viel launenhafter als Cécile selbst . Die Ärmste hat ihr Herz erst neulich darüber zu mir ausgeschüttet . Er hält , sagte sie , viertelstundenlang meine Hand und erschöpft sich in Schönheiten gegen mich , und gleich danach geht er ohne Gruß und Abschied von mir und hat auf drei Tage vergessen , daß er eine Frau hat . « Das und viel anderes noch ging Gordon im Kopfe herum , als er wieder in seiner Wohnung war ; vor allem aber klang ihm das im Ohr , was Rosa gleich zu Beginn ihrer Unterhaltung gesagt hatte : » Gebe Gott , daß es ein gutes Ende nimmt . « Zu guter Zeit war er auf und bei seinem Kaffee , schob aber die Zeitungen , die die Wirtin gebracht hatte , zurück . Alles Behagens unerachtet , war er in keiner Lesestimmung und beschäftigte sich nach wie vor mit dem , was ihm der gestrige Tag gebracht hatte . Die Fenster standen auf , und er sah hinaus auf den Tiergarten . Ein feiner , von der Morgensonne durchleuchteter Nebel zog über die Baumspitzen hin , die , trotz der schon vorgerückten Jahreszeit , kaum ein welkes Blatt zeigten ; denn am Tage vorher war es windig gewesen , und das wenige , was sich bis dahin von gelbem und rotem Laube mit eingemischt hatte , lag jetzt unter den Bäumen und bildete Muster auf dem Rasenteppich . Dann und wann fuhr ein Wasserkarren langsam durch die Straße ; sonst alles still , so still , daß Gordon es hörte , wenn die Kastanien aufschlugen und aus der Schale platzten . Ein immer wachsendes Wohlgefühl überkam ihn . » Ich glaube , ich bin so glücklich , weil ich wieder in der Heimat bin . Wo war ich nicht alles ? Aber solche Momente hat man nur daheim . « Als er sich wieder zurückwandte , vernahm er deutlich , daß draußen auf dem Korridor gesprochen wurde . » Der Herr muß unterschreiben . « Und gleich danach trat der Briefträger ein . Er brachte Karten und Geschäftsanzeigen , der eingeschriebene Brief aber , über dessen Empfang quittiert werden mußte , war der langerwartete von Schwester Clothilde . » Nun endlich . « Gordon setzte sich in den Schaukelstuhl am Fenster , um hier con amore zu lesen . » Mein lieber Roby . Deinen zweiten Brief , in dem Du Dich über mein Schweigen beklagst , erhielt ich gleichzeitig mit dem ersten . Ich fand beide hier vor , als ich vorgestern abend von meinen Weltfahrten nach meinem lieben Liegnitz zurückkehrte . Dein Brief aus Thale war mir selbstverständlich nach Johannesbad und , weil er mich dort nicht mehr traf , nach Partenkirchen hin nachgeschickt worden . An letzterem Orte kam er früher an als wir ( wir heißt Kramstas und ich ) , was die Partenkirchner Post veranlaßte , Deinen Brief nach Liegnitz zurückzuschicken . Da hat er zwei Monate lang gelagert . Du siehst , ich bin außer Schuld . Eine Welt von Dingen habe ich , seitdem Du hier warst , erlebt : die junge Kramsta hat sich mit einem Offizier verlobt , Helene Rothkirch ist Hofdame bei der Prinzessin Alexandrine geworden , und der alte Zedlitz hat sich wieder verheiratet . Und nun erst die jetzt zurückliegende Reise mit ihren hundert Bekanntschaften und Eindrücken ! Aber ich werde mich hüten , Dir von Berchtesgaden und dem Watzmann eine lange Beschreibung zu machen , einmal , weil Dir 8000 Fuß nicht viel bedeuten können , und zweitens , weil ich annehme , daß junge Kavaliere , die sich nach einer schönen Angebeteten erkundigen , lieber von dieser Angebeteten als vom Watzmann hören wollen . « Gordon lachte . » Ganz Clothilde . Und wie recht sie hat . « » ... Also die St. Arnauds . Nun wir kennen sie hier recht gut , oder doch wenigstens die Vorgänge , die seinerzeit viel von sich reden machten . Es war nicht gerade das Beste , wobei Dich das eine trösten mag , daß es , alles in allem , auch nicht das Schlimmste war . St. Arnaud war Oberstlieutenant in der Garde , brillanter Soldat und unverheiratet , was immer empfiehlt . Man versprach sich etwas von ihm . Es sind jetzt gerade vier Jahre , daß er in Oberschlesien Oberst und Regimentskommandeur wurde . Den Namen der Garnison hab ich vergessen ; übrigens auch ohne jede Bedeutung für das , was kommt . Er nahm Wohnung in dem Hause der verwitweten Frau von Zacha , richtiger Woronesch von Zacha , in deren bloßem Namen schon , wie Dir nicht entgehen wird , eine ganze slawische Welt harmonisch zusammenklingt . Frau von Zacha war eine berühmte Schönheit gewesen ; ihre Tochter Cécile war es noch . Jedenfalls fand es der Oberst und verlobte sich mit ihr . Vielleicht auch , daß er sich in dem Nest , das ihm die Residenz ersetzen sollte , bloß langweilte . Gleichviel . Drei Tage nach der Verlobung empfing er einen Brief , worin ihm Oberstlieutenant von Dzialinski , der älteste Stabsoffizier , seitens des Offiziercorps und als Vertreter desselben die Mitteilung machte , daß diese Verlobung nicht wohl angänglich sei . Daraus entstand eine Szene , die mit einem Duell endete . Dzialinski wurde durch die Brust geschossen und starb vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden . Das Kriegsgericht verurteilte St. Arnaud zu neun Monaten Festung , wobei , neben seiner früheren Beliebtheit , auch die Tatsache mit in Rechnung gestellt wurde , daß er provoziert worden war . Provoziert , so gerechtfertigt die Haltung Dzialinskis und des gesamten Offiziercorps gewesen sein mochte . « Gordon legte den Brief aus der Hand und wiederholte : » So gerechtfertigt diese Haltung gewesen sein mochte . Warum ? Wodurch ? Aber was frag ich ? Clothilde wird mir die Antwort nicht schuldig bleiben . « Und er las weiter . » Und hier ist nun die Stelle , mein lieber Robert