nur einmal in einem harten Kopfe festgesetzt , erlischt sie nicht mit ihrem Gegenstand ; sie überträgt sich . Und auf wen hätte der Patriarch Mehlborn die seine wohl natürlicher übertragen sollen als auf die unnatürliche Tochter , die sich steifte , die Witwe Hilmars von Hartenstein zu heißen und als solche zu leben ? Gegen den Frühling hin war das Schloß in wohnlichen Zustand gebracht , und auf mächtigen Wagen langte der Hausrat der künftigen Bewohner an , dessen Ordnung Frau Hanna Blümel leitete . Etliche Tage später folgte die Familie nebst einem Hauslehrer und zahlreicher Dienerschaft . Die Gärten standen noch kahl , aber an Gewinden von Tannenreis und Efeublättern hatten Röschens kunstfertige Hände es nirgends fehlen lassen . Sie lauschte mit ihrem Dezem hinter einer Hofmauer verborgen , während der Vater die Ankömmlinge auf der Schloßrampe empfing und mit einer Anrede begrüßte , so warm , wie er eine zuständige Gutsherrschaft begrüßt haben würde . Alle trugen , zufolge der beiden Familiensterbefälle , denen sich noch der des jüngstgeborenen Töchterchens gesellt hatte , tiefe Trauerkleider . Alle schienen durch Abschluß und Eintritt tief bewegt . Am tiefsten der Propst . Er war tödlich bleich und in den neun Jahren , daß Pastor Blümel ihn nicht gesehen hatte , zum Greise ergraut . Lydia wendete ihre großen , ernsten Augen kaum von seinem Gesicht . Die Mutter schwamm in Tränen . Die Kinder - außer Lydia zwei Söhne und zwei Töchter - ließen die Köpfe hängen . Herr von Hartenstein reichte dem Pastor stumm die Hand und schritt , eine Foliobibel im Arm , in das Haus voran ; seine Gattin , Kinder und Dienerschaft folgten in geordnetem Zuge . Die Blümelsche Familie wendete sich heimwärts . Bevor sie den Hof verlassen hatte , ertönte von oben herab der Chorgesang : » Ein feste Burg ist unser Gott « , begleitet von einer kleinen Orgel , welche Kantor Beyfuß in dem Werbenschen Ahnensaale , dem einzigen unverändert gebliebenen Raume im Schloß , aufgestellt hatte . Die Spielerin war Lydia . Zu einem traulichen Verkehr zwischen den beiden geistlichen Familien , wie ihn die Blümelsche wohl gewünscht , aber kaum erwartet hatte , kam es nicht . Herr und Frau von Hartenstein machten nach Verlauf einer Woche im Pfarrhause einen Besuch , der in geziemender Frist von dem Pastor und seiner Gattin erwidert und von beiden Seiten ein und das andere Mal im Jahre wiederholt wurde . Damit hatte es sein Bewenden . Nach jedem dieser Besuche aber belebte sich im Pfarrkreise das Interesse an diesen edlen Menschen , die in einer dem eigenen Leben so fremden Beschränkung ihr Gnügen fanden , und war es zumal Frau Ottilie , welche in ihrer mädchenhaften zarten Schöne ein herzrührendes Bild hinterließ . Bei mehr als dreißig Jahren war der Ausdruck ihrer Züge und Augen kindlich heiterer als der ihrer zwölfjährigen Tochter ; und welche ein Kontrast mit dem ernsten , greisenhaften Gatten ! » Behüte Gott dieses Weib , « sagte Frau Hanna , » daß es nicht eines Tages eine schwere Mutterlast auf seinen Schultern zu tragen habe ! « Lydia war regelmäßig Zeugin jener förmlichen Besuche und unverändert das stille weiße Fräulein wie bei der ersten Begegnung auf dem Hünengrabe . Keine Spur jemals wieder von dem Anemonenhauch beim fröhlichen Exzellenzenmahl . Wie ihre Mutter für die Pfarrfrau , so ward für deren Gatten die Tochter je mehr und mehr zu einem Gegenstande sinnend sorglichen Anteils . Er pflanzte sie in seinen Kindergarten und nannte sie seine Lilie . » Behüte Gott diese Blume mit dem reinen Trieb zur Höh vor Lohe und Wurm , daß sie nicht schon im Morgenlicht den Kelch des Herzens zusammenziehe ! « sagte Konstantin Blümel . Die Hartensteinsche Familie besuchte die Dorfkirche niemals . Der Vater hielt häusliche Erbauungen und gab den Kindern auch selbst den Unterricht in der Religion . In weltlichen Fächern lehrte sie , als Lebensgenosse , ein von der Regierung suspendierter Dozent der heimischen Provinz , Magister Klein . Da die Standesgenossen weit und breit nicht zugleich Gesinnungsgenossen waren , wurde auch nach außenhin kein Umgang gepflegt . Es gab in der Gegend zwar einige Adelsfamilien von innerlich religiöser Richtung , Stille im Lande , wie sie seit Herrmann Frankes Zeiten genannt wurden ; ohne Ausnahme jedoch hatten sie sich dem Unionsedikt unterworfen , und das war eine Kluft , über welche für den Doktor von Hartenstein keine Brücke führte . So beschränkte sich denn der gelegentliche Verkehr auf etliche Treugebliebene aus dem Gelehrtenstande der benachbarten Universität , die ein dem Hartensteinschen verwandtes , einflußloses Separatistenleben führten . Der dem Propst am nächsten Stehende , aus dessen Händen er für seine Person auch das Abendmahl nach der alten Spendeformel empfing , war der in neuerer Zeit häufig genannte Professor Hildebrand . Während seiner Lehrtätigkeit ohne wesentlichen akademischen Einfluß , hatte bei seiner Suspension die Studentenschaft einmütig durch einen solennen Fackelzug gegen den Gewaltakt demonstriert und den unbeugsamen , still gelehrten Herrn für einen Tag oder zwei zu einem Glaubenshelden erhoben . Seitdem gehörte auch er zu der kleinen Schar der Auserwählten , welche von einem gewissen Wendepunkte erwartete , daß die Dornenkrone sich in eine Siegerkrone verwandeln werde . So verband sich einem innersten Gesetz eine Art von äußerer Notwendigkeit , um das häuslich klösterliche Wesen , in welches die Familie wie die Perle in der Muschel sich abschloß , vollständig zu machen ; vielleicht auch die Absicht , es augenfällig zu machen . Es kennzeichnete das Exil . Die Lebensweise war eine reichliche , aber streng geregelt ; die Dienerschaft bejahrt und sinnesverwandt ; die Einrichtung etwas kahl und ohne individuelles Gepräge , aber von übereinstimmender Gediegenheit . Das Silberzeug wie das dunkelgebräunte Zimmergerät bekundeten neben Sammlerfleiß und Kunstverstand den früheren kostspieligen Aufwand . Man würde sich in eine Abtei des fünfzehnten Jahrhunderts oder in eine Ritterburg versetzt geglaubt haben , wenn der lichte , glatte , nüchternbehagliche Schloßbau nicht gar zu widerspruchsvoll an eine neuere Zeit erinnert