ich sehen , daß es der Erwartete war . Ich machte keinen Versuch , mich aus meinem Halbschlummer herauszureißen - dadurch hätte ich möglicherweise das ganze Bild verscheuchen können , denn vielleicht war die Erscheinung an der Thür nur ein fortgesetzter Traum , und vielleicht träumte ich nur , daß ich die Lider linienbreit geöffnet ... Jetzt schloß ich dieselben ganz und gab mir Mühe , weiter zu träumen , daß der Teuere näher kommt - sich herabbeugt und mir die Stirne küßt ... So geschah es auch . Dann kniete er neben mein Lager nieder und blieb eine Weile regungslos . Noch immer dufteten die Rosen und trarate das ferne Hornsignal ... » Martha , schläfst Du , « hörte ich ihn leise fragen . Da schlug ich die Augen auf . » Um Gotteswillen , was ist ' s ? « rief ich , zu Tode erschreckt - denn das Antlitz des an meiner Seite knieenden Gatten war von so tiefer Trauer übergossen , daß ich mit einemmal erriet , es sei ein Unglück hereingebrochen . Statt zu antworten , legte er sein Haupt an meine Brust . Ich wußte alles : Er muß fort ... Ich hatte den Arm um seinen Hals geschlungen und so blieben wir beide eine Zeit lang stumm . » Wann ? « fragte ich endlich . » Morgen früh - « » O mein Gott - mein Gott ! ! « » Fasse Dich , meine arme Martha - « » Nein , nein , laß mich jammern ... Mein Unglück ist zu groß - und ich weiß - ich seh ' Dir ' s an : das Deine auch . So viel Schmerz , wie ich vorhin in Deinen Zügen gelesen , habe ich noch in keines Menschen Angesicht gesehen . « » Ja , mein Weib - ich bin unglücklich . Dich jetzt lassen zu müssen , in einer solchen Zeit - « » Friedrich , Friedrich , wir sehen uns nimmer - ich werde sterben ... « Es war ein herzzerreißender Abschied , der diese letzten vierundzwanzig Stunden füllte ... Das war nun das zweite Mal im Leben , daß ich einen teueren Gatten zu Felde ziehen sah . Doch unvergleichlich schwerer war diese zweite Losreißung , als die erste . Damals war meine und besonders Arnos Auffassung eine ganz andere , primitivere gewesen : ich hatte das Ausrücken als eine alle persönlichen Gefühle überwiegende Naturnotwendigkeit - er sogar als eine freudige Ruhmesexpedition betrachtet . Er ging mit Begeisterung , ich blieb ohne Murren . Noch haftete etwas von der Kriegsbewunderung an mir , die ich in meiner Jugenderziehung eingesogen ; noch fühlte ich dem Hinausstürmenden etwas von dem Stolze nach , welchen er angesichts der großen Unternehmung empfand . Aber jetzt wußte ich , daß der Scheidende eher mit Abscheu , denn mit Jubel an die Mordarbeit ging ; ich wußte , daß er das Leben liebte , welches er aufs Spiel setzen mußte ; daß ihm über alles - ja , alles , auch über die Rechtsansprüche des Augustenburgers - sein Weib teuer war , sein Weib , das in wenigen Tagen Mutter werden sollte . Während ich bei Arno die Überzeugung gehabt , daß er mit Gefühlen schied , um die er immerhin zu beneiden war , erkannte ich , daß bei dieser zweiten Trennung wir beide gleiches Mitleid verdienten . Ja , wir litten in gleichem Maße und wir sagten und klagten es einander . Keine Heucheleien , keine leeren Trostphrasen , keine Prahlworte . Wir waren ja eins und keines suchte das andere zu betrügen . Es war noch unser bester Trost , daß jedes seine Trostlosigkeit vom andern voll verstanden wußte . Die Größe des über uns hereingebrochenen Unglückes suchten wir durch keine konventionellen , patriotischen und heroischen Mäntelchen und Lärvchen zu verhüllen . Nein - die Aussicht , auf Dänen schießen und hauen zu dürfen , war ihm keine , gar keine Wettmachung des Leides , mich verlassen zu müssen ; im Gegenteile - eher eine Verschärfung : denn Töten und Zerstören widert jeden » Edelmenschen « an . Und mir war es kein , gar kein Ersatz für mein Leid , daß der Vielgeliebte etwa um eine Rangstufe vorrücken könnte . Und falls das Unglück der gefährlichen Trennung noch zum Unglück der ewigen Trennung sich steigerte - sollte Friedrich fallen - so war mir die Staatsraison , wegen welcher dieser Krieg geführt werden mußte , nicht im entferntesten erhaben und heilig dünkend genug , um solches Opfer aufzuwiegen . - Vaterlandsverteidiger : das ist der schön klingende Titel , mit welchem der Soldat geschmückt wird . Und in der That : was kann es für die Glieder des Gemeinwesens für eine edlere Pflicht geben , als die , die bedrohte Gemeinschaft zu verteidigen ? Warum aber bindet dann den Soldaten sein Fahneneid zu hundert anderen Kriegspflichten , als die der Schutzwehr ? Warum muß er angreifen gehen , warum muß er - wo dem Vaterlande nicht der mindeste Einfall droht - wegen der bloßen Besitz-und Ehrgeizstreitigkeiten einzelner fremder Fürsten , dieselben Güter - Leben und Herd - einsetzen , als ob es sich , wie es doch zur Rechtfertigung des Krieges heißt , um die Verteidigung des gefährdeten Lebens und Herdes handelte ? Warum mußte hier zum Beispiel das österreichische Heer ausziehen , um den Augustenburger auf das fremde Thrönchen zu setzen ? Warum - warum ? - das ist ein Fragwort , welches an Kaiser oder Papst zu richten , an sich schon hochverräterisch und lästerlich ist , welches dort als Irreligiosität und hier als Illoyalität gilt und welches nie beantwortet zu werden braucht ... Um zehn Uhr morgens sollte das Regiment ausrücken . Wir waren die ganze Nacht aufgeblieben . Nicht eine Minute des uns noch beschiedenen Zusammenseins hatten wir verlieren wollen . Es war so viel , was wir uns noch zu sagen hatten , und doch sprachen wir nur wenig . Küsse und Thränen waren es zumeist