verfinstertem Gesicht zu Pferde gesessen und für ihr fröhliches » Guten Morgen « vom Fenster aus kaum ein leichtes Kopfnicken und kein Wort der Erwiderung gehabt hatte . Das war ihr schmerzlich auf das junge , froh gestimmte Herz gefallen . Aber Tante Sophie hatte sie getröstet . Das sei wieder einmal solch ein schlimmer Tag , wo man sich stillschweigend zurückhalten und ihm aus dem Wege gehen müsse , hatte sie gemeint . Er wisse da selbst am besten , was ihm not thue , um das schwarze Gespenst los zu werden - das sei ein Ritt in die frische Luft hinaus und Zerstreuung draußen im Fabrikgetriebe . Abends werde er schon » umgänglicher « zurückkommen . Die Brokatschleppe der schönen Dore hing wieder in der tiefsten Schrankecke , und Margarete war eben im Begriff , ihr Haar zu ordnen , als sie abermals die Zimmerthür ihres Vaters gehen hörte . Er trat wieder heraus und ging den Flursaal entlang . Er kam rasch näher , und es schien , als schreite er direkt dem Gange zu . Margarete erschrak . Sie war in Unterkleidern und mochte sich überhaupt nicht hier vor ihm sehen lassen ; wußte sie doch nicht , in welcher Stimmung er heimgekommen war und wie er ihr mutwilliges Attentat auf das ehrwürdige Inventarstück des Hauses beurteilen würde . Ein wahres Angstgefühl packte sie . Unwillkürlich schlüpfte sie in den Schrank , schmiegte sich tief in die Seidenwogen - es war ihr , als versinke sie in rauschenden Gewässern - und zog die Thür leise an sich . Wenige Augenblicke nachher kam der Kommerzienrat um die Gangecke . Durch die schmale Thürspalte konnte ihn die Tochter sehen . Der Ritt in die frische Luft und das Fabriktreiben in Dambach hatten nicht an das Gepräge schwarzer Melancholie gerührt , welches diese schöne Männererscheinung für alle im Hause oft so furchterweckend machte . Er hatte einen kleinen Strauß frischer Rosen in der Rechten und schritt achtlos zwischen den Bilderreihen seiner Vorfahren hin . Nur das Oelbild der schönen Dore , welches schräg zwischen die Schrankecke und die Wand gelehnt , ihm die bezaubernde Gestalt gewissermaßen entgegentreten ließ , schien eine unheimliche Wirkung auf ihn zu üben . Er fuhr zurück und legte die Hand über die Augen , als befalle ihn ein Schwindel . Dieses Erschrecken war begreiflich . Drüben im roten Salon , hoch an der hellen Wand , trat das Dämonische dieser Schönheit nie so sieghaft hervor , wie hier im spukhaften Halbdunkel ... Er murmelte leidenschaftliche Worte in sich hinein , packte wie in einem Wutanfall das schwere Bild und kehrte es gegen die Wand . Der Rahmen schlug hart an das Mauergestein und krachte in den Fugen . Der erschrockenen Tochter stockte der Atem . War es doch , als schlage aus dem finsteren , melancholischen Brüten plötzlich die Flamme des Irrsinns empor , als müsse die gewaltthätige Hand zerstörungswütig das stille Kaufmannshaus zum Schauplatz grauenvoller Ereignisse machen . Aber das Furchtbare geschah nicht . Mit dem Verschwinden der Frauengestalt in der dunklen Ecke schien auch der Sturm des in der Seele aufgeregten Mannes beschwichtigt . Er schritt weiter , dicht an der Tochter vorüber , so daß sie durch die klaffende Thürspalte sein heftiges Ausatmen zu spüren meinte . Gleich darauf rasselte der Schlüssel im nächsten Thürschloß . Der Kommerzienrat trat ein , zog den Schlüssel wieder ab und schob drinnen den Riegel vor . Ein Grauen überschlich die Lauschende . Was that er drinnen , so allein mit seinen dunklen Gedanken in den öden , verstaubten Räumen ? - Niemand im Hause ahnte , daß er noch hier verkehrte . Bärbe behauptete , er sei mit keinem Fuß wieder in den Gang gekommen - dazumal müsse ihm doch gar zu arg aufgespielt worden sein ; denn für nichts und wieder nichts gebe kein beherzter Mann so jämmerlich Fersengeld , daß er sich nicht wieder zurücktraue . Nun war er doch drin - wie vergraben in der tiefen Stille und Dämmerung ; denn kein Laut drang heraus . - Vielleicht war es aber gerade diese grabesruhige Abgeschiedenheit , die er schließlich suchte , wenn er im Weltgetriebe seinen bösen Dämon nicht abzuschütteln vermochte . Sie sänftigte wohl den inneren Sturm , das heiße , kranke Blut , das ihm so beängstigend den Kopf verdunkelte ... Ja , er war krank . Es war nicht , wie die Großmama fälschlich behauptete , ausschließlich der Gram um ihre verstorbene Mutter , der ihn so furchtbar verändert - war er doch in den ersten Jahren nach ihrem Tode nicht so verbittert und schwarzgallig gewesen - nein , er war krank , Wahngebilde verfolgten und marterten ihn ; das hatte sie schon am Abend ihrer Ankunft erkennen müssen . Er , der strengrechtliche , pünktliche Chef der hochgeachteten Firma Lamprecht , der stolze Mann , auf dessen Ehre auch nicht der leiseste Makel haftete , er bildete sich plötzlich ein , es könne eine Zeit kommen , wo man mit Fingern auf ihn zeige , wo er verfemt sein werde in Kreisen , denen sein falscher Ehrgeiz unablässig zustrebte . Das Herz krampfte sich ihr zusammen vor Weh , indem sie sich vergegenwärtigte , wie er vor ihr , seinem Kinde , in jenem Augenblick fast flehend gestanden und an ihre Mithilfe , ihre kindliche Treue appelliert hatte . So weit hatte ihn die tückische Krankheit bereits gebracht ! Einen Moment noch horchte sie nach der verriegelten Thür hin - es blieb totenstill dahinter - , dann stieg sie mit zitternden Knieen aus ihrem Versteck , raffte ihre vorhin abgeworfenen Oberkleider zusammen und flog nach einem der vorderen Zimmer , um dort ihren Anzug schleunigst wieder in Ordnung zu bringen ... Welch ein Glück , daß der Papa nicht zehn Minuten früher nach Hause gekommen war ! Versetzte ihn schon die gemalte , leblose Leinwand in eine so hochgradige Aufregung , was wäre wohl geschehen , wenn er das unselige Weib scheinbar leibhaftig jählings vor sich gesehen