! Welche Ironie lag darin , mir einen Tisch hinzustellen , auf welchem ausschließlich geschrieben werden sollte ! ... Und nun saß ich doch dran und schwitzte vor Seelenangst und Mühe ; denn ich sollte und mußte einen Brief schreiben - den ersten in meinem Leben . Ilse war unerbittlich gewesen . » Siehe du nun auch , wie du mit der eingerührten Geschichte fertig wirst ; nicht einen Finger rühre ich darum ! « hatte sie mitleidslos und entschieden erklärt und mich mit meiner Riesenaufgabe allein gelassen . » Liebe Tante ! Ich habe Deinen Brief gelesen . Es thut mir in der Seele weh , daß Du Deine schöne Stimme verloren hast , und da meine liebe Großmutter gestorben ist , so schicke ich Dir das Geld , « besagten die durcheinanderquirlenden schwarzen Buchstaben auf dem weißen Papier , das vor mir lag . Der Anfang war glücklich gefunden , und ich schlug die Augen auf nach weiterer Eingebung von außen . Ein köstlicher Duft strömte mir zu ; ja , da stand der Blumentisch ; prachtvolle , blaßgelbe Theerosen hingen schwer herüber und - o Himmel - um alle diese hochstrebenden , blütenbeschneiten Rosen- , Azaleen-und Kamelienbäume legte sich drunten ringsum ein Kranz von blühenden Heidebüschen ! Das hatte der alte Gärtner doch zu sinnig ausgedacht ! ... Ich warf die Feder hin und griff mit beiden Händen in die Blütenrispen ... Da stieg es auf , das bienenumsummte Dach mit der Heidegarnitur unter jeder Ziegelreihe , und von den Eichenwipfeln schrieen die Elstern in den stillen Baumhof hinab . Die alte Föhre trug die ganze Last der glühenden Nachmittagssonne auf ihren struppigen Zweigen , und in dem rot- und lilafarbenen Heideteppich blinkten die gelben Ginsterblüten wie eingestickte Goldsternchen ... Blaue Schmetterlinge ! Ich lief ihnen nach bis unter die Birke , in das dicke Erlen- und Weidengebüsch hinein , und , husch , fuhren meine nackten , heißen Füße in den köstlich kühlen , dunklen Heidefluß ! ... Ich schrak empor und zog die Hände zurück und tunkte aufs neue tief und zornig die Feder in das tückische Schwarz , das die Menschen zu meiner Qual erfunden . Aber nun weiter ! » Ich wohne mit meinem Vater bei Herrn Claudius in K. , wenn Du mir vielleicht schreiben und mir sagen willst , ob Du das Geld richtig durch die Post bekommen hast . « - Punktum ! Das war ganz gut so , aber ob sie es lesen konnte ? Ilse sagte immer , man könne keinen Sinn in meiner Schreiberei finden , weil die Buchstaben » gar so falsch nebeneinander stünden « . - Ach , da fing draußen der Kranich an zu tanzen , und eine Schar Perlhühner flüchtete scheu hinter die steinerne Teicheinfassung - Dagobert trat drüben aus dem Boskett ; er hieb im raschen Weiterschreiten mit seinem schlanken Stöckchen durch die Luft und schritt stracks auf die Karolinenlust zu ... Ich duckte mich ganz erschrocken nieder , denn er sah unverwandt nach dem Fenster , an welchem ich saß . Nein , nein , er kam nicht herein - es wäre doch zu einfältig gewesen , wenn ich meinem ersten , blitzschnellen und angstvollen Gedanken gehorcht und die Thür verriegelt hätte ! ... er ging hinauf in das Bibliothekzimmer ; ich hörte noch seinen verhallenden Tritt droben auf der letzten Stufe der Steintreppe ... Gott , was alles geschah doch in der Welt und wie viel gab es zu sehen und zu erleben , und doch gab es Menschen , die den ganzen Tag schrieben und sich über das starre , leblose Papier bückten , wie zum Beispiel Herr Claudius über seinen großen Folianten im Vorderhause ! ... Nun noch die Unterschrift : » Deine Nichte Leonore von Sassen , « und schließlich die Adresse , die ich mühsam , Buchstaben um Buchstaben , von dem zerknitterten Brieffragment meiner Tante kopierte ... Gott sei Dank ! Das war der erste , aber auch gewiß der letzte Brief , den ich geschrieben - ich wollte es nie wieder thun ! Da lag die Feder wieder auf dem altfränkischen Tintenfaß , wo ich sie vorgefunden - ich gönnte ihr von Herzen die ewige Ruhe einer Dahingeschiedenen . Ilse mußte , wohl oder übel , die fünf Siegel auf das Kouvert drücken ; dann trug sie den Brief zornig , mit spitzen Fingern , als brenne er , aber doch eigenhändig auf die Post - fremden Händen mochte sie um alle Welt das viele Geld nicht anvertrauen . Dieses mein armseliges Schriftstück und seine Folgen lassen mich stets an einen kleinen unschuldigen Vogel denken , der unbewußt das Samenkorn eines schlimmen , überwuchernden Unkrautes in ein künstlich angelegtes Blumenbeet trägt . 15 Die Firma Claudius war sehr alt . Sie hatte schon geblüht und einen bedeutenden Ruf gehabt , als der Tulpenschwindel von Holland aus durch die Welt lief , in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts , wo für drei Zwiebeln des Semper Augustus die unserem Jahrhundert völlig unbegreifliche Summe von dreißigtausend Gulden gezahlt wurde . Aus jener Zeit hauptsächlich stammte das große Vermögen der Claudius . Sie hatten sich dieses Zweiges der Blumenindustrie bemächtigt und die kostbarsten Tulpenexemplare erzielt . Man erzählte sich , viele der berühmtesten Spezies seien aus den geschickten deutschen Händen der Claudius hervorgegangen , man habe sie in Holland um fabelhafte Preise angekauft , adoptiert und unter holländischem Stempel in den Handel geschickt ... Je mehr aber die Reichtümer des Handlungshauses sich angehäuft , desto ehrbarer , einfacher und zurückhaltender gegen die Welt und ihre Freuden waren die verschiedenen Chefs der Firma geworden . Sie hatten die strengste bürgerliche Einfachheit und Schlichtheit aufrecht erhalten , und durch eine ganze Reihe von Testamenten und letztwilligen Verfügungen lief - für die jedesmaligen Nachfolger - eine ernste Mahnung zur Zucht und Ehrbarkeit und zum Fernhalten von jedwedem Luxus unter Androhung der Enterbung im Fall des Ungehorsams . So kam es , daß die äußere Physiognomie des dunklen , steinernen Hauses