Eines Tages würde Irmer sterben und seine Tochter mittellos ... aussichtlos ... zukunftslos zurücklassen . Und doch war es vielleicht das Beste , wenn der Vater bald starb ... und Hedwig bald in neue Verhältnisse , in eine neue Umgebung eintreten mußte . Hier verwelkte und verkümmerte sie ganz ... an der Seite eines Sterbenden ... unter dem steten Einflusse seiner Krankheit und seiner weltabgewandten Schattenphilosophie . Aber , wie würde es dieser spröden , schweren Natur draußen in der Welt ergehen ... unter den Menschen , denen sie dienen sollte ? Die Leute , die sichs gestatten können , » dienstbare Geister « zu halten , verlangen offene , empfängliche Charaktere ... Temperamente , die gleichsam mit großen , blanken Fensterscheiben ausgestattet sind , durch welche das volle Licht der Sonne in breiten Massen hereinfallen kann ... Adam sagte sich , daß Hedwig sehr wenig Glück und Erfolg unter den Menschen finden würde . Sollte er aber darum sein Schicksal mit dem dieses armen , hülflosen , verlassenen Weibes verknüpfen ? Er , der selbst schwer genug an seinem eigenen Leben trug ? Daran war doch nicht zu denken . Gesetzt selbst , daß er seinen ästhetischen und metaphysischen Widerwillen überwand - daß er es für eine » ethische « Forderung erkannte , der Verlassenen Stütze und Zuflucht zu werden : schon aus materiellen Gründen war es ihm unmöglich , diese Forderung zu erfüllen . Und dann - : schließlich das Opfer eines moralischen - Hirngespinnstes werden ? Da wurde ja alle Natürlichkeit über den Haufen geworfen . Daß er Hedwig liebte - davon konnte ja nicht die Rede sein - ebensowenig , wie davon , daß er sich intimer an Lydia oder an Emmy gefesselt fühlte . Je nachdem die Stunde die Stimmung brachte , dünkte er sich zu der einen oder anderen der Damen hingezogen . Die Stimmung lief ab - und über die Theilnahme triumphirte wieder die alte , müde , einfältige , unfruchtbare und doch so praktische Gleichgültigkeit ... Woher das nur kam ? Das hatte wohl seinen Grund zumeist darin , daß seine feine , ästhetische Natur zu hohe Anforderungen stellte ... daß sie zusammenzuckte , zurückführ , sich unbefriedigt ... oft verwundet und beleidigt fühlte , wenn einem , ob auch an sich noch so geringfügigen Bedürfnisse nicht genügt wurde ... Oh ! Er hatte es ja so oft in älteren und jüngeren Tagen mit Freunden und Bekannten durchgekaut , das ehrenwerthe Motiv von dem » hehren « Frauen-Ideale , das sich ein Jeder zusammenträumt und zusammendichtet in der großen Zeit seines geistigen und sinnlichen Aufwachens und Umsichgreifens ... in der großen Zeit seiner ersten gewaltigen Jugendschauer ! Und das beschworene Bildniß läßt nicht von dir . Es folgt dir zur Seite überallhin ... es zwingt dir Maß und Urtheil auf ... es beeinflußt alle deine » Beziehungen « und » Verhältnisse « zu den wirklichen , fleischgewordenen Töchtern der Erde - : das dein Glück dereinst gewesen , ist dir zum Fluche geworden . Es rächt seine Schattenexistenz , seine vage Unkörperlichkeit an dir ... es flößt dir eine brennende , namenlose Sehnsucht nach seiner Verkörperlichung in die Seele - die reifsten , saftigsten Früchte giebst du aus der Hand , weil dein Auge auf der Schaale einen leisen , winzigen Makel entdeckt , der dich beleidigt ... Aber warum bauest du dir überhaupt , weltseliger , menschengläubiger Jüngling , ein solches despotisches » hehres Frauen-Ideal « auf - ? Ja ! Warum - ? Doch nein ! Das ging zu weit . Das war überflüssig . Was sollten diese tragikomischen Betrachtungen hier ? Adam sagte sich nicht mehr klar , fühlte aber instinktiv , daß er auf diesem Wege wieder einmal zu jenem Gebiete gelangen würde , mit dem er sich so oft in lautem Wort und leisem Gedanken beschäftigt : eben zu dem leidigen Verhältnisse , in das die beiden Geschlechter zu einander von Jugend auf durch Herkommen und Erziehung gestellt werden . Ach ja ! Er hatte dieses Thema heute Abend Fräulein Irmer gegenüber auf ' s Tapet bringen wollen ! Nun ! Vielleicht kam die Gelegenheit dazu noch ... Adam fühlte Hedwigs fragenden Blick auf sich . Das hülflose , verlassene Weib hatte plötzlich alle Konvenienz bei Seite geschoben . Nichts mehr lag zwischen ihm und dem Manne , der ihm in ernstem , bewußtem Schweigen gegenübersaß . Nichts mehr sollte nach diesem Blicke , der zugleich unendlich trostlos und unendlich begehrend , zwischen ihnen liegen . Adam fühlte sich gewaltig ergriffen . Es wäre ein Frevel gewesen , ein Verbrechen an dem » heiligen Geiste der Menschheit « - an den Adam allerdings in seinen besseren und größeren Stunden doch noch glaubte - ließ er thatlos untergehen , was dem Untergange - trotz alledem unabänderlich verfallen war ... Ja ! Er wollte ... was wollte er ? ... er wollte wenigstens sein » Gewissen « salviren . Er wollte sich sagen können , daß er Alles gethan hätte , was er zu thun vermocht habe . Er wollte der Selbstvorwürfe überhoben sein . Oder ... wenn er jetzt beschloß , in das Schicksal Hedwigs einzugreifen - bestimmte ihn dazu sein Egoismus ... seine geschmeichelte Eitelkeit ... die heiße Bitte , die in Hedwigs Blick gelegen ... das Versprechen , welches ihm dieser brüsterschütternde Blick nicht minder gegeben ? Es stieg glühend auf in Adam ... er hätte das Weib , das ihm bisher immer so spröde , so zurückhaltend begegnet war ... und das sich jetzt in seiner Noth und Verzweiflung ihm ergeben wollte ... gewiß ! sich ihn zu eigen geben wollte - er hätte es an sich reißen mögen - und mit ihm zu Füßen des armen Mannes stürzen : dem Sterbenden zu schwören , daß sein Kind nicht verlassen wäre , daß er über sein Kind liebend wachen werde in allen kommenden Tagen ... Die Kuckucksuhr über dem Sopha vermeldete glucksenden , mürrisch-verrosteten Tones die neunte Stunde . Hedwig erhob sich leise seufzend und