Betrachtungen wieder . » Oh , diese tugendhaften Frauen ; immer erhaben und immer im Dienste der Wahrhaftigkeit . Es mag ihnen auch so ums Herze sein . Aber ohne betrügen zu wollen , betrügen sie sich selbst , und nur eines ist gewiß : das Schrecknis ihrer Vorzüglichkeit . « Neunzehntes Kapitel Vier Wochen waren seitdem vergangen , und Mitte November war heran . Holk hatte sich kopenhagensch eingelebt , nahm teil an dem kleinen und großen Klatsch der Stadt und dachte mitunter nicht ohne Bangen daran , daß in abermals sechs Wochen das eintönige Leben auf Holkenäs wieder in Aussicht stehe . Die Briefe , die von dorther eintrafen , waren nicht geeignet , ihn andren Sinnes zu machen ; Christine , seit sie von der Pensionsreise zurück war , schrieb zwar regelmäßiger und unterließ sogar alle verdrießlichen Betrachtungen ; aber eine gewisse Nüchternheit blieb und vor allem der doktrinäre Ton , der ihr nun einmal eigen war . Und gerade dieser Ton , mit seiner Beigabe von Unfehlbarkeit , war es , wogegen Holk sich innerlich immer wieder auflehnte . Christine war in allem so sicher ; was stand denn aber fest ? Nichts , gar nichts , und jedes Gespräch mit der Prinzessin oder gar mit Ebba war nur zu sehr dazu angetan , ihn in dieser Anschauung zu bestärken . Alles war Abkommen auf Zeit , alles jeweiliger Majoritätsbeschluß ; Moral , Dogma , Geschmack , alles schwankte , und nur für Christine waren alle Fragen gelöst , nur Christine wußte ganz genau , daß die Prädestinationslehre falsch und zu verwerfen und die kalvinistische Abendmahlsform ein » Affront « sei ; sie wußte mit gleicher Bestimmtheit , welche Bücher gelesen und nicht gelesen , welche Menschen und Grundsätze gesucht und nicht gesucht werden müßten , und vor allem wußte sie , wie man Erziehungsfragen zu behandeln habe . Gott , wie klug die Frau war ! Und wenn sie dann wirklich einmal zugab , eine Sache nicht zu wissen , so begleitete sie dies Zugeständnis mit einer Miene , die nur zu deutlich ausdrückte : solche Dinge braucht man auch nicht zu wissen . In dieser Richtung gingen Holks Betrachtungen , wenn er des Morgens von seinem Fenster aus auf die stille Dronningens-Tvergade herniedersah , die , so still sie war , doch immer noch einen lebhaften Verkehr hatte , verglichen mit der einsamen Fahrstraße , die von Schloß Holkenäs nach Dorf Holkeby hinunterführte . Und wenn er so sann und dachte , dann klopfte es , und die Witwe Hansen oder auch wohl die schöne Brigitte trat ein , um den Frühstückstisch abzuräumen , und war es die gesprächige Witwe , so war er ganz Ohr bei allem , was sie sagte , und war es die schweigsame Brigitte , so war er ganz Auge und ihrem Bilde hingegeben . Es lag etwas in diesem Verkehr , das , trotzdem beide Frauen , und besonders Brigitte , keineswegs interessant waren , unsren Holk doch immer wieder anregte , wenngleich er in der Hansenfrage längst klarsah und von Geheimnisvollem keine Rede mehr sein konnte . Der Kaiser von Siam war immer unsichrer , der » Sicherheitsbeamte « dagegen immer sichrer geworden ; alles war genauso , wie ' s Pentz erzählt , indessen die Dehors blieben gewahrt und ebenso die kleinen Aufmerksamkeiten , die beide dem Holkschen Geschmack geschickt anzupassen wußten , und so kam es denn , daß dieser den allmorgendlichen Begegnungen mit Mutter und Tochter mit einer Art Behagen entgegensah , besonders seit er fühlte , daß diese Begegnungen aufgehört hatten , irgendwie gefährlich für ihn zu sein . Ob er sich bewußt war , worin dies Aufhören aller Gefahr eigentlich wurzelte ? Vielleicht sah er persönlich nicht klar darin , aber andre sahen nur zu deutlich ,