wüßte : ich habe euch die Offenbarung meines eigenen Geheimnisses verheißen , nicht die der anderen Herzen . Mein Geheimnis in diesen Sommerwochen aber war , daß ich - ich ganz allein das der anderen - geahnt ? - nein , daß ich es gewußt habe . Ich sah nichts , ich hörte nichts , ich spürte nicht nach , berechnete nicht die verführerische Gunst der Gelegenheit . Aber ich atmete die Wahrheit gleichsam in der Luft ; ich fühlte es fast als Notwendigkeit , daß ein glückgewohnter Sinn wie der seine und ein nach Glück schmachtender wie der ihre zusammentreffen mußten , daß sie sich liebten und ihre Liebe genossen . Ich fühlte , ich wußte es - und ich wehrte der Sünde nicht . Sooft die Warnung : » Denk an Siegmund Faber « oder die Mahnung : » Sie ist einem Ehrenmanne zur Treue verlobt « , auf meinen Lippen schwebte , ich unterdrückte das Wort , denn seine Quelle war nicht rein . Es war nicht Dorotheens Pflicht , nicht die Ehre Siegmund Fabers , nicht das starke Gefühl für Recht und Sitte , es war dies alles wenigstens nicht allein und nicht zuerst , es war das eigene gekränkte Verlangen , das meinen Argwohn stachelte . Völlig unbefangen , ganz ohne Eigensucht und Eifersucht , würde ich , die Unerfahrene , der Reinheit einer Schwesterseele vertraut haben , wie Vater und Mutter , die Erfahrenen , derselben vertrauten . Ich fühlte mich nicht unschuldig , fühlte es mit Scham , und Scham und Stolz banden meine Zunge , und so wurde ich mitschuldig . Freilich auch ein Posaunenschall würde die Berauschten nicht aus ihrem ersten Taumel geweckt haben . Und warum dachte Siegmund Faber nicht selbst daran , seine einsame Braut an ihre Pflicht zu mahnen ? Warum schrieb er nicht ? Warum kehrte er nicht , und wäre es auf eine Stunde , vor dem Aufbruch ins Feld zu ihr zurück ? Warum traute er in sorglosem Wissens- und Tatendrange blindlings einem Wort , das nur Überraschung dem unerfahrenen Kinde abgelockt hatte ? einem herkömmlichen Gesetze der Treue , zu welchem das Herz nicht ja gesagt ? Hatte der Mann über dem Zergliedern der Nerven und Bänder des Leibes den Nerv und das Band der Seele zu prüfen versäumt ? Oder hatte er deren Schwachheit an dem Maße seiner eigenen Schwachheit erkannt und das Wagnis der Treue von vornherein als Torheit aufgegeben ? Alle diese Entschuldigungen habe ich mir jetzt und später oft genug wiederholt , und - sie haben mich niemals entschuldigt . Indessen nicht meine apprehensive Stimmung allein , auch äußerliche Merkzeichen wurden für mich zum Verräter . Wer beschreibt den geheimnisvollen Schimmer über dem Leben und Weben eines Glücklichen ? Wer beschriebe ihn zumal über dem Leben und Weben einer so freudigen Natur wie Dorothees ? Ich sah den Rückstrahl ihres erfüllten Gemüts , und zwar am deutlichsten daran , daß ich sie selber nur noch so selten sah . Wir waren ausgesöhnt , sie hatte keinen Grund , mich zu meiden . Sie mied mich auch nicht , aber sie suchte mich nicht , sie bedurfte meiner nicht wie sonst . Sie , die vor wenigen Wochen mir entgegenjauchzte : » Nun , da Sie da sind , ist alles , alles gut ! « sie hatte einen anderen , der mich verdrängte . Aus dem Kinde , der Jungfrau war ein Weib geworden . Deutlicher aber noch sprach die heimliche Wandlung aus der Stimmung des Prinzen . Seine persönlichen Angelegenheiten hatten sich über Erwarten gut gestaltet , indem der gutherzige Friedrich August ihn zwar nicht aus seinen Diensten entlassen , aber ihm die Teilnahme am Feldzug unter preußischer Fahne bewilligt , auch seinen Gläubigern gegenüber großmütig Bürgschaft übernommen hatte . Er , der im vorigen Jahre in das wüste Emigrantenlager desertierte , der vor kurzem noch so zornig über das Zögern der Verbündeten aufbrauste : jetzt war er frei , warum ging er nicht ? Er , der die Vernichtung des fränkischen Gesindels für ein Parademanöver , den Einzug in Paris für eine Promenade und die Herstellung des souveränen Thrones für ein Kinderspiel erklärte , er hatte jetzt tausend Bedenken , welche das geflissentliche Zaudern in seinen Augen bemäntelten . Der Zwiespalt der verbündeten Kabinette , der im eigenen preußischen Lager , die Wahl des Braunschweigers statt des Königs zum Oberfeldherrn , die unfertige Rüstung , die Verspätung für einen Sommerfeldzug - alles Bedenken , welche die Folgezeit nur gar zu schmerzlich gerechtfertigt hat ! Diesem feurigen Jünglingsmute aber war sie angekünstelt und eingeklügelt , weil es eine Macht gab , die ihn zurückhielt , ebenso stark wie die , welche ihn vorwärts trieb . Ich teilte die Auffassung meiner Lebensgenossen über die Natur dieses Krieges . Ich hielt es für eine gerechte , ja heilige Sache , die Wohlfahrt , vielleicht die Existenz des eigenen Volkes aufs Spiel zu setzen , um einem fremden König seine Krone zu retten . Ich zweifelte auch nicht an einem raschen Siege der sieggewohnten preußischen Armee , und es war mir eine genugtuende Vorstellung , die Tochter Maria Theresias durch den Erben Friedrichs wieder in ihre Rechte eingeführt zu sehen . Ich verhehlte mir überdies nicht , daß die Mannesschule für meinen jungen Freund allein das Schlachtfeld sei , und daß der Konflikt , welcher uns alle bedrohlich umspann , nur durch sein Scheiden eine Lösung fände . Ich billigte daher des Prinzen kriegerischen Entschluß , unterstützte ihn ihm gegenüber , und dennoch , dennoch atmete ich auf wie erlöst , wenn er wieder einen neuen Grund des Hinhaltens und Verweilens aufgefunden hatte . Das Regiment Weimar , dem er zugeteilt war , brach auf ohne ihn . » Kunktator Braunschweig wird sich nicht übereilen , « so hieß es , » ich erreiche den Rhein früher als er . « Dann wieder sollte das » Marionettenspiel « der Kaiserkrönung in Frankfurt vorübergelassen werden , und endlich selber , als der König