Da erschauerte Fanny . Die ganze Menschenohnmacht , die mit den heißesten Wünschen vergebens strebt , ein vollkommen gesättigtes Glück zu genießen oder auszudrücken , spricht sich in diesem Liede aus . Es ist der Notschrei des Titanen , der Göttlichstes empfindet und verlangt und nie ganz auskosten kann . Als der letzte Ton verhallte , sagte sie mit bleichen Wangen : » Heute nichts mehr ! « Joachim fühlte , daß er so gut gesungen habe wie noch nie und daß er mit seinem Gesang Fanny erschütterte . Es freute ihn sehr , daß er , der sich ihr gegenüber stets als unbedeutender junger Mensch fühlte , doch etwas könne , das ihr eine Stunde ausfülle . Auch Adrienne war tief ergriffen und verließ das Zimmer sogleich . Die anderen sollten sie nicht weinen sehen - sie würden erraten haben , daß Adrienne von einem unbestimmten Heimweh erfaßt sei . Von Heimweh ? - nach ihrer sonnenlosen grauen Stube in Kiel , oder nach dem Klang einer ruhigen , ernsten Stimme , in welcher doch ein Ton mitbebte , der Joachims Sang so ähnlich war ? Fanny und Joachim blieben aber nicht mehr beisammen , während er den Flügel schloß und die Noten ordnete , sagte sie ihm gute Nacht . Aber er lief in heiterer Galanterie voraus , um ihr die Thür zu öffnen . Während sie an ihm vorbei schritt , entfiel ihr die Rose . Er nahm sie auf und deklamirte in einer unwillkürlichen Gedankenverbindung : » Ginevra , im Vorüberwallen , Ließ eine rote Rose fallen . « Fanny lachte , ließ ihm die Rose und ging in ihr Zimmer . Die Erregungen des Tages bebten in ihr nach und ließen sie lange nicht schlafen . Lanzenaus Abreise , das schöne Gedicht von Ginevra und Lanzelot , Joachims Gesang - alles kam zurück und forderte seinen Teil abschließender Betrachtung . Und zuletzt hafteten ihre Gedanken auch bei Joachims Citat , als ihr die Rose entfiel . » Ginevra , im Vorüberwallen , Ließ eine rote Rose fallen . « Ja , das that Ginevra - als Zeichen , daß der Geliebte in der Nacht kommen dürfe . Wie unbedacht , wie leichtsinnig , ja wie unpassend war es von Joachim gewesen , das zu citiren . Aber natürlich , das waren in jenem Augenblick nur Worte ohne Sinn gewesen , und er hatte gar nicht daran gedacht , welche Bedeutung sie im Gedicht haben . Sie lächelte in ihre Kissen hinein . Wie reich doch jetzt die Tage waren ! Neben der Arbeit und Aufsichtsführung in Haus und Feld und Scheunen blieben genug Stunden , dem frohen Beisammensein gewidmet . Was war doch früher in diesen Stunden geschehen ? Fanny erinnerte sich nicht . Es schien , als habe es früher gar keine Erholungsstunden gegeben . Das Licht flackerte auf und schreckte Fanny von den Grenzen des Halbschlummers zurück . Sie erhob sich halb und löschte es , fiel zurück und schlief ein . Ganz gegen ihre Gewohnheit träumte sie - buntes , sinnloses Zeug . Aber endlich siegten die beiden Eindrücke , die heute am mächtigsten gewesen : Fanny träumte , sie sei Ginevra und Lanzelot säße zu ihren Füßen und sänge : » Lehn deine Wang ' an meine Wang ' « . Ein unendliches Glücksgefühl überwältigte sie . Das Lied aus seinem Mund , der flehende Liebesblick aus seinem Auge bezwang sie ohne Widerstreben . Sie sank in die Arme , die sich ihr entgegen öffneten und vermählte sich dem geliebten Mann . Vom Uebermaße der Wonne erschrak ihr Herz und in diesem Schrecken erwachte sie . Lanzelot war im Traum eins mit Joachim gewesen . Sie begriff mit wachem Geiste , daß sie im Traum sich Joachim ergeben . Fanny erkannte , daß ihr Leib und Seele in Liebe zu Joachim entbrannt seien . Sie barg ihr Angesicht im Kissen ihres Lagers und weinte . Sie fühlte , daß in dieser Stunde all ihr dunkles Glückssehnen , von dem sie einmal zum Freunde gesprochen , zielbewußt geworden . Sie fühlte , daß ihr Leben in diesem Augenblick einen neuen , einen einzigen Inhalt bekommen habe : Joachim ! Und mit freudigem Stolz gestand sie sich , daß alles , was sie zu geben habe , des besten Mannes nicht unwert sei . Alles , was ihre unermüdliche Kraft sich in den vergangenen Jahren geschaffen , das arbeitsreiche , gesunde Leben , die eigentümliche und so viel verehrte Herrscherstellung , die sie in der Gegend einnahm , die treue Anhänglichkeit ihrer nächsten Untergebenen , der Reichtum , den das Schicksal ihr in den Schoß geschüttet und den sie weise und wohlthätig zugleich verwaltet , alles , alles hatte nun dadurch erst rechten Wert und Bestimmung erhalten , daß sie es dem geliebten Mann zu Füßen legen konnte . Ein frommes Gebet entstieg ihrer Brust . Sie dankte Gott , daß sie sich dieser Stunde reinen Herzens freuen könne , daß sie ihr Glück ohne Bangen empfangen dürfe , denn es treffe ihre Seele nicht im Uebermut , es habe sie gefunden nach langen Jahren ehrlicher Selbstbezwingung . Und dann streckte sie sich wieder und lag ganz still . Nicht um zu schlafen - nein , um in glücklichem Wachen an alles zu denken , was nun kommen könne , kommen müsse . Auch nicht von fern streifte ihre Seele die Furcht , daß Joachim nicht ganz dasselbe fühle wie sie . Mit der Erkenntnis , daß sie ihn liebe , war wie ein Himmelswunder die zweifelsfreieste Gewißheit in ihr Herz gekommen , daß er schon lange harre , das Glück aus ihrer Hand zu empfangen . O , und es sollte ihm werden , reich und königlich , wie nur sie es ihm geben konnte . Zehntes Kapitel Was sind die kühnsten und seligsten Entschlüsse der Nacht gegen die nüchternen Wirklichkeiten des Tages ! Als Fanny am nächsten Morgen Joachim sah , zitterten ihr die Kniee , die Stimme schien ihr versiegt